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Sarah Dieckbreder-Vedder, Frank Dieckbreder (Hrsg.): Das Konzept Sozialraum (Beispiel Bahnhofsmission). Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 235 Seiten. ISBN 978-3-525-70192-8.
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Ricarda Dethloff: Sozialraum­orientierung im Übergang Schule – Arbeitswelt. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. 445 Seiten. ISBN 978-3-8288-3697-6.
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Comunidad und die Möglichkeiten transnationaler Wissensproduktion – Reflektionen und Einblicke aus dem internationalen Projekt RELETRAN

Johannes Kniffki und Christian Reutlinger [1]

1. RELETRAN – Ein internationales Projekt unter der Perspektive von Comunidad

In den vergangenen zwei Jahren haben sich zwölf Universitäten und elf Nicht-Regierungsorganisationen aus Europa und Lateinamerika im Rahmen des von der Europäischen Union zum Aufbau von Hochschulkooperationen geförderten ALFA III Programms bei bisher sechs Netzwerktreffen über ihr gemeinsames Anliegen ausgetauscht. Es wurde vereinbart, dass der gemeinsame Nenner dieses Projektzusammenhangs mit dem Namen RELETRAN (Red Latinoamericana-Europea de Trabajo Social Transnacional) die inhaltlichen und strukturellen Herausforderungen bzw. Erkenntnisse bei der Konzipierung und Durchführung von Aus- und Weiterbildungsprogrammen im Themengebiet „Comunidad“ bzw. „Trabajo (Social) Comunitario“ (Deutsch: Gemeinwesen/Gemeinwesenarbeit) sein sollten. Die Bildungsprogramme sollen sich an Personen richten, die in oder mit Gemeinwesen tätig sind. Wobei der Begriff Gemeinwesen nicht a priori definiert wurde, sondern vielmehr Gegenstand von Reflexionen und Füllungen ist, die wiederum in die Bildungsprogramme einfließen (Kniffki/Reutlinger, 2013).

Der Projektzusammenhang RELETRAN setzt sich einerseits aus VertreterInnen von Hochschulen mit unterschiedlichen disziplinären Ausrichtungen zusammen, wie der Soziologie, Sozialen Arbeit, Ingenieurwissenschaften, Anthropologie, Sozialpsychologie oder Sozialgeographie. Andererseits sind VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen beteiligt. Diese sind teilweise konfessionell-kirchlichen Entstehungstraditionen verpflichtet, in einem Fall ist ein Ministerium als nationaler Kooperationspartner beteiligt. Die Komplexität, die diese AkteurInnenkonstellation darstellt, wird weiter durch den Umstand erhöht, dass die Praxisorganisationen unterschiedliche konzeptionelle Profile mit der jeweiligen fachlichen Ausrichtung aufweisen: Drogenarbeit, Jugendarbeit, sozialpastorale Arbeit, aber auch Arbeit mit Randgruppen, wie in den Feldern der Prostitution und Straßenbevölkerung. Einige der Praxisorganisationen sind damit zielgruppenorientiert ausgerichtet, andere haben eine dezidierte Gemeinwesenorientierung. Allen sind jedoch zwei Dinge gemeinsam: sie arbeiten in konkreten lokalen Situationen in lateinamerikanischen und europäischen Regionen, Städten oder Dörfern (www.reletran.org) (i) und sie arbeiten mit einer von drei (siehe unten) gemeinwesenbezogenen Handlungsmethoden (ii).

1.1. Tandems und interdisziplinäre Arbeitsgruppen – Auf dem Weg zur transnationalen Wissensproduktion

Das innovative Element von RELETRAN ist die Arbeit in sogenannten Tandems: eine Partnerschaft einer Universität mit einer NGO. Ähnlich wie bei der Fahrt auf einem Zweierfahrrad müssen bei diesen Partnerschaften ganz basale Fragen ausgehandelt werden: Wer lenkt? Wer sitzt bildlich „hinten“, wer „vorne“? Welches Tempo ist für beide vertretbar? Oder: Welches ist das gemeinsame Ziel? Welcher Weg soll eingeschlagen werden? Jedes Mal, wenn das Fahrrad bestiegen wird, müssen diese Fragen neu verhandelt werden. Die Ergebnisse der Aushandlungen und die daraus resultierende Verantwortungsübernahme der Entscheidungen liegen jedoch bei der Projektanlage an vorderster Stelle. Es interessiert die Frage, welche Bedeutung die zentralen Konzepte des Projektes (etwa Comunidad) in diesen Aushandlungsarenen (Glaser/Strauss, 1998) – wie die Tandems auch genannt werden können – erlangen. Die Notwendigkeit, sich über diese Konzepte verständigen zu müssen, ist für alle Beteiligten in den Tandems neu und ungewohnt. Die Feststellung, dass das Aushandeln einen ungewissen Ausgang nehmen kann, wirkt verunsichernd. Denn im Projekt geht es weder um die Hilfe und Unterstützung „notleidender“, unterdrückter Personen, noch um disziplinäre Auseinandersetzung innerhalb des Wissenschaftsbetriebs, sondern um das Unerwartete, das Fremde. Dieses entsteht zwangsläufig in der mit dem Projekt intendierten transnationalen Perspektive (Reutlinger/Baghdadi/Kniffki, 2011; Kniffki/Reutlinger/Hees, 2013; Reutlinger, 2008, 2012a). Macht und Herrschaft, ungleiche Partner, andere Interessen, divergierende Selbstverständnisse, unterschiedlicher Institutionalisierungsgrad der beteiligten Organisationen sind unwägbar und beeinflussen die Aushandlungen und deren Ergebnisse, sowie die daraus resultierenden Konsequenzen und Verantwortlichkeiten.

Jedes Tandem ist verantwortlich, auf der Grundlage der internationalen RELETRAN-Erfahrungen ein für die lokalen Gegebenheiten passendes Aus- und Weiterbildungsformat zu konzipieren. Während der Projektlaufzeit von drei Jahren ist dieses zweimal durchzuführen, zu evaluieren und entsprechend anzupassen. Die Anpassung besteht demnach einerseits aus den fachlichen und inhaltlichen Erfahrungen der anderen zehn Tandems und deren Bildungsprogrammen, und andererseits auch aus den Erfahrungen, die sich aus der Interaktion dieser zwei ungleichen PartnerInnen ergeben. Aus Gesamt-RELETRAN-Perspektive kann es ausdrücklich kein einheitliches Curriculum geben, welches in den 11 Realitäten durchgeführt wird. Vielmehr entwickelt jedes Tandem ein eigenes auf die jeweiligen Gegebenheiten angepasstes und strukturell mögliches Curriculum. Zielgruppe für die Aus- und Weiterbildungen sollten sowohl Hochschulangehörige, d.h. DozentInnen wie Studierende, als auch PraktikerInnen zivilgesellschaftlicher Organisationen sein. Soweit die erste Denkebene des Projektzusammenhangs RELETRANs.

Auf einer zweiten Ebene sollte über einen reflektierenden Prozess neues Wissen konstituiert werden. Ausgangspunkt waren zentrale theoretische und konzeptionelle Begriffe, die in der internationalen einschlägigen Fachliteratur diskutiert werden, wie bspw. Comunidad, Partizipation, Soziale Arbeit, aber auch soziale Entwicklung und Transnationalisierung. Durch ständige Diskussionen und gemeinsame Reflexionen sollten diese Begriffe und deren Bedeutungen angepasst und weiterentwickelt werden. Die RELETRAN-TeilnehmerInnen diskutierten darüber jeweils an den Netzwerktreffen in angeleiteter Form und quer zu den arbeitslogischen Zusammenhängen (Universität und NGO) in vier Arbeitsgruppen[2]. Die thematischen Schwerpunkte wurden von den Gruppen selber entwickelt und lauten: „Gemeinwesen, Partizipation und Politik “, „Inklusion-Exklusion“, „Kontext und Kontextualisierung“ sowie „Demokratie und Bürgerschaft “. Der Austausch fand, neben einer Vielzahl der im Rahmen des Projektes geschaffenen Gefäße (Plattform, E-Zeitschrift, Publikationsreihe, Tandem-Treffen), auch über die Netzwerktreffen statt. Dadurch setzte sich der Wissensgenerierungsprozess auch informell und ungeplant fort.

1.2 Auf dem Weg zur Auswertung

Diese Projekt- und Prozessentwicklungskonstruktion, so war die Annahme, sollte Hinweise über die Konstruktion transnationalen Wissens geben. Der Projektzusammenhang RELETRAN kann somit sowohl als Konstrukteur, als auch als Feld transnationalen Wissens und Praxis aufgeschlossen werden. Bewusst wird dabei in Kauf genommen, dass dieses Wissen soziale Handlungen zu Tage fördert, die nicht-intendiert waren und sind (Merton, 2010). Zwischen dem rational intendierten Ziel RELETRANs und dem, was sich nebenbei entwickelt hat, besteht ein „verständlicher Sinnzusammenhang“ (Weber, 1976: 5).

Absicht dieses Vorgehens war, Transnationalität nicht nur empirisch „nachzuweisen“, sondern diese selbst zu produzieren und zwar außerhalb der bisherigen empirischen und theoretischen Felder der Transnationalismusforschung[3]. Die Interdisziplinarität akademischer Zugänge (i), die Komposition des Netzwerks aus Hochschulen und Praxisorganisationen (ii), die Beziehungen unterschiedlicher Institutionsformen der Zivilgesellschaft (iii) und die je eigenen Traditionen kolonialer Verhältnisse (iv) (Lateinamerika und Europa) sollen eine wirklichkeitsnahe, weil komplexe soziale Wirklichkeit herstellen. Sie sei geeignet Transnationalisierungsprozesse abzubilden, um mit dem erzeugten Wissens-Material gemeinsame empirisch-explorative Forschungen zu betreiben. Die Ergebnisse sollten Aufschluss auf die Frage geben: Wie können Transnationalisierungsprozesse außerhalb der bekannten Forschungsgebiete selbst produziert, abgebildet und damit auch ein neues Sinnverstehen erzeugt werden?[4]

Die bisherigen Ausführungen sind im Konjunktiv gehalten. Wir müssen nämlich zum aktuellen Stand der Diskussion und Analyse des Verstehens RELETRANs überraschenderweise feststellen, dass die doch eher rationalen Überlegungen und Absichten in der formulierten Eindeutigkeit nicht nachzuzeichnen sind. Bevor dies jedoch anhand erster Ergebnisse illustriert werden kann, sollen zunächst einige konzeptionelle Überlegungen zu Comunidad angestellt werden, die im RELETRAN-Kontext diskutiert und als Reflexionsbogen herangezogen wurden.

