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Autor

Prof. Dr. Martin Stummbaum
Dipl. Sozialpädagoge (FH), Dr. phil., Professor für Soziale Arbeit  an der Hochschule Emden-Leer.
Kontakt: martin.stummbaum@hs-emden-leer.de

Inhalt

  1. 1. Blended Help als innovatives Konzept Sozialer Arbeit
  2. 2. Selbsthilfekontakt- und Selbsthilfeunterstützungseinrichtungen
  3. 3. Selbsthilfegruppenunterstützung in der Sozialen Arbeit
  4. 4. Begleitete Selbsthilfegruppen
  5. 5. Blended Help als Konzept sozialraumorientierter Sozialer Arbeit
  6. Literatur


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Claudia Muche, Andreas Oehme, Inga Truschkat: Übergang, Inclusiveness, Region. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-1938-4.
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Michael Noack (Hrsg.): Empirie der Sozialraum­­orientierung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 335 Seiten. ISBN 978-3-7799-3412-7.
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Blended Help – Ein innovativer Ansatz sozialraumorientierter Sozialer Arbeit

Martin Stummbaum

Selbsthilfegruppen lassen sich in Anlehnung an Maurer (2005: 633) als ein Sozialraum, in „dem Menschen in Gesellschaft sich gegenseitig wahrnehmen und zu erkennen geben können [sowie] als Boden für eine teilnehmende, teilhabende, selbst gestaltende Praxis“ beschreiben. Selbsthilfegruppen haben sich in den zurückliegenden Jahrzehnten in Deutschland von einem alternativen Nischenphänomen zu einer gesellschaftlich weit verbreiteten und politisch anerkannten Bewegung entwickelt. Im Jahre 2004 engagierten sich in Deutschland geschätzte drei Millionen Bürger/innen in circa 100.000 Selbsthilfegruppen (Robert Koch-Institut 2004).

Blended Help stellt ein innovatives Konzept dar, den Sozialraum „Selbsthilfegruppe“ auch für jene zu erschließen, die gemeinhin als nicht selbsthilfegruppenfähig eingestuft oder die von den tradierten Angeboten der Selbsthilfeunterstützung nicht erreicht werden. Nickel et al. (2006) klassifizieren in diesem Zusammenhang dezidiert von Arbeitslosigkeit betroffene Bürger/innen sowie Bürger/innen mit Migrationshintergrund und Bürger/innen im Sozialhilfebezug als Personengruppen, die im tradierten System der Selbsthilfeunterstützung nicht adäquat berücksichtigt werden. Diese Personengruppen gehören nach Roer und Maurer-Hein (2004) auch im 21. Jahrhundert zu den zentralen Adressatengruppen Sozialer Arbeit.

Blended Help markiert gerade für diese Adressatengruppen eine sozialräumliche Perspektive, die individuelle und gesellschaftliche Problem- und Lösungsfacetten ex aequo integrieren kann. Auf der Basis einer solchen gleichrangigen „Verschränkung von Singulärem und Gesellschaftlichem kommt Soziale Arbeit [nicht nur] zu ihrem genuinen Thema“ (Roer/Maurer-Hein 2004: 47), sondern kann insbesondere auch Prozesse „kollektiver Bestimmung und Veränderung […] [von] Lebensbedingungen“ (Boulet/Krauss/Oelschlägel 1980: 203 zit. n. Schreier 2011: 2) befördern. Blended Help lässt sich in dieser zweifachen Zielsetzung in die von Marquard (2009) formulierte Strategie einer Demokratisierung des Wohlfahrtsstaates von unten einfügen.

1. Blended Help als innovatives Konzept Sozialer Arbeit

Das Label „Blended Help“ bezeichnet in Anlehnung an den Anglizismus „Blended Learning“ ein innovatives Konzept, das darauf ausgerichtet ist, unterschiedliche Unterstützungs- und Leistungsangebote hybrid zu arrangieren. Zielsetzung von Blended Help ist es, unterschiedliche Angebote zu einem anforderungs- bzw. bewältigungsoptimalen Unterstützungs- bzw. Leistungssetting zusammen zu fügen (Stummbaum 2010; vgl. auch Evers/Ewert 2010). Blended Help markiert in diesem hybriden Verständnis kein geschlossenes Hilfesetting, sondern ist für unterschiedliche Hilfedomänen offen, kombinierbar und anschlussfähig. Stummbaum und Stein (2011) exemplifizieren Blended Help für das Handlungsfeld der Altenhilfe und entwerfen hybride Hilfearrangements unter der Anforderungsperspektive eines selbstbestimmten Lebens im Alter. In dieser Anforderungsperspektive überwindet Blended Help die Restriktionen einzelner Leistungs- bzw. Unterstützungsarten und generiert hybride Arrangements professioneller Altenhilfe und -pflege, technischer Hilfen sowie familiärer Unterstützung und zivilgesellschaftlichen Engagements.

Blended Help eröffnet mittels der bewussten Verschränkung bzw. Kombination verschiedener Hilfe- bzw. Leistungsangebote spezifische und synergetische Bewältigungs- bzw. Lösungsperspektiven. Evers (2002: 13) sieht wesentliche Vorteile hybrider Leistungsarrangements darin, „dass sich Ressourcen verschiedener Art ergänzen [lassen], eine Mehrzahl von Zielen gebündelt und kooperative Entscheidungsstrukturen gefunden werden können, die Kompromisse zwischen verschiedenen Interessen und Blickwickeln erleichtern […].“

In seinen konzeptionellen Kerngedanken weist Blended Help eine innovative Perspektive, hybride Angebotssettings dabei nicht (vorrangig) als professionelle Planungs- bzw. Koordinierungsleistung, sondern als Ergebnis kollektiven Selbsthilfegruppenengagements von Betroffenen zu generieren (Stummbaum 2011). Blended Help erweitert damit den (Management)Ansatz des hybriden Arrangements von Leistungen bzw. Ressourcen um die Perspektive der Partizipation und institutionalisierten Mitbestimmung von Adressat/innen (vgl. auch Stummbaum/Stein 2012). In dieser Erweiterung formuliert Blended Help eine grundlegende Strategie zur Demokratisierung des Wohlfahrtsstaates von unten (Marquard 2009).

Um Hilfeangebote mittels Partizipation und institutionalisierter Mitbestimmung von Betroffenen hybrid erstellen zu können, bedient sich Blended Help des Konstrukts der begleiteten Selbsthilfegruppen. Diese von Fachkräften der Sozialen Arbeit begleiteten Selbsthilfegruppen sind zentraler Bestandteil von Blended Help, um „das Dilemma auflösen zu können, dass einerseits gewisse Kompetenzen Voraussetzungen für die gewinnbringende Teilnahme [an Selbsthilfegruppen] sind und andererseits die nötigen Kompetenzen erst als Folge der Teilnahme entstehen“ (Nickel et al. 2006: 12). Das innovative Konzept Blended Help leistet damit einen grundlegenden Beitrag, um die Zugangs- und Teilnahmechancen an Selbsthilfegruppen insbesondere auch für Menschen in sozialen Problem- und Benachteiligungskontexten zu verbessern und unterscheidet sich somit vom tradierten Arbeitsansatz der Selbsthilfegruppenunterstützung in Deutschland.

2. Selbsthilfekontakt- und Selbsthilfeunterstützungseinrichtungen

Die deutschlandweit über 270 Selbsthilfekontaktstellen und Selbsthilfeunterstützungseinrichtungen vernachlässigen in ihren tradierten Arbeitsansätzen gemeinhin den Aspekt gerechter Zugangs- und Teilnahmechancen an Selbsthilfegruppen (Stummbaum 2011). In einer Art von „Türsteherfunktion“ wird von an einem Selbsthilfegruppenengagement interessierten Menschen „fast immer ein besonderer Nachweis der Selbsthilfefähigkeit […] vorausgesetzt“ (Greiwe 2008: 1). Die in Deutschland tradierte Selbsthilfeunterstützung selektiert damit zwischen voraussetzungsstarken und -schwachen Hilfesuchenden. Greiwe (2008: 1) stellt diese Praxis tradierter Selbsthilfeunterstützung in Frage und formuliert pointiert: „Wer nicht von Anfang an genug Selbsthilfe-‚Qualitäten’ hat, der hat nun mal Pech gehabt? Hätt’ sich ja schließlich selber helfen können, ansonsten gibt es ja noch die Fremdhilfe, den Weg zu den Profis, den Therapeuten und Sozialarbeitern“.

Der Negativeinstufung „Unfähig zum Selbsthilfegruppenengagement“ liegt vielfach eine ideologische Interpretationsfolie zugrunde, welche Selbsthilfegruppenengagement enge Grenzen setzt (vgl. Gillich 2007).

In verschiedenen Erhebungen und Modellprojekten wie beispielsweise dem Projekt „Aktivierung von Selbsthilfepotenzialen“ (Kohler/Kofahl/Trojan 2009) werden in letzter Zeit Ansätze erprobt und evaluiert, die Selbsthilfegruppenengagement innerhalb des tradierten Unterstützungssystems befördern (sollen). Kofahl, Kohler und Trojan (2010: 132) konstatieren, dass „derartige Modellprojekte […] mit externer Zusatzfinanzierung […] Voraussetzungen und Möglichkeiten schaffen [können], neue Wege und Instrumente […] zu erproben, für die im Praxisalltag weder Zeit noch Ressourcen zur Verfügung stehen.“

Im Vergleich hierzu greift das innovative Konzept Blended Help den Missstand einer exkludierenden Selbsthilfeunterstützung grundsätzlich und im besonderen Fokus der Adressatengruppen und Handlungskontexte der Sozialen Arbeit auf. Anders als die tradierten Angebote der Selbsthilfeunterstützungsstellen offeriert Blended Help damit nicht nur Anregungs- und Gelegenheitsstrukturen, sondern eröffnet dezidiert einen Ermöglichungsraum für Selbsthilfegruppenengagement. Blended Help setzt damit die Bereitschaft und Fähigkeit zum Selbsthilfegruppenengagement nicht als gegeben voraus, sondern macht diese zum Bestandteil professioneller Sozialer Arbeit.

Die damit verbundene Abkehr vom tradierten System der Selbsthilfeunterstützung ist nicht nur unter dem Aspekt gerechter Zugangs- und Teilnahmechancen angezeigt, sondern vor allem auch aufgrund der Nebenwirkungen tradierter Selbsthilfeunterstützung. Diese Nebenwirkungen sind in der tradierten Selbsthilfeunterstützung systemimmanent und finden dort auch keine adäquate Beachtung bzw. professionelle Bearbeitung. Im Sinne eines „Kollateralschadens“ werden diese Nebenwirkungen tradierter Selbsthilfeunterstützung gemeinhin mehr oder minder in Kauf genommen oder in die Verantwortung der in Selbsthilfegruppen engagierten Menschen ausgelagert (Stummbaum 2011). Vogel (1990) beispielsweise evaluierte die negativen Konsequenzen, die aus nicht gelungenen Vermittlungen in Selbsthilfegruppen erwachsen und die im tradierten System der Selbsthilfeunterstützung negiert werden. Schulte (2005) beschreibt die Anforderungen eines erfolgreichen Selbsthilfegruppenengagements, welche aufgrund unzureichender Unterstützung zu einer Überlastung führen.

Vor dem Hintergrund der eben skizzierten Nebenwirkungen markiert Blended Help über den anvisierten Zielbereich der Adressatengruppen und Handlungsfelder der Sozialen Arbeit hinaus ein innovatives Konzept, das allen selbsthilfegruppeninteressierten und selbsthilfegruppenengagierten Menschen nützlich sein kann.

3. Selbsthilfegruppenunterstützung in der Sozialen Arbeit

Selbsthilfegruppenengagement findet im Konzeptbereich von Blended Help seine Entfaltung nicht in Abgrenzung bzw. in Ergänzung zur Sozialen Arbeit, sondern in einem hybriden Arrangement von Selbsthilfegruppenengagement und Sozialer Arbeit (vgl. Borgetto 2004). In diesem hybriden Arrangement wird Selbsthilfegruppenengagement für und über die Soziale Arbeit erschlossen. Für die Soziale Arbeit, um Leistungen und Ressourcen hybrid arrangieren zu können, sowie über die Soziale Arbeit für Menschen in sozialen Benachteiligungs- und Problemkontexten, damit diese Personengruppe im Sinne einer Demokratisierung des Wohlfahrtsstaates von unten (Marquard 2009) in der Sozialen Arbeit partizipieren und mitbestimmen können.

Diese Hybridisierung und Demokratisierung von Sozialer Arbeit wird realisiert, indem Selbsthilfegruppenengagement als externe Ressource mittels des methodischen Konstrukts der begleiteten Selbsthilfegruppe in den professionellen Leistungserbringungskontext der Sozialen Arbeit integriert und (anfangszeitlich) begleitet wird. Selbsthilfegruppenengagement erfährt im Zuge dieses Integrationsprozesses eine Transformation von einer externen zu einer internen bzw. intermediären Ressource (vgl. Stummbaum 2008).

Einhergehend mit diesem Statuswandel von der externen zur internen bzw. intermediären Ressource lassen sich grundlegende Voraussetzungen für die Partizipation und verfasste Mitbestimmung von in begleiteten Selbsthilfegruppen engagierten Menschen implementieren. Über das Konstrukt der begleiteten Selbsthilfegruppe können Partizipation und Mitbestimmung sowohl auf den Ebenen der Organisationen der Sozialen Arbeit und der Sozialen Arbeit als Profession als auch auf der Ebene der unmittelbaren Beziehung zwischen Fachkräften und Adressat/innen der Sozialen Arbeit institutionalisiert werden.

4. Begleitete Selbsthilfegruppen

Begleitete Selbsthilfegruppen erschließen nicht nur einen Ermöglichungsraum, in dem Selbsthilfegruppenengagement erfahren, erprobt und reflektiert werden kann, sondern bereiten auch Übergänge in (unbegleitete) Selbsthilfegruppen vor. Diese Übergänge in (unbegleitete) Selbsthilfegruppen können eine Realisierung erfahren, indem beispielsweise begleitete Selbsthilfegruppen als unbegleitete Selbsthilfegruppen fortgeführt werden oder in dem Teilnehmer/innen aus begleiteten Selbsthilfegruppen in bereits bestehende (unbegleitete) Selbsthilfegruppen wechseln bzw. eigene (unbegleitete) Selbsthilfegruppen gründen.

Die anfängliche Begleitung von Selbsthilfegruppenengagement ermöglicht somit nicht nur zusätzliche Handlungsräume, sondern unterstützt die „menschliche Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln“ (Arendt 1990: 45).

Aufgrund dieser lediglich temporären Begleitung erweisen sich auch Befürchtungen, dass die Integration von Selbsthilfegruppenengagement zu einem Verlust dessen kritischen Potenzials führt, als unbegründet (vgl. Maurer 2005). Das methodische Konstrukt der begleiteten Selbsthilfegruppe erscheint zwar der gemeinhin vorherrschenden Vorstellung von Selbsthilfegruppen als ein von professionellen Fachkräften freier Raum zu widersprechen. Unter Bezugnahme auf die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (1987), die die zeitweise Hinzuziehung von professionellen Helfer/innen – sofern diese keine Leitungsaufgaben übernehmen – als mit den Grundsätzen von Selbsthilfegruppen konform betrachten, verweist Stummbaum (2011) auf die Differenzierung der beiden Begrifflichkeiten von leiten und begleiten. „Während leiten die Gesamtheit der Maßnahmen einer professionellen Fachkraft zur Erreichung selbsthilfegruppenbezogener Zielsetzungen bezeichnet, umschreibt begleiten die Gesamtheit der Maßnahmen einer professionellen Fachkraft, die eingesetzt werden, um Selbsthilfegruppenengagement sowohl für einzelne hilfesuchende Bürger/innen als auch für Gruppen von hilfesuchenden Bürger/innen zu ermöglichen“ (Stummbaum 2011: 456).

Begleitete Selbsthilfegruppen lassen sich im Konzeptbereich von Blended Help demzufolge als eine Neukonfiguration von tradiertem Selbsthilfegruppenengagement definieren.

Richtungsweisende Hinweise zur methodischen Ausgestaltung begleiteter Selbsthilfegruppen können u.a. aus dem Modellprojekt „In-Gang-Setzer/innen“ (Greiwe 2006; www.in-gang-setzer.de 2012) und dem Modellprojekt zur professionellen Begleitung einer Selbsthilfegruppe für Schmerzpatient/innen (Hammerl/Hermes 2002) gewonnen werden. Im Rahmen dieses Modellprojekts wurden Patient/innen auf dem Weg zu einer Selbsthilfegruppe über einen Zeitraum von zwölf Monaten von professionellen Fachkräften begleitet (vgl. auch Reichwald 1999).

5. Blended Help als Konzept sozialraumorientierter Sozialer Arbeit

Blended Help findet seinen Ausgangspunkt in der personenbezogenen Betroffenheit einzelner Bürger/innen. Auf der Basis dieser Betroffenheiten entwickelt es mittels des Sozialraums einer begleiteten Selbsthilfegruppe individuelle und kollektive Prozesse von Selbsthilfe(gruppen)engagement. Die positiven Effekte von Selbsthilfegruppenengagement sind vielfältig (vgl. Borgetto 2004) und lassen sich im Kontext einer sozialraumorientierten Sozialen Arbeit in einer binnen- und außenräumlichen Perspektive von Selbsthilfegruppen verorten.

In einer binnenräumlichen Sichtweise lassen sich die Positiveffekte von Selbsthilfegruppenengagement beispielsweise in der Entwicklung von Sozialräumen unmittelbarer Solidarität und Anteilnahme, reziproker Hilfen sowie der Beteiligung und Selbstorganisation beschreiben.

In einer außenräumlichen Betrachtungsperspektive lassen sich als positive Effekte von Selbsthilfegruppenengagement beispielsweise die Entwicklung von Sozialräumen der Interessenartikulation und -vertretung benennen. Wiedemann (2005: 45) definiert die Wahrnehmung einer gemeinsamen Betroffenheit und die Erfahrung, dass „in dieser Gemeinsamkeit Stärke“ liegt, als einen „der ersten und vielleicht wichtigsten Schritte“ (ebd.) für die erfolgreiche Interessenvertretung der gesundheitsbezogenen Selbsthilfebewegung. Die Konstruktion kollektiver (Betroffenen)Identität kann nach Golova (2011: 103) „als Prozess der Konstitution von Räumen interpretiert werden, für die ein spezifisches Zusammenspiel der symbolischen, interaktionellen und materiellen Faktoren charakteristisch ist.“

Dierks und Seidel (2005) kommen in einer deutschlandweiten Befragung zu dem Ergebnis, dass rund 38 Prozent der befragten gesundheitsbezogenen Selbsthilfegruppierungen die politische Interessenvertretung als einen Schwerpunkt ihres Selbsthilfegruppenengagements wahrnehmen.

Das in der Befragung von Dierks und Seidel (2005) erhobene Vertretungspotenzial dürfte unter Zugrundelegung eines umfassenderen Politikverständnisses, welches die individuellen und kollektiven Erfahrungen in Selbsthilfegruppierungen etwa von Solidarität und Selbstwirksamkeit als Rohstoffe des Politischen (Negt/Kluge 1993) begreifen, als noch weitaus höher einzustufen sein. In einem solchermaßen verstandenen Politikverständnis generieren Selbsthilfegruppen einen Transformationsraum, in dem soziale Probleme aus ihren subjektiv-alltäglichen Manifestationen nicht nur der öffentlichen Wahrnehmung, sondern mittels einer kollektiven Betroffenenbewegung einem politischen Vertretungsprozess zugeführt werden können (Stummbaum 2010 und 2011).

Blended Help buchstabiert den Grundsatz „Hilfe zur Selbsthilfe“ als „Hilfe zum Selbsthilfe(gruppen)engagement“ aus und formuliert eine innovative Perspektive sozialraumorientierter Sozialer Arbeit, die sich nicht auf den lokalen Sozialraum begrenzt, sondern gesamtgesellschaftliche und politische Sphären miteinbezieht. Blended Help wird damit u. a. dem Umstand gerecht, dass „die wesentlichen Problemlagen der Menschen in benachteiligten  […] [Sozialräumen] nicht in einer räumlichen Exklusion, sondern in ihrer sozialen und ökonomischen Deprivation, also in Armut und Arbeitslosigkeit [bestehen]“ (Fehren 2009: 290). In diesem Problemverständnis entwirft Blended Help mittels des methodischen Settings der begleiteten Selbsthilfegruppe eine Bewältigungsperspektive, die nicht auf individuelle bzw. sozialräumliche Kontexte reduziert bleiben muss, sondern (gesamt)gesellschaftliche Entstehungszusammenhänge reflektiert (vgl. Kleve 2004) und ggf. bearbeitet.

Das Beschreiten der in den vorangegangenen Ausführungen skizzierten Perspektiven erfordert und fördert auf Seiten der Sozialen Arbeit „die Entwicklung eines partizipatorisch-demokratisch korrigierten Professionsverständnisses“ (Marquard 2009: 4) sowie veränderte Organisationsmodelle (vgl. Kleve 2007; Klatetzki 2010; Stummbaum 2011), um die Blended Help intendierten Zielsetzungen einer Demokratisierung des Wohlfahrtsstaates von unten sowie eines hybriden Arrangements von Leistungen und Ressourcen realisieren zu können. Aufbauend auf die hybride Leistungsarchitektur von Blended Help lassen sich mittels des Konstrukts einer begleiteten Selbsthilfegruppe Bewältigungsperspektiven entwickeln, die ihren Kulminationspunkt in einer gesellschaftlichen und politischen Interessensvertretung finden (können) (vgl. Chassé 2008).

In diesem Kulminationspunkt entwickelt sich aus den im Rahmen von Blended Help begleiteten Selbsthilfegruppen ein (unbegleitetes) Selbsthilfegruppenengagement, welches soziale Probleme und Benachteiligungen in ihren subjektiv-alltäglichen Manifestationen nicht nur im Binnenraum einer (begleiteten) Selbsthilfegruppe bearbeitet, sondern in einer gemeinsamen Betroffenenbewegung in einen gesellschaftlichen und politischen Vertretungsprozess einmünden lässt (Stummbaum 2011).

Literatur

Arendt, H. (1990): Macht und Gewalt. München

Boulet, J./Krauss, J./Oelschlägel, D. (1980): Gemeinwesenarbeit. Eine Grundlegung. Bielefeld

Borgetto, B. (2004): Selbsthilfe und Gesundheit. Analysen, Forschungsergebnisse und Perspektiven in der Schweiz und in Deutschland. Bern

Chassé, K. A. (2008): Selbsthilfe. In: Chassé, K. A./Wensierski, H.-J. v. (Hrsg.) (2008): Praxisfelder der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. 4. aktualisierte Auflage. Weinheim und München. S. 300-310

Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (DAG SHG e.V.) (Hrsg.) (1987): Selbsthilfegruppenunterstützung. Ein Orientierungsrahmen. Gießen

Dierks, M.-L./Seidel, G. (2005): Gesundheitsbezogene Selbsthilfe und ihre Kooperationen mit den Akteuren in der gesundheitlichen Versorgung. Ergebnisse einer Telefonbefragung. In: Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. (Hrsg.): Selbsthilfegruppenjahrbuch 2005. Gießen. S. 137-149

Evers, A. (2002): Gegenstand, analytisches Konzept und Methodik der Studie. In: Evers, A./Rauch, U./Stitz, U. (Hrsg.): Von öffentlichen Einrichtungen zu sozialen Unternehmen. Hybride Organisationsformen im Bereich sozialer Dienstleistungen. Berlin. S. 11-44

Evers, A/Ewert, B. (2010): Hybride Organisationen im Bereich sozialer Dienste. Ein Konzept, sein Hintergrund und seine Implikationen. In: Klatetzki, T. (Hrsg.) (2010): Soziale personenbezogene Dienstleistungsorganisationen. Soziologische Perspektiven. Wiesbaden. S. 103-128
Fehren, O. (2008): Wer organisiert das Gemeinwesen? Zivilgesellschaftliche Perspektiven Sozialer Arbeit als intermediärer Instanz. Berlin

Fehren, O. (2009): Was ist ein Sozialraum? Annäherung an ein Kunstwerk. In: Soziale Arbeit. 08/2009. 58 Jg. Berlin. S. 286-293

Golova, T. (2011): Räume kollektiver Identität. Raumproduktion in der >linken< Szene in Berlin. Bielefeld

Greiwe, A. (2006): In-Gang-SetzerInnen. Stütze für neue Selbsthilfegruppen. In: DAG SHG (Hrsg.): Selbsthilfegruppenjahrbuch 2006. Gießen. S. 88-96

Greiwe, A. (2008): In-Gang-Setzer erleichtern den Zugang zur Selbsthilfe. Kongressbeitrag zum 14. bundesweiten Kongress „Armut und Gesundheit“ am  05./06.12.2008 in Berlin.

http://www.Gesundheit-berlin.de/download/Greiwe,andreas.pdf (download am 29.09.2009)

Gillich, S. (2007): Wider die Individualisierung der Selbsthilfe. Karriere eines strapazierten Begriffs am Beispiel: Selbsthilfe Wohnungsloser. In: Blätter der Wohlfahrtspflege. Deutsche Zeitschrift für Sozialarbeit. 03/2007. S. 111-112

Hammerl, V./Hermes, K. (2002): Kooperation Krankenhaus und Selbsthilfe. Evaluation eines Modellprojekts. München

http://www.in-gang-setzer.de (download m 17.01.2012)

Kleve, H. (2004): Sozialraumorientierung. Systemische Begründungen für ein klassisches und innovatives Konzept der Sozialen Arbeit. In: Sozialmagazin, 03/2004. S. 12-22

Kleve, H. (2007): Sozialraumorientierung als postmoderne Kritik an der modernen Sozialen Arbeit. Ein systemtheoretischer Außenblick. In:  Haller, D./Hinte, W./Kummer, B. (Hrsg.) (2007): Jenseits von Tradition und Postmoderne. Sozialraumorientierung in der Schweiz, Österreich und Deutschland. Weinheim und München. S. 255-262

Kluge, A./Negt, O. (1993): Maßverhältnisse des Politischen. 15 Vorschläge zum Unterscheidungsvermögen. Frankfurt/Main

Kofahl, C./Kohler, S./Trojan, A. (2010): Projekt „Aktivierung von Selbsthilfepotenzialen“. Eine zusammenfassende Betrachtung. In: DAG SHG (Hrsg.): Selbsthilfegruppenjahrbuch 2010. Gießen. S. 127-135

Kohler, S./Kofahl, C./Trojan, A. (2009): Zugänge zur Selbsthilfe. Ergebnisse und Praxisbeispiele aus dem Projekt „Aktivierung von Selbsthilfepotentialen. Bremerhaven

Marquard, P. (2009): Auf den Nutzer kommt es an – und natürlich die Nutzerin: Konzeptionelle Grundlagen, Handlungslogiken und Arbeitsprinzipien für eine sozialräumlich strukturierte Soziale Kommunalpolitik. sozialraum.de. 02/2009

Maurer, S. (2005): Soziale Bewegung. In: Kessl, F./Reutlinger, C./Maurer, S./Frey, O. (Hrsg.) (2005): Handbuch Sozialraum. Wiesbaden. S. 629-648

NAKOS. Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (Hrsg.) (2009): Selbsthilfe bei Migrantinnen und Migranten fördern und unterstützen. Anregungen und Beispiele für Selbsthilfekontaktstellen und Selbsthilfe-Unterstützungseinrichtungen. Konzepte und Praxis 2. Berlin 2009

Nickel, S./Werner, S./Kofahl, Ch./Trojan, A. (Hrsg.) (2006): Aktivierung zur Selbsthilfe. Chancen und Barrieren beim Zugang zu schwer erreichbaren Betroffenen. Essen

Reichwald, U. (1999): Selbsthilfe und Psychologie. Ein Erfahrungsbericht aus der Arbeit mit Selbsthilfegruppen chronischer Schmerzpatienten. In: Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. (Hrsg.): Selbsthilfegruppenjahrbuch 1999. Gießen.

http://www.dag-selbsthilfegruppen.de/site/data/DAGSHG/SHGJahrbuch/ DAGSHG_JB1999_Reichwald.pdf
(download am 29.09.2009)

Robert Koch-Institut (Hrsg.) (2004): Selbsthilfe im Gesundheitsbereich. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 23. Berlin

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Schreier, M. (2011): Gemeinwesenarbeit (re-)politisiert!? Denk- und Diskussionsanstöße im Kontext kritisch-reflexiver Sozialer Arbeit. sozialraum.de. 01/2011

Schulte, H. (2005): Wer immer nur gibt, muss auch auftanken. Erfahrungen aus Seminaren der Frauenselbsthilfe nach Krebs. In: DAG (Hrsg.): Selbsthilfegruppenjahrbuch 2005. Gießen. S. 16-21

Stummbaum, M. (2008): Selbsthilfegruppen als strategischer Partner. Sozialwirtschaft. Zeitschrift für Sozialmanagement. 6/2008. S. 27-29

Stummbaum, M. (2010): Blended Help. Ein innovatives Konzept betroffenengruppenbezogener Sozialer Arbeit. Sozialwirtschaft. Zeitschrift für Sozialmanagement 4/2010. S. 37-39

Stummbaum, M. (2011): Betroffenengruppenorientierte Soziale Arbeit. Soziale Arbeit. 12/2011. S. 454-461

Stummbaum, M./Stein, M. (2011): Blended Help. Altersgerechte Assistenzsysteme in hybriden Unterstützungskontexten. In: Bundesministerium für Bildung und Forschung/Verband der Elektrotechnik VDE e.V. (Hrsg.): Demographischer Wandel. Assistenzsysteme aus der Forschung in den Markt. Publikation zum 4. Deutschen AAL-Kongress 2011. Berlin

Stummbaum, M./Stein, M. (2012): Strategien der Interessenvertretung in Jugendarbeit und Jugendpolitik. In: Lindner, W. (Hrsg.): Political (Re-)Turn? Jugendarbeit und Jugendpolitik. Wiesbaden

Vogel, R. (1990): Gesprächs-Selbsthilfegruppen. Interviews mit Aussteigern und Dabeigebliebenen. Berlin

Wiedemann, J. (2006): 20 Jahre Selbsthilfe im Gesundheitsbereich. In: Stummbaum, M./Rengeling, D. (Red.): 20 Jahre Selbsthilfeunterstützung in München. München. S. 44-47


Zitiervorschlag

Martin Stummbaum: Blended Help. In: sozialraum.de (4) Ausgabe 1/2012. URL: http://www.sozialraum.de/blended-help-ein-innovativer-ansatz-sozialraumorientierter-sozialer-arbeit.php, Datum des Zugriffs: 27.04.2017

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