Skater auf einer Treppe
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AutorInnen

Niels Brüggen
M.A. (Kommunikations- und Medienwissenschaft, Schwerpunkt Medienpädagogik, Informatik und Erziehungswissenschaft). Seit 2007 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am JFF -Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis.
Kontakt: niels.brueggen@jff.de oder 089 - 68989 152

Mareike Schemmerling
M.A. (Medien und Kommunikation, Schwerpunkt Mediendidaktik). Seit 2011 medienpädagogische Referentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am JFF - Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis.
Kontakt: mareike.schemmerling@jff.de oder 089 - 68989 131

http://www.jff.de

Inhalt

  1. 1. Empirische Grundlage
  2. 2. Modi der Abbildung sozialräumlicher Bezüge
    1. 2.1 Bei den meisten Jugendlichen finden sich Überlappungen mediatisierter Sozialräume
    2. 2.2 Bewusste Verwebung nur in Ansätzen
    3. 2.2 Trennung sozialräumlicher Bezüge kaum mithilfe technischer Rahmenbedingungen
  3. 3. Modi der Skalierung sozialräumlicher Bezüge
    1. 3.1 Ausweitung über Freundesfreunde hat großes Gewicht
    2. 3.2 Thematische Ausrichtung begründet Ergänzung
    3. 3.3 Eingrenzung für den intensiven Austausch
  4. 4. Eigensinn und Anpassung im Medienhandeln in mediatisierten Sozialräumen
    1. 4.1 Mediatisierung von Sozialräumen fordert Syntheseleistungen innerhalb von Sozialräumen
    2. 4.2 Kenntnis unterschiedlicher Formen sozialraumbezogenen Medienhandelns ermöglichen zielgruppenangemessene pädagogische Unterstützung
    3. 4.3 Kreative Umwidmung als Ersatz fehlender Funktionen und zugleich Grenzen der Souveränität der Einzelnen
    4. 4.4 Hinweise auf geschlechtertypische Rollenzuschreibungen im Medienhandeln
  5. Literatur


Aktuelle Rezensionen

Buchcover

Sarah Dieckbreder-Vedder, Frank Dieckbreder (Hrsg.): Das Konzept Sozialraum (Beispiel Bahnhofsmission). Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 235 Seiten. ISBN 978-3-525-70192-8.
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Buchcover

Ricarda Dethloff: Sozialraum­orientierung im Übergang Schule – Arbeitswelt. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. 445 Seiten. ISBN 978-3-8288-3697-6.
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Das Social Web und die Aneignung von Sozialräumen

Forschungsperspektiven auf das sozialraumbezogene Medienhandeln von Jugendlichen in Sozialen Netzwerkdiensten

Niels Brüggen, Mareike Schemmerling

Mit Smartphone und Internetflatrate schreitet die Mediatisierung immer weiterer Lebensbereiche auch in der Lebenswelt von Jugendlichen voran. Mit diesen Geräten sind mediengestützte Informations- und Kommunikationsangebote an jedem Ort und zu jeder Zeit verfügbar. Die Mediatisierungsthese geht dabei davon aus, dass damit kulturelle Wandlungsprozesse in einer zeitlichen, räumlichen und sozialen Dimension verbunden sind. Medienhandeln mit Raumbezügen zu thematisieren ist dabei nicht neu. Schon in der Frühphase des Internet war das Bild des Cyberspace eine weitverbreitete Denkfigur. Nach ihr gilt das Internet für manche nach wie vor als digital erzeugte Schein- oder Parallelwelt. Aktuelle Medienentwicklungen verdeutlichen allerdings die enge Verknüpfung von medialer Interaktion und bislang nicht-medialen lebensweltlichen Bezügen. In letzter Zeit wird deshalb verstärkt versucht, die Medienaneignung von Jugendlichen und die Aneignung von Sozialräumen miteinander in Verbindung zu bringen. Der vorliegende Beitrag will zu dieser Diskussion einen Beitrag leisten.