2. „Comunidad” – Einige konzeptionelle Vorüberlegungen

Bereits zu Beginn der Kolonialisierung, im Jahre 1530, gründete Vasco de Quiroga sogenannte „hospitales” (Valero, 2001: 12; Castro-Gomez, 2005). Dies war im Grunde nichts anderes als die (Zwangs-)Vergemeinschaftung der in Familiengemeinschaften lebenden indigenen Bevölkerung. Erst diese Zwangsgemeinschaft ermöglichte nachfolgend den Bau von Schulen, Kranken- und Waisenhäusern. Interessanterweise ist diese Strategie weniger der Import eines spanischen Modells gewesen, sondern entstand auf der Grundlage akribischer Analyse der lokalen Verhältnisse aus europäischer Perspektive (Valero, 2001: 13). Und ein weiteres Datum ist in diesem Zusammenhang wichtig. Ausdrücklich bat bereits Hernán Cortés[5] die spanische Krone, nur Ordensgeistliche und keine Diözesanpriester zu schicken, denn letztere hätten die Gewohnheit, zügellos zu sein „und könnten ein schlechtes Beispiel den Katechumenen[6] geben.“ (Valero, 2001: 11). Hiermit wurde ein Grundstein gelegt, der sich 450 Jahre später in dieser Weise ausdrückt:

„(…) die ländliche Comunidad ist grundsätzlich keine autonome und isolierte Entität, sondern ganz im Gegenteil, sie selbst ist die Zelle des nationalen Bestandes, die Individuen, die die Comunidad bilden, bewegen sich innerhalb dieser und erfüllen ihre entsprechende Rolle, jedoch ist diese Comunidad gleichzeitig mit anderen nahegelegenen Comunidades verbunden und all diese sind mit einem urbanen Zentrum verknüpft, welches die ökonomische, soziale und politische Kontrollachse repräsentiert, die die ganzen Beziehungen in der Region beeinflussen.“ (Nahmad, 1973 in Valero, 2001: 19). Und im Weiteren werden die vormals Ordensgeistlichen zu Förderern (Promotores) “(…) daraus resultiert, dass bei den Förderern für die Entwicklung des Gemeinwesens eine große Frustration entsteht, (…)” (ebd.: 19).

Diese historische Analyse des Konzepts Comunidad kann weiter fortgeführt werden. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts, also in jener Zeit, als die industriekapitalistische Moderne in Form des sogenannten Fordismus zu ihrem Siegeszug ansetzte, entsprang eine Diskussion in den USA zum Thema „Community development“ und „community organizing“. Dies ist kein Zufall, sondern führt einmal mehr die Notwendigkeit vor Augen, das Thema Comunidad im jeweiligen sozialen, politischen und – wie es scheint – auch wirtschaftlichen Kontext zu betrachten. Es ist jene Zeit, in der moderne Produktionsformen mit der Absicht entwickelt wurden, die Arbeitskraft möglichst effizient zu nutzen. Industriekomplexe wurden neben Wohnraumsiedlungen mit allen notwendigen Serviceleistungen, wie Kindergärten und Freizeiteinrichtungen gebaut, um ArbeiterInnen territorial möglichst nahe an die Produktionsstätte zu halten und um ihre identitäre Zuordnung zum Unternehmen zu sichern. Das soziale Leben fand in unmittelbarer Nähe zur Arbeitsstätte statt. Beide beeinflussen sich, so der fordistische Ausgangspunkt. Die gigantischen Industrieanlagen und die Aussicht auf Arbeitsplätze mit den Angeboten einer hohen Lebensqualität zogen Massen von ArbeiterInnen in die Städte. Die Verelendung der Städte und soziale Spannungen waren die Folge. Stadtsoziologische Studien, wie bspw. um die so genannte „Chicagoer Schule“ von Park, McKenzie und Burgess (Park et al., 1925) zeigten auf, dass der Mensch sich seiner natürlichen Umwelt anpassen müsse. Dies geschehe innerhalb spezifischer sozialer Gemeinschaften in begrenzten Territorien, wie zum Beispiel Stadtvierteln oder Stadtbezirken. Der US-amerikanische Wegbereiter gemeinwesenorientierter Sozialer Arbeit Saul Alinsky hat an einem dieser Forschungsprojekte mitgearbeitet, das den o.g. Grundgedanken entwickelte und aus dem sein Konzept von Community Organizing entstanden ist (Alinsky, 1972). In diesem Kontext findet nun eine Diskussion um Community statt, die versucht zu definieren, was Community sei und welche Bedeutung Development und Organisation haben. Follet (1919) reflektiert „community is a process“ und „a process of integrating“ (Follet, 1919: 576). Er sagt dazu aus, dass trotz der Existenz des Individuums selbst, das Individuum nicht selbstständig ist [sein kann], “…seeks forever new relations in the ceaseless interplay of the One and the Many by which both are constantly making each other” (ebd.: 582) und setzt fort “the study of community as process will bring us, […,] not to the over-individual mind, but to the inter-individual mind“ (ebd.: 583). Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Gergen 80 Jahre später unter dem Eindruck postmoderner Gesellschaften: „Im Gegensatz dazu hört mit der Postmoderne das Individuum als selbstständige, unabhängige Einheit zu existieren auf. Wenn Individuen das Resultat von Beziehungen sind, dann muss man daraus schließen, dass Beziehungen grundlegender sind als Individuen“ (Gergen, 1990: 197).

Bei der Analyse von Publikationen aus dem Jahr 1926 versucht Gillette konkreter, die Terminologie und Konzepte von Comunidad, unterschiedliche Comunidad-Repräsentationen, zu definieren (Gillette, 1926). Zur selben Epoche, in der die Soziale Arbeit sich in der Akademia zu professionalisieren beginnt, eröffnet sich eine Debatte über die Differenz zwischen Community Development und Community Organisation (Armstrong, 1969). Armstrong unterstreicht, dass Community Organisation dazu tendiert „…the process of creating, employing and coordinating social institutions” zu sein (ebd.: 103) und daher „…problem-solving aspects.[…] to control some dysfunctional activity arising in a community and with appropriate action to bring the social process back again into some theoretically pre-conceived equilibrium” (ebd.: 104) beinhaltet. Im Gegenzug gehört Community Development mehr zum Bildungsbereich (ebd.: 105) und so wurden „…elements of awareness or knowledge…” eingeführt (ebd.). Weiter wird hinzugefügt, dass der Unterschied zwischen beiden Konzepten in ihren Beziehungen zu den Machtstrukturen zu identifizieren sei. Community Development befindet sich nach Armstrong…outside and extra to the existing power-structure…” (ebd.: 106).

Mit dieser kurzen Zusammenfassung sollte aufgezeigt werden, dass der RELETRAN-Vorschlag nichts Neues zu sein scheint. Das Konzept Comunidad wurde seit langem in verschiedenen Zeiten [Epochen] und gesellschaftlichen Entwicklungsstadien diskutiert. Mehr noch, selbst die Divergenzen, die dadurch entstanden sind, scheinen bekannt zu sein. Wir können daher feststellen, dass wir hierbei über Traditionen sprechen.

Die über 100 jährigen Auseinandersetzungen mit community waren vielfältig und zum gegenwärtigen Diskussionsstand lassen sich folgende Eckpunkte für ein Verständnis von Comunidad nachzeichnen:

  • Comunidad muss immer vor dem aktuellen gesellschaftlichen Hintergrund konzeptualisiert werden. Es kann kein gemeinsames, einheitliches Konzept und damit auch Verständnis von Comunidad geben. Und demnach kann auch keine einheitliche Praxis gemeinwesenorientierter Arbeitsweisen konstruiert werden. Handeln und Sprechen über Comunidad sind abhängig vom jeweiligen Kontext, in dem gesprochen bzw. gehandelt wird. Dieser Kontext muss also immer mit gedacht und erläutert werden.
  • Comunidad ist nicht in der einfachen Dichotomie Globalisierung-Lokalisierung zu denken, d.h. das Lokale ist keine einfache Antwort auf globale Prozesse. Ein solches Verständnis wäre zu einfach und würde die Komplexität der sozialen Verhältnisse auf eine Art und Weise reduzieren, die weder den Herausforderungen der Globalisierung noch den Zumutungen des sozialen Alltags gerecht werden würde. Dem Verhältnis von Globalisierung und Lokalisierung wäre auch nicht mit einer Glokalisierung (Robertson, 2002) genüge getan. Weder finden wir in der Globalisierung lokale Verhältnisse, noch in der Lokalität globale Verhältnisse und dennoch sind beide Elemente wesentlich für ein Verständnis von Comunidad. Es sind Artefakte sowohl von Globalisierung als auch von Lokalisierung, die so ineinander verwoben sind, dass sie im Alltag nicht mehr getrennt werden können.
  • Demzufolge kann eine Problemlösungsorientierung nur mit einer Homogenisierung gedacht werden. Dies ist aber aus den o.g. Gründen nicht (mehr) möglich. Es ist die Heterogenität, die das Geflecht sozialer Praktiken kennzeichnet. Darüber hinaus würde ein Homogenisierungsansatz eher zur Exklusion beitragen. Denn wer sich diesem verweigert oder schlicht nicht mitmachen kann, ist und bleibt ausgeschlossen. Die differenten Praktiken ebenso differenter Akteure sind ihrerseits Praktiken, die Ausdruck einer normativen Ordnung sind und deshalb zur Comunidad gehören wie die Luft zum Atmen
  • Die o.g. Ausführungen legen den Schluss nahe, dass Comunidad keine territoriale und damit geschlossene Einheit bildet. Comunidad kann nicht mit einem Container verglichen werden – weder in Bezug auf einen urbanen Stadtteil, noch auf eine autochthone Gemeinde. Eine Comunidad ist weder ein Gefäß, in welchem soziale bzw. mikro- oder makrogesellschaftliche Verhältnisse passgenau zu finden sind, noch repräsentiert dieses Gefäß gesamtgesellschaftliche Verhältnisse.
  • Daraus folgt, dass Comunidad ein Konzept für gesamtgesellschaftliche Verhältnisse ist und nicht nur für abgehängte soziale Einheiten. Dies gilt auch dann, wenn auf Grund etwa politischer Entscheidungen ein Gebiet, eine Region oder ein Stadtteil als sozial problematisch eingestuft wird, wie etwa das Programm Soziale Stadt[7](Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung 2004) es vorsieht.
  • Damit einhergehend dient das Konzept Comunidad einem anderen, nicht nachholenden Entwicklungsverständnis. Damit ist auch ein problem- oder defizitorientiertes Verständnis von sozialen Situationen nicht möglich. Comunidad hat relationale Züge. Die Beziehungen sind relevanter als die Eigenschaften der Individuen.

3. Erste Ergebnisse

Die o.g. historische Vergewisserung und andere Basistexte zu Comunidad wurden RELETRAN bei den Netzwerktreffen zur Verfügung gestellt und umfänglich diskutiert. Im Laufe des RELETRAN-Prozesses diskutierten und reflektierten die VertreterInnen der Universitäten und der NGO drei handlungsmethodische Ansätze zu Comunidad aus Lateinamerika und Spanien. „Planes y Procesos Comunitarios“, „MECOM“ und „ECO²“ wurden in jeweils einwöchigen Workshops, an denen alle RELETRAN-Beteiligten teilnahmen, kritisch durchdrungen. Der methodische Ansatz der „Planes y Procesos Comunitarios" initiiert mittel- und langfristige Prozesse der Verbesserung der Lebensbedingungen einer bestimmten Region bzw. eines Gemeinwesens. In der Comunidad wird eine soziale Intervention (im Sinne eines lokalen Entwicklungsprozesses) durch die Initiative einer der drei Protagonisten ergriffen: Bevölkerung, lokale Verwaltung und AkteurInnen sozialstaatlicher Institutionen (PraktikerInnen) und nach einer bestimmten beteiligungsorientierten Methodik auf der Basis einer Diagnose umgesetzt (ausführlich: Marchioni, 2007; Reutlinger, 2012b). Die „Metodología Comunitaria para el Desarrollo Social (MECOM)“ wurde in Lateinamerika aus den Erfahrungen konkreter gemeinwesenorientierter Programme entwickelt. Es knüpft an die in Lateinamerika gebräuchlichen hoch partizipativen Handlungsforschungen an und vermittelt sozialen lokalen Akteuren eine Reihe von Tools zur Analyse, Projektmanagement und Netzwerkarbeit (beispielhaft: Kniffki, 2009; Hees, 2013; Alvarado, 2013). „Epistemiología de la Comunidad y Ética Comunitaria ECO²“ versteht sich schließlich als ein Metamodell gemeinwesenorientierter Zielgruppenarbeit und basiert auf Netzwerktheorie und Theorie der sozialen Repräsentationen. Es wird in Lateinamerika in Projekten der Drogenpräventionsarbeit, Arbeit mit Prostituierten und Arbeit mit Straßenbevölkerung eingesetzt (als Einblick: Milanese, 2013; beispielhaft: Fergusson/Pinzón, 2013 und Hees, 2013).

Die These war, dass wenn in RELETRAN über Comunidad geredet wird, transnationales Wissen um Comunidad entsteht. Das heißt, in den eigenen Fort- und Weiterbildungen, die jedes Tandem zu konzipieren und umzusetzen hatte, sollten jeweils Querverbindungen zu den beiden anderen methodischen Ansätzen erkennbar sein und der eigene Ansatz geschärft werden. Außerdem wurde erwartet, dass auch der zentrale Begriff RELETRANs, die Comunidad, ein markanteres Profil in den Weiterbildungsprogrammen erhalten sollte. Es wurde ausdrücklich kein einheitliches Curriculum oder für alle allgemeingültige Ziele formuliert. Vielmehr sollte jedes Tandem aus dem gemeinsam erarbeiteten „Material“ ihren politischen, kulturellen und sozialen Realitäten folgend ein Fort- und Weiterbildungsprogramm entwickeln und implementieren.

In den folgenden Ausführungen wird nun anhand der vorläufigen Analyse, allerdings mit noch nicht abschließend ausgewerteten empirischen Daten, möglichen Spuren dieser transnationalen Wissensproduktion nachgegangen. Sie bilden daher lediglich einen ersten Aufschlag hinsichtlich einer reflexiven Evaluation (Bayer/Reutlinger, 2007). Das hermeneutische Bemühen, also das Bemühen um das Verstehen dieses transnationalen RELETRAN-Prozesses, dreht sich um die oben genannten Handlungseinheiten: die Tandems, die Weiterbildungen sowie die interdisziplinären Arbeitsgruppen. Die folgende Kategorie ist einstweiliges Ergebnis einer qualitativen ethnomethodologisch-explorativen, auf der Grounded Theory (Glaser/Strauss, 1998) aufbauenden Auswertung von Wort- und Schriftdaten, die im Laufe der Treffen des RELETRAN-Netzwerkes gesammelt wurden. Die Corpora werden darüber hinaus dokumentarisch analysiert, teilweise kontrastiv wie komparatistischen, quantitativen Vergleichen unterworfen. Ein weiterer Corpus besteht aus Interviews, welche mit allen RELETRAN-TeilnehmerInnen während des Netzwerkstreffens in Santiago de Chile im Herbst 2013 geführt wurden. Es war der Augenblick, als alle Tandems die erste Phase der Fort- und Weiterbildungsprogramme abgeschlossen hatten.

Die Interviewfrage lautete: „Deine StudentInnen (deines Seminars), oder MitarbeiterInnen deiner NGO gehen nach XYZ (hier wurde ein auf den Interviewpartner oder die Interviewpartnerin angepasstes, möglichst unbekanntes Land gewählt), um in einem gemeinwesenorientierten Projekt mitzuarbeiten. Was würdest du ihnen aus dem RELETRAN-Prozess mitgeben wollen? Oder: Was würdest du ihnen aus den RELETRAN-Erkenntnissen mitgeben wollen? [8]

3.1. Über Comunidad reden ermöglicht transnationale Wissensproduktion, oder doch eher: transnationale Wissensproduktion ermöglicht ein Reden über Comunidad?

Auf den ersten Blick muss festgehalten werden, dass kaum eine der oben aufgezählten Erwartungen erfüllt wurde. Comunidad wird weiterhin als Raum verstanden, der allein territoriale Referenzen umschreibt und von dinghafter Natur ist.

„(…) die Comunidad, gut, dass sie immer einen offenen Raum bietet, jedoch mit vielen Eigenartigkeiten und gleichzeitig mit einer gemeinsame Sache (…).“  (EntChil3 29-31)[9]

Verhandelt wird eine solche Raumauffassung beispielsweise in der Rede vom Lokalen, in dem gewisse (problemhafte) soziale Phänomene lokalisiert werden können. Dabei muss nicht unbedingt von eindeutig identifizierbaren sozialen Problemen gesprochen werden, sondern der intellektuelle Diskurs überhöht die Verdinglichung des Ursprünglichen im Lokalen.

“(…) weil diese Comunidades, uns noch härtere und drastischerer Sachen aufzeigen würden, sollten wir sie wertschätzen lernen, um sie zu verstehen und analysieren zu können, [die Comunas]. Ich beobachte, dass die Sozialwissenschaften eine hohe Bringschuld mit diesen Feldern haben, die Studien, die sie gemacht haben, wurden sehr oberflächlich gemacht, hinzu kommt, dass sie sich nicht in die dort vorhandene Realität vertieft haben. Zum Beispiel die Realität der ethnischen Gruppen, der Mapuches, die Weisheiten und das Wissen sozusagen, die sich dort befinden, sind sehr groß. Wir müssen wissen, wie diese zu retten und wertzuschätzen sind. Ich glaube, dass die Universitäten weder genügend Instrumente noch Methodologien besitzen, um das zu machen, und wenn wir uns annähern, machen wir dies mit den traditionellen Theorien und Methodologien, die nicht immer nützlich sind, sie sind sehr nützlich aber nicht nützlich genug.“(ChilGAI ,339-348)

Das soziale Problem scheint mit dem Gebiet, in dem dieses lokalisiert wurde, zu verschmelzen. Dadurch kann es auch – wie mit einer individuumszentrierten Perspektive – mit den herkömmlichen sozialen Mitteln bearbeitet werden. Überspitzt könnte formuliert werden, dass das Gemeinwesen selber zum Klient und dadurch bearbeit- resp. therapierbar wird.

“(…) ich verstehe, dass wir SozialarbeiterInnen sind, und dass aus [der Perspektive] der Sozialen Arbeit die Intervention oder der Kontakt [wichtig] ist, die sie [die KollegInnen] mit der Comunidad haben werden und in diesem Sinne, wie die Beziehung hinsichtlich der Aufgabe der Sozialarbeit aufgebaut wird, die mit der Hilfebeziehung [Hilfestellung] zu tun hat, also wie die Hilfebeziehung konstruiert wird.“ (EntChil1 38-42)

„Ich würde ihnen sagen, ich möchte, dass sie die Soziale Kartographie [Übersichtskarte] benutzen, dass sie die Matrix benutzen [sollen], um die Problematik der Comunidad betrachten zu können, um die vorhandenen Erfahrungen betrachten zu können, um das objektive Netz einbeziehen zu können, das subjektive Netz, das operative Netz. Als Teil der Diagnostik, nicht wahr?“ (EntChil2 29-32)

Durchaus kritisch wird der Gebrauch des Begriffs Comunidad betrachtet. Jedoch gibt es selbst hier kein Entrinnen von der Vorstellung der Comunidad als ein intervenier- und damit modellierbares Objekt:

„Weil in den Comunidades, was hier nicht spezifiziert wird [gemeint ist hier die Bedeutung von Comunidad], und immer existiert die Tendenz zu denken, die Comunidad ist von „Elenden“, weil es auch eine Comunidad der oberen Mittelschicht sein könnte, nicht wahr? In einer oberen Mittelschichtswohngegend, aber diese Beispiele werden nie benutzt. Deswegen erinnere ich mich an [an das Beispiel] der Ansiedlung einer [Comunidad] auf einer Müllhalde.“ (EntChil4 86-90)

Keine Unterschiede scheinen sich in den Vorstellungen der Diskursteilnehmenden zu ergeben, ob bei dieser „Intervention“ von der professionellen Tätigkeit einer genuinen SozialarbeiterIn die Rede ist oder die Handelnden aus einer anderen Profession stammen.

„Um es mal so zu sagen, ich muss den Studenten eine gewisse Offenheit lassen, damit sie, wenn sie sich in der Situation der Comunidad befinden, sie auch aus den eigenen Subjektivitäten [etwas] beitragen können, aus der eigenen, eh, aus der Erfahrung, die sie in der Comunidad entwickeln können, werden [sie] dann auch, sagen wir, die Arbeit wieder gestalten können, auf eine selbstständige, freie und spontane Weise (…)“.

Es scheint sogar so zu sein, dass der oder die im objektivierten und in gewissem Sinne auch materialisierten Gemeinwesen Handelnde, sich dieses einverleiben kann und auch sollte:

“(…) Comunidad, dass [es] sehr wichtig ist, zuerst gut das Zusammenleben kennen zu lernen, bevor etwas beigetragen werden kann, muss [man] sich zuerst gänzlich integrieren, gänzlich [die andere Kultur] kennen, die andere Kultur leben.“ (EntChil6 24-26)

Eine begrifflich-inhaltliche Schärfung von Comunidad wird nicht angestrebt. Es scheint zu genügen, über Comunidad als verbindendes Schlüsselwort zu reden und man legitimiert dadurch seine eigene subjektive Position und Zugehörigkeit zum Projektkontext RELETRAN. Der Begriff Comunidad wird standardisiert oder ist bereits universalisiert. Eine Auseinandersetzung hierüber ist nicht erforderlich.

„(…) die Genauigkeit von Konzepten, die einvernehmlich in allen Programmen zu finden sind, wenn wir über Inklusion sprechen: Was ist Inklusion? Wenn wir über Partizipation und Comunidad sprechen, also, wie verbinden [wir], wie [können wir] neue theoretische Konzepte aufbauen, die uns dabei helfen, die Realität aus diesen historischen Kontexten, die wir haben, zu verstehen, (…).“(ChilGAI 236-239)

“(…) Wenn ich Comunidad sage, verstehe ich eine sehr klare Sache und außerdem zum Beispiel in der Debatte, die nicht verteidigt werden kann, vorgestern wurde über Comunidad-Gay gesprochen, also, die Comunidad-Gay ist für mich eine Lobby, es ist keine Comunidad, es ist eine Lobby, eine, die ihre eigenen, legitimen Interessen verteidigt, aber was hat Comunidad damit zu tun, mit dem, wie ich diesen Begriff benutze. Also glaube ich, dass wir nicht [soweit] sind, uns zu einigen, aber doch um am Ende [uns zu einigen] in welchem Sinn wir die Begriffe benutzen, weil [dies] sonst am Ende unmöglich [wird].“ (ChilGAI 253-258)     

Auf die hypothetische Frage, welche RELETRAN-spezifischen Elemente sie KollegInnen oder StudentInnen mitgeben würden, die den Auftrag hätten, in einem anderen Land in einem gemeinwesenorientierten Projekt zu arbeiten, gaben die VertreterInnen der Universitäten und NGOs sehr unterschiedliche Hinweise:

Interessanterweise kann beobachtet werden, dass die VertreterInnen der NGOs, sofern sie selbst im Feld tätig sind, weder auf die Begriffe der Comunidad noch auf die einzelnen handlungsmethodischen Ansätze rekurrieren. Sie geben allgemeine Hinweise auf die Rücksichtnahme der vorzufindenden kulturellen Eigenarten und der Subjekte. Sie geben Hinweise, dass in der Anfangsphase eine Analyse erstellt werden müsste oder zunächst die Sprache zu lernen sei.

„(…) also, was muss bekannt werden, was ist dieser Ort, ich würde anfangen ihn zu suchen, wer sind sie? Wie sind sie dahin gekommen? Was ist das? Welche und wer sind sie? Was ist das? Welche Sprachen sprechen sie? Welches sind ihre Traditionen, welches sind ihre Tänze? Welches Essen [Lebensmittel] benutzen sie? Ich weiß es nicht, diese Kontextform muss mitgedacht werden, wo ist diese Comunidad oder [wo ist] dieser Ort eingerahmt, in welchem geopolitischen Kontext befindet sich dieser [Ort und Comunidad], innerhalb welchen Landes, und welches ist der globale Kontext dazu, der auch die sozialen Beziehungen mit der Stimmung dieser Comunidad beeinträchtigen kann (…).“ (EntChil8 146-153).

Die HochschullehrerInnen empfanden gar die Interviewfrage als Prüfungsfrage. Von zehn interviewten Personen nutzten fünf nicht ein einziges Mal den Begriff Comunidad. Allein eine Person, die Wissenschaftlerin und Teilnehmerin des RELETRANS-Netzwerkes ist, baute ihre gesamte Beantwortung der Interviewfrage auf den Begriff Comunidad.

“(…) dass die Studenten, die in eine Comunidad zum arbeiten gehen, egal in welcher, an erster Stelle, dass sie verstehen, welches all jene Konzepte sind, mindestens, dass sie eine Idee davon haben, [eine Idee] von Comunidad, von Demokratie, von Partizipation, von Inklusion, von Sozialentwicklung, von Integralentwicklung [ganzheitlicher Entwicklung], von, ich würde sagen, von nachhaltiger Entwicklung, (…).“ (EntChil8 26-29)

3.2 Erste Deutungen einer widersprüchlichen Situation

Als vorläufiges Fazit kann festgehalten werden, dass Trabajo (Social) Comunitario im Grunde eine habitualisierte Analyse- und Handlungsform darstellt, die von den RELETRAN-Teilnehmenden aus einem nationalstaatlichen Kontext heraus betrachtet wird. Gerade deshalb scheint sich eine Ausgangshypothese des RELETRAN-Projektes zu widerlegen: Comunidad, resp. der Austausch über deren möglichen unterschiedlichen Bedeutungen, scheint eben gerade nicht dazu beizutragen, ein transnationales Feld der Wissenskonstruktion zu erzeugen. Dieser Begriff scheint auch nicht dazu geeignet zu sein, inter- oder gar transdisziplinäre Perspektiven oder neue Formen der Kooperation und Wissensproduktion zwischen akademischen und handlungspraktischen VertreterInnen zu erzeugen. Der Universalisierungsmotor ist der Nationalstaat, der – zumindest in dieser RELETRAN-Konstellation – einen Schraubstock für die Wissenskonstruktion darstellt und damit das Erwartete nicht erscheinen lässt.

Dieser Befund kann mit einem weiteren Argument unterlegt werden. Die Aus- und Weiterbildungsprogramme, die durch die Tandems entwickelt und durchgeführt werden, gehorchen einer anderen als der RELETRAN-intendierten Logik (siehe oben). Bei der Entwicklung der Programme spielte die disziplinäre Zugehörigkeit der beiden PartnerInnen keine Rolle. Es stellte sich heraus, dass bei der überwiegenden Mehrheit der Tandems jener Gang in den sicheren Hafen des pragmatischen und konfliktfreien Minimalkonsenses wesentlich wichtiger war als die Frage nach einer konzeptionellen oder auch theoretischen Auseinandersetzung um Trabajo Comunitario. Konzepte von Comunidad, und geschweige denn von Transnationalisierungsphänomenen, die etwa im sozialen Alltag beobachtbar wären, wurden ebenfalls nicht thematisiert. In einem Fall ist dies so formuliert worden:

„(…) endlich können wir eine Fortbildung außerhalb und seitens der Universität durchführen, die nicht durch bürokratische Zugangsregelungen und durch akademische Voraussetzungen geprägt ist und die auch seitens der Universität formell anerkannt wird (…).“ (CilGAI 234-237)“

Der gemeinsame begriffliche Nenner Comunidad, der zu Beginn RELETRANs formuliert wurde und über den Einvernehmen bestand, wird von den RELETRAN-TeilnehmerInnen vielleicht sinnhaft umgedeutet, aber auf alle Fälle anders genutzt. RELETRAN wird als Selbstfindung oder auch als Legitimation für das nicht existierende, vielleicht auch zerrüttete Verhältnis zur Zivilgesellschaft genutzt. Es scheint zunächst nicht um die Frage einer Neudefinition konzeptioneller Begrifflichkeiten im wahrsten wissenschaftlichen und praktischen Sinne von Comunidad unter globalisierten Verhältnissen und unter transnationalen Bedingungen zu gehen, sondern darum, mit der Legitimation eines von der europäischen Kommission finanzierten Projektes endlich das tun zu können, was schon immer getan werden wollte.

4. Ausblick

Zusammenfassend stellen wir fest: transnationale Wissenskonstruktion über den Begriff Comunidad führt (noch) nicht zu dem gewünschten Ergebnis. Jeder bleibt bei sich. Jeder Einzelne rekurriert auf seine Erfahrungen, seine Interessen, seine Verständnisse, die allesamt immer auch nationalstaatliche Referenzen bedienen. Ein Ringen um Gemeinsames aus dem Unterschiedlichen heraus ist deshalb nicht feststellbar, das „Fremde“ dient zur Stärkung des Eigenen (Kniffki/Reutlinger, 2014).

Jedoch gibt es Hinweise, dass die transnationale Wissenskonstruktion auf einer anderen Ebene stattfindet. Es sind nicht die materialisierten Tatsachen, wie die eines gemeinsamen Begriffs oder Glossars, die relevant sind, sondern die Feststellung, dass bei der Entwicklung von Fort- und Weiterbildungsformaten in den Tandems ungleiche Partner ausgehandelt haben – in allen elf Realitäten sind Weiterbildungsveranstaltungen mindestens einmal durchgeführt worden. Doch ist dieses Ergebnis der Aushandlungen selbst zweitrangig. Viel wichtiger ist der Prozess des Aushandelns ungleicher Partner, denn hier mussten neben dem Eigenen immer auch Anteile des Fremden Platz finden. Insofern ist Transnationalisierung und die entsprechende Konstruktion von Wissen immer etwas Vorläufiges, welches sich ständig verflüchtigt. In den noch ausstehenden Auswertungen und Forschungen muss diesem Phänomen weiter auf den Grund gegangen werden.

Comunidad resp. der Austausch über deren möglichen unterschiedlichen Bedeutungen scheint eben gerade nicht dazu beizutragen, ein transnationales Feld der Wissenskonstruktion zu erzeugen. In der zurückliegenden und zugegebenermaßen vielleicht zu begrenzten Projektlaufzeit scheint dieser Begriff nicht dazu geeignet gewesen zu sein, inter- oder gar transdisziplinäre Perspektiven oder neue Formen der Kooperation und Wissensproduktion zwischen akademischen und handlungspraktischen VertreterInnen zu erzeugen. Der Universalisierungsmotor, im Sinne der „Idealisierung der Vertauschbarkeit der Standorte“ (Bongaerts, 2012: 36) (siehe Fußnote 4) ist der Nationalstaat, der – zumindest in dieser RELETRAN-Konstellation – einen Schraubstock für die Wissenskonstruktion darstellt und damit das Erwartete nicht erscheinen lässt.

Literatur

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Fussnoten

[1] Wir danken Frau Angela Hahn für die Durchsicht des Manuskripts und Bibliografiearbeit, Frau Olenka Bordo für die Übersetzungen der Zitate und Transkriptionen aus dem Spanischen und Frau Christina Vellacott für die redaktionelle Überarbeitung.

[2] Im RELETRAN-Projekt wurden die vier Arbeitsgruppen entlang der Farben der Moderationskarten, auf denen die Ergebnisse notiert wurden, also blau, rot, gelb und grün im Sinne eines Regenbogens „Arco Iris-Gruppen“ benannt.

[3] Als Standardwerk, welches international bekannte AutorInnen zu Wort kommen lässt, kann genannt werden: Khagram, Sanjeev; Levitt, Peggy (Hg.) (2008): The transnational studies reader. Intersections and innovations. New York: Routledge.

[4] Wir nehmen hier Bezug auf die „Idealisierung der Vertauschbarkeit der Standorte [und] Kongruenz der Relevanzsysteme [sowie] der Generalthesis der Reziprozität der Perspektiven (Bongaertz, 2012: 36) (k.i.O.) der Phänomenologie von Alfred Schütz (Schütz, 2014 zit.n.Bongaertz, 2012: 35).

[5] Hernán Cortés (1485-1547), spanischer Konquistator und Generalgouverneur des Königreiches Neuspanien.

[6] Katechumene sind die Bewerber auf die christliche Taufe

[7] Soziale Stadt ist ein Programm der deutschen Städtebauförderung. Das Programm reagiert auf die sozialen Veränderungen der Stadtquartiere in ausgewählten Standorten deutscher Großstädte.

[8] Die folgenden Zitate sind den Transkriptionen der Aufzeichnungen auf elektronischen Datenträgern einzelner Gruppensitzungen und Interviews entnommen, die während der vielfältigen Netzwerktreffen aufgenommen wurden. Die Transkriptionen aus dem Spanischen wurden von Herrn Miguel Orozco angefertigt und folgen einfachen Transkriptionsregeln nach Kuckartz et al. 2008, da es sich um eine rein semantische Wiedergabe handelt. Die Übertragungen der Zitate aus dem Spanischen erstellte Frau Olenka Bordo.

[9] ChilGAI n-n?=Grupos Arco Iris, Encuentro Chile, 22.10.2013; Transkription: Miguel Orozco; getreue Übertragung aus dem Spanischen Original: Olenka Bordo; die Nummern entsprechen den Zeilen der Transkriptionen in spanischer Sprache und sind abgelegt in *.docx, A4.


Zitiervorschlag

Kniffki, Johannes; Reutlinger, Christian (2014): Comunidad und die Möglichkeiten transnationaler Wissensproduktion – Reflektionen und Einblicke aus dem internationalen Projekt RELETRAN. In: sozialraum.de (6) Ausgabe 1/2014. URL: http://-www.sozialraum.de/comunidad-und-die-moeglichkeiten-transnationaler-wissensproduktion.php, Datum des Zugriffs: 21.09.2017

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