Mit Blick auf die Bedeutung des Social Web und insbesondere Sozialer Netzwerkdienste für  Jugendliche, weisen bspw. Schmidt/Paus-Hasebrink/Hasebrink (2009) darauf hin, dass diese Raum für die zentralen Entwicklungsaufgaben der Selbstauseinandersetzung (mit der Handlungskomponente Identitätsmanagement), Sozialauseinandersetzung (mit der Handlungskomponente Beziehungsmanagement) und Sachauseinandersetzung (mit der Handlungskomponente Informationsmanagement) bieten (vgl. S. 27). Damit wird deutlich, dass diese Räume für die Identitätsarbeit von Jugendlichen und mithin für eine zielgruppenadäquate Jugendarbeit relevant sind. Medien sind damit nicht mehr nur als Geräte und Inhalte in der Lebenswelt von Jugendlichen präsent, sondern sie sind auch Handlungsräume, in die das Handeln der Subjekte eingebettet und durch diese geprägt ist. Um diese neue Bedeutungsdimension von Medien zu ergründen, stellt der vorliegende Artikel eine Studie vor, in der das Medienhandeln von Jugendlichen mit Blick auf sozialräumliche Bezüge betrachtet wurde.

Grundlage ist dabei ein Sozialraumbegriff nach dem Soziale Netzwerkdienste nicht ‚ein‘ Raum sind, sondern vielmehr einen technischen Kontext darstellen, in dem die (jugendlichen) Nutzenden im Zuge ihres Medienhandelns Raum gestalten und ggf. auch mehrere Räume voneinander abgrenzen. Dies geschieht, gerahmt von den technischen Voraussetzungen, über Handlungen der Subjekte. (vgl. für eine ausführliche Darstellung dieses Ansatzes Brüggen/Gerlicher 2013 mit Bezügen u. a. auf Deinet 2009, Daum 2011 oder Wardenga 2002)

Sozialräume konstituieren sich demnach innerhalb von facebook erstens über die Interaktion und Kommunikation zwischen Personen. Die sozialräumliche Dimension des Medienhandelns in Sozialen Netzwerkdiensten ist vor allem da offensichtlich, wo Jugendliche über geographische Distanzen Kontakt zu entfernt lebenden Verwandten oder Freundinnen und Freunden aufrechterhalten. In gleicher Weise ist das Medienhandeln aber auch für Sozialräume im unmittelbaren Lebensumfeld relevant, z.B. wenn sich Schülerinnen und Schüler nicht nur in der Schule, sondern auch online in facebook ‚treffen‘. Dadurch wird die sozialräumliche Umwelt der betreffenden Personen medial erweitert, wodurch neue Interaktions- und Kommunikationsmöglichkeiten und Formen der mediatisierten Vergemeinschaftung entstehen (können).

Diese Sozialräume sind aber zweitens geprägt durch im (Programm-)Code festgeschriebene Gegebenheiten der Plattform, die bestimmte Handlungsweisen nahelegen und andere erschweren. Mit der Plattformgestaltung wird von den Anbietern ein Handlungsrahmen gestaltet, in dem Bezüge zur kulturellen Entwicklung und damit auch soziale Normen eingeschrieben sind. In den überwiegenden Fällen ist dieser Handlungsrahmen zum Beispiel auch mit einer bestimmten kommerziellen Motivation erstellt worden, was die zur Verfügung stehenden Funktionen prägt. Dabei ist an öffentlichen Diskursen über neue Plattformfunktionen abzulesen, dass mit der Plattformgestaltung mitunter auch bislang gesellschaftlich anerkannte Normen in Frage gestellt werden. Jugendliche eignen sich demnach im Umgang mit Sozialen Netzwerkdiensten nicht nur die konkreten Funktionen der Plattform an, sondern auch Bezüge zu darin vergegenständlichten Kulturtechniken wie auch von den Anbietern gesetzte Normen, die durchaus im Widerspruch zu gesellschaftlich etablierten Normen und Werten stehen können. Mit Blick auf das sozialraumbezogene Medienhandeln aber auch speziell hinsichtlich der Relevanz für die Identitätsarbeit ist vor diesem Hintergrund von Bedeutung, inwieweit jugendliche Nutzende die Freiheit haben oder sich nehmen, sich von diesen Vorgaben zu lösen und im Medienhandeln eigensinnig eigene Akzente zu setzen. Eine Betrachtung sozialraumbezogenen Medienhandelns muss dementsprechend sowohl die Interaktionen über die Plattform als auch die gegenständlichen Gegebenheiten der Plattform einbeziehen und deren Bedeutung für das Medienhandeln reflektieren.

Ziel des Beitrags ist es vor diesem Hintergrund einen Vorschlag für eine bislang noch fehlende Systematisierung für unterschiedliche sozialraumbezogene Medienhandlungsweisen vorzuschlagen und knapp auszuweisen, welchen Beitrag eine solche Forschungsperspektive für das Verständnis des Medienhandelns und die Aneignung von Sozialräumen zu leisten vermag.

1. Empirische Grundlage

Grundlage hierfür ist die Auswertung von qualitativen computergestützten, leitfadenbasierten Interviews mit 16 Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren. Sie wurden im Rahmen einer Teilstudie eines umfangreicheren Forschungsschwerpunktes durchgeführt, mit der die Relevanz des Online-Medienhandelns für die Lebensführung von Jugendlichen abgeschätzt und daraus Konsequenzen für Medienpädagogik und Medienaufsicht gezogen wurden (vgl. Wagner/Brüggen 2013).

Fokusplattform der Interviews war das zum Zeitpunkt der Erhebung bei Jugendlichen beliebteste Angebot facebook. Eine Besonderheit dieser Interviews ist, dass die Jugendlichen und Forschende sich gemeinsam mit dem Account der befragten Jugendlichen in facebook einloggten und über die konkreten Inhalte und Möglichkeiten auf der Plattform sprachen. Jeweils wurden die Inhalte in ihrer Relevanz für die Jugendlichen bewertet und dabei auch die Beziehung zu der Person, die diese Inhalte gepostet hatte besprochen. Dies ermöglicht Einblicke in die Aneignungsweisen der Jugendlichen in einer inhaltlichen aber auch der sozialstrukturellen Dimension, die mit nur verbalen Befragungsmethoden ohne den Bezug zu den Inhalten so nicht möglich gewesen wären.

Die Interviews wurden mit einer Bildschirm- und Audioaufzeichnung dokumentiert und im Sinne der Methode des kontextuellen Verstehens der Medienaneignung (Schorb/Theuenert 2000) aufbereitet und ausgewertet.

Ausgehend von den Annahmen, dass in facebook mit ganz unterschiedlichen Medienhandlungsformen sozialräumliche Bezüge durch Interaktion und Kommunikation hergestellt und Sozialräume gestaltet werden können, wurden zur Analyse des sozialraumbezogenen Medienhandelns zwei Fragen in den Fokus gerückt:

  • Mit welchen Personen besteht in facebook Kontakt und welche Bezüge gibt es dabei zu Sozialräumen, die auch außerhalb von facebook bestehen?
  • Welche Formen des sozialraumbezogenen Medienhandelns finden sich bei den Jugendlichen?

Die unter diesem Fokus bei den Jugendlichen identifizierten Medienhandlungsformen werden als Modi sozialraumbezogenen Medienhandelns bezeichnet. Im Medienhandeln der befragten Jugendlichen finden sich zum einen Modi der ‚Abbildung‘ sozialräumlicher Bezüge, bei denen es darum geht, wie (bewusst) die Jugendlichen sozialräumliche Bezüge in facebook herstellen, und zum anderen Modi der ‚Skalierung‘ sozialräumlicher Bezüge, bei denen es darum geht, die Größe der Sozialräume zu variieren (Größenänderung) (siehe Tabelle 1).

Tabelle 1: Modi sozialraumbezogenen Medienhandelns

Die verschiedenen Modi sozialraumbezogenen Medienhandelns finden sich in unterschiedlichen Kombinationen im Medienhandeln der befragten Jugendlichen wieder. Im Folgenden werden diese Modi vorgestellt und mit Beispielen aus dem Medienhandeln der Jugendlichen illustriert (ausführlich siehe Brüggen/Schemmerling 2013).

2. Modi der Abbildung sozialräumlicher Bezüge

Unter ‚Abbildung‘ werden Formen sozialräumlichen Medienhandelns gefasst, mit denen bereits bestehende Sozialräume in facebook integriert und damit mediatisiert werden. Wenn eine Person in ihrem facebook-Account Personen aus unterschiedlichen sozialräumlichen Bezügen als Kontakte hinzugefügt hat, entstehen Räume für die Interaktion, in denen sich verschiedene Sozialräume überlappen. Die Freundinnen und Freunde aus der Schule, aus dem Verein oder aus der Konfirmandengruppe können in diesem Falle sowohl die anderen Kontakte als auch (je nach Zugriffseinstellungen) deren Posts sehen. Zumindest können entsprechend der Voreinstellungen alle bestätigten Freundinnen und Freunde die Posts der Account-Inhaberin bzw. des Account-Inhabers sehen, auch wenn mit diesen Bezüge zu Sozialräumen hergestellt werden, denen sie nicht zugehörig sind. Wenn dies als Rahmenbedingung der Kommunikation über die Plattform hingenommen wird, wird das als Modus der ‚Überlappung‘ bezeichnet.

Davon abzugrenzen sind die Modi der ‚Verwebung‘ und der ‚Trennung‘. Der Modus der ‚Verwebung‘ soll ausdrücken, dass Jugendliche in ihren Kontakten Personen aus verschiedenen Sozialräumen integriert haben, ihre Posts in diesen unterschiedlichen Sozialräumen sichtbar werden und die befragte Person absichtsvoll und im Bewusstsein dieser unterschiedlichen sozialräumlichen Bezüge Inhalte postet. Am deutlichsten zeigt sich ‚Verwebung‘ dann, wenn Jugendliche gezielt Inhalte mit einem eindeutigen Bezug zu einem Sozialraum sonst Unbeteiligten präsentieren.

Der Modus der ‚Trennung‘ wird verwendet, wenn Jugendliche durch unterschiedliche Handlungsweisen in facebook bewusst und gezielt Einfluss darauf nehmen, dass Informationen nicht außerhalb der jeweiligen sozialräumlichen Zusammenhänge sichtbar werden. Dabei kann es zu teilweise paradoxen Herausforderungen kommen.

Abbildung 1: Modi der Abbildung sozialräumlicher Bezüge

Abbildung 1: Modi der Abbildung sozialräumlicher Bezüge

2.1 Bei den meisten Jugendlichen finden sich Überlappungen mediatisierter Sozialräume

Der Modus der ‚Überlappung‘ ist im Medienhandeln der meisten Jugendlichen zu erkennen. Diese Jugendlichen haben über ihr facebook-Profil zu Personen aus unterschiedlichen sozialräumlichen Bezügen Kontakt und schränken die Sichtbarkeit von Inhalten mit sozialräumlichen Bezügen nicht so ein, dass diese auf die jeweiligen Kontexte begrenzt bleibt. Die Jugendlichen heben zwar jeweils auch sozialräumliche Bezüge hervor (z.B. woher man sich kennt), wenn sie z.B. im Interview über die Posts in ihrem News Feed sprechen. Über Kommentare oder Likes zu den besprochenen Posts entscheiden die Jugendlichen primär in Abwägung der Beziehung zu der einzelnen Person und nicht mit Blick auf die Sichtbarkeit in unterschiedlichen Lebensbereichen. Damit werden relativ ungeplant Inhalte und Lebensaspekte aus verschiedenen Lebensbereichen für andere sichtbar und es kommt im Zuge der medialen Durchdringung immer weiterer Lebensbereiche in facebook zu einer Überlappung von Sozialräumen.

Ein Beispiel hierfür ist der 14-jährige Mik, der Kontakte aus seiner Schule, aus seinem Fußballverein, aus der Konfirmandengruppe aber auch entferntere Bekannte, die er auf Feiern getroffen hat, in seinem facebook-Konto vereint und damit insgesamt 445 Kontakte hat. Zwar postet Mik selbst nur gelegentlich eigene Inhalte, ist aber vergleichsweise aktiv, auf Posts von anderen mit Kommentaren oder Likes zu reagieren. So kommentiert er den Post einer Grundschulfreundin mit: „Liken, das geht immer.“ (Mik, 126) Im Interviewverlauf wird allerdings deutlich, dass dies so pauschal nicht zutrifft. Liken geht vielmehr nur dann, wenn aus seiner Sicht die Beziehung einen Like rechtfertigt. Besonders deutlich wird dies bei einem Post, in dem ein Mädchen alle Namen der Kinder der Wollnys, einer Familie aus einer Reality Doku Soap von RTL2, aufgelistet und mit folgender Frage verbunden hatte: „Wie heißt die fünfte Tochter?“ Als Mik diesen Post im Interview liest, muss er kurz lachen und meint dann, dass er den Post vermutlich liken und ggf. sogar kommentieren würde. Dann erst fällt ihm auf, dass der Post von einer Fünftklässlerin seiner Schule stammt. Dies ist für ihn ein klarer Grund nicht auf den Post zu reagieren. Dies begründet er damit, dass er es eigentlich nicht gut findet, mit Jüngeren in facebook befreundet zu sein und dass er auch auf dem Schulhof nicht mit ihr sprechen würde. An dieser Stelle wird besonders deutlich, wie sozialräumliche Handlungsrahmen außerhalb von facebook auch in der Interaktion in facebook eine Rolle spielen.

An dem Beispiel lassen sich durchaus ambivalente Entwicklungen darlegen. Einerseits scheint bei Mik die vielfältige Vernetzung mit über 400 Kontakten damit verbunden zu sein, dass Grenzen zwischen Sozialräumen durchlässig werden und leicht ein unverbindlicher Kontakt hergestellt wird. Zugleich zeigt das Beispiel, dass Regeln und Normen aus den einzelnen Sozialräumen im Modus der ‚Überlappung‘ fortbestehen und die Jugendlichen versuchen, die Grenzen zwischen Sozialräumen, auch wenn sie in facebook in Auflösung begriffen sind, durch ihr eigenes Medienhandeln (z. B. dem Verweigern eines Likes) aufrecht zu erhalten.

2.2 Bewusste Verwebung nur in Ansätzen

Der Modus der ‚Verwebung‘, also das bewusste Herstellen von Verbindungen zwischen Sozialräumen in facebook findet sich bei den befragten Jugendlichen zum einen bezogen auf einzelne Erlebnisse, die die Jugendlichen mit möglichst vielen teilen möchten. Zum anderen ist dieser Modus dann zu finden, wenn Sozialräume selbst bereits fragmentiert und verteilt sind. ‚Verwebung‘ ist im Medienhandeln nur mit konkreten inhaltlichen Bezugspunkten erkennbar.

Ein Beispiel für ‚Verwebung‘ ist die Interaktion in Bezug auf ein in facebook veröffentlichtes Video, das die 15-jährige Sarah auf einem Festival anlässlich der Olympiabewerbung der Stadt München in einem Münchner Stadion gefilmt und anschließend gepostet hat. Zu ihrer Motivation befragt, warum sie das Video in facebook veröffentlicht hat, verweist sie darauf, dass sie den Moment mit ihren facebook-Kontakten teilen wollte.

„Ich stell das Video rein, damit ich den Moment teilen kann, damit die wissen, das hab ich auch gesehen.“ (Sarah, 191)

Sarah ist eine der wenigen Jugendlichen, die auf die Möglichkeit des gezielten Teilens mit allen verweisen. Zugleich ist bei dem genannten Post interessant, dass der beste Freund von Sarah als Reaktion darauf alle, die bei dem Festival dabei waren, in dem Video verlinkt hat. Darin kann ein Versuch gesehen werden, das für alle sichtbare Video in einem bestimmten Kontext sozialräumlicher Bezüge zu verankern. Es verdeutlicht aber auch, dass sich der Modus der ‚Verwebung‘ im Medienhandeln der Jugendlichen nur in Kombination mit dem der ‚Überlappung‘ findet.

Die selten bewusst hergestellte ‚Verwebung‘ steht im Kontrast zur Plattformgestaltung. Denn facebook ist von sich aus so gestaltet, dass alle Informationen mit allen Kontakten geteilt werden. In diesem Spannungsfeld haben die befragten Jugendlichen eigene Umgangsweisen entwickelt, wie sie mit der Konvergenz von sozialräumlichen Bezügen umgehen und im Sinne eines boundary management Grenzen aufrechterhalten.

2.2 Trennung sozialräumlicher Bezüge kaum mithilfe technischer Rahmenbedingungen

Zur ‚Trennung‘ sozialräumlicher Bezüge stützen sich nur wenige der befragten Jugendlichen auf die technisch gegebenen Möglichkeiten der Plattform. Gerade die Zugriffskontroll- bzw. Privatsphäreeinstellungen spielen bei den befragten Jugendlichen zur Differenzierung von sozialräumlichen Bezügen kaum eine Rolle. Vielmehr versuchen sie eher, die Sozialräume durch ihr Medienhandeln getrennt zu halten. Dies wurde bereits bei der Entscheidung von Mik deutlich, einen Beitrag einer Fünftklässlerin nicht zu kommentieren. Bei vielen Jugendlichen wird deutlich, dass sie bei ihren Kontakten differenzieren und Trennlinien ziehen.

Nur eine kleine Gruppe der befragten Jugendlichen nutzt technische Möglichkeiten der Plattform, um unterschiedliche soziale Bezüge und damit verschiedene Sozialräume in facebook zu trennen. Am deutlichsten zeigt sich der Modus der ‚Trennung‘ bei Nesrin. Die 14-Jährige hat sich extra ein zweites Konto bei facebook eingerichtet, eines für ihre Freundinnen und Freunde und das andere für ihre Familie. Diese Strategie kann unter der Perspektive des Schutzes von Privatsphäre dahin gehend interpretiert werden, dass Nesrin damit zwei Sphären ihrer Lebenswelt trennt. Mit der Perspektive auf sozialräumliche Bezüge rückt aber stärker in den Fokus, dass diese ‚Trennung‘ unmittelbar mit den Handlungsmöglichkeiten von Nesrin zusammenhängt und eine Umgangsform mit unterschiedlichen Wertesystemen darstellt. Durch diese ‚Trennung‘ möchte sie nicht nur vermeiden, dass leicht Informationen von ihr oder über sie aus dem Freundeskreis in die Familie gelangen. Vielmehr weisen ihre Äußerungen darauf hin, dass sie sich durch diese ‚Trennung‘ anders im Kreise ihrer Freundinnen und Freunde zeigen kann, als sie es gegenüber ihrer Familie macht. Nesrin erhält dadurch einen Zugewinn an Handlungsoptionen, sich die unterschiedlichen Wertesysteme, in denen sie lebt, anzueignen. Zugleich drückt sich in ihren zwei Profilen auch eine ‚Trennung‘ aus, die sie in ihren lebensweltlichen Bezügen auch als Spannung bewältigen muss.

Eine andere Variante des Modus ‚Trennung‘ findet sich bei denjenigen Jugendlichen, die facebook in erster Linie als Chat- und Nachrichten-Plattform nutzen und abgesehen von ihren Profilangaben nur wenige für alle ihre Kontakte sichtbare Posts mit sozialräumlichen Bezügen veröffentlichen.

3. Modi der Skalierung sozialräumlicher Bezüge

Mit den Modi der ‚Skalierung‘ wird beschrieben, wie sozialräumliche Bezüge über die Kommunikation und Interaktion in facebook bezogen auf den Personenkreis verändert werden. Sichtbar werden in den Ergebnissen zwei Modi der Erweiterung sozialräumlicher Beziehungen: Der Modus der ‚Ausweitung‘ von Sozialräumen um weitere Beziehungen und der Modus der ‚Ergänzung‘ sozialräumlicher Bezüge um neue Sozialräume. Hinzu kommt der Modus der ‚Eingrenzung‘ auf nur bestimmte Ausschnitte innerhalb bestehender sozialräumlicher Bezüge.

Der Modus der ‚Ausweitung‘ der Sozialräume bezeichnet die Erweiterung um Kontakte, die sich zwar im sozialräumlichen Umfeld bewegen, aber bislang nicht dem engeren Beziehungskreis in facebook angehören. Darunter fällt z.B. die Kontaktaufnahme zu Freundesfreunden.

Der Modus der ‚Ergänzung‘ meint die Gestaltung eines separaten (mit den bisherigen Sozialräumen unverbundenen) Sozialraums über die Möglichkeiten in facebook. Wenn also neue Beziehungen geschlossen werden, die zuvor nicht bestanden haben und bei denen es auch keine Verbindung mit bereits bestehenden Kontakten resp. bestehende sozialräumliche Bezüge gibt.

Der Modus der ‚Eingrenzung‘ nimmt jenes Handeln in den Blick, in dem nur eine gezielte Auswahl an Personen aus bestehenden sozialräumlichen Bezügen in die ‚Abbildung‘ eines Sozialraumes in facebook einbezogen wird.

Abbildung 2: Modi der Skalierung sozialräumlicher Bezüge

Abbildung 2: Modi der Skalierung sozialräumlicher Bezüge

3.1 Ausweitung über Freundesfreunde hat großes Gewicht

Für die Jugendphase typisch, spielt bei fast allen Jugendlichen auch in facebook die ‚Ausweitung‘ des Freundeskreises eine wichtige Rolle. Der Freundeskreis gilt mithin als eine wichtige einbettende Kultur, die gerade in der Adoleszenz eine wichtige Ressource für die Identitätsarbeit ist. Die Sichtweise von Jugendlichen in facebook drückt der 14-jährige Onur direkt mit einer räumlichen Metapher aus, wonach facebook aus seiner Sicht „ein virtueller Jugendtreff“ (Onur, 60) ist. Dass Soziale Netzwerkdienste hier eine wichtige Funktion übernehmen können, ist mittlerweile ausreichend belegt und zeigt sich auch in dieser Untersuchung. Hierfür ist aus Sicht der Jugendlichen auch eine Reihe von Plattformfunktionen hilfreich wie z.B. die automatisierte Anzeige von neu geschlossenen Freundschaften im eigenen News Feed. Dies regt auch dazu an, zu prüfen, ob man sich auch mit diesen Kontakten der anderen befreunden möchte.

3.2 Thematische Ausrichtung begründet Ergänzung

Der Modus der ‚Ergänzung‘ und damit der Aufbau neuer Beziehungen zu anderen Nutzenden, die bislang noch nicht Teil des erweiterten Freundeskreises der Jugendlichen waren, findet sich nur bei zwei Jungen. Bei beiden ist dabei die thematische Ausrichtung auf ein Interesse maßgeblich und es wird damit deutlich, dass der Modus ‚Ergänzung‘ nicht losgelöst von inhaltlichen Bezügen stattfindet. Vielmehr bietet bei beiden facebook eine Raumstruktur, in der sie bereits entwickelte Interessen weiterentwickeln.

Beispielhaft hierfür ist das sozialräumliche Medienhandeln von Markus. Begründet durch seine Präferenz für Westside-HipHop, seiner Begeisterung für die USA und seinem Interesse für die englische Sprache hat der 15-Jährige gezielt amerikanische Jugendliche gesucht, mit denen er sich über facebook vernetzt. Ausgehend von diesen Kontakten hat er sich über deren Freundeskreis auch einen neuen Sozialraum erschlossen. Auf den Modus der ‚Ergänzung‘ folgt bei ihm der Modus der ‚Ausweitung‘. So ist sein facebook-Freundeskreis auf die mittlerweile auch aus seiner Sicht zu große Anzahl von 815 Kontakten gewachsen. Dieser Sozialraum dient ihm nicht nur dazu, sich über sein Interesse für eine besondere Sparte des HipHop mit anderen auszutauschen oder die englische Sprache zu lernen. Markus geht es auch darum, sein Bild von den USA im Austausch mit amerikanischen Jugendlichen mit der Realität abzugleichen. Mit diesem Ziel hat er bei einem Urlaub mit seiner Familie in den USA auch einen seiner facebook-Freunde getroffen. Von besonderer Bedeutung ist bei Markus aber die Identifikation mit einem bestimmten Lebensstil, der sich seiner Ansicht nach in der von ihm bevorzugten Musik ausdrückt.

„Also, Westside ist irgendwie auch eine Lebensart und eine Musikrichtung. Das ist dieses … Kalifornien halt, Sunshine-State, alles locker nehmen … und Musikrichtung hat das auch viel mit Tupac zu tun, der halt auch seine Musikrichtung ‚Westside‘ genannt hat“ (Markus, 318).

Im Abgleich mit den entsprechenden medialen Vorbildern sind Eigenschaften wie lässig sein oder „alles locker nehmen“ (Markus, 318) für Markus erstrebenswert. Zudem liegt nahe, dass er auch sein Bild von Männlichkeit u. a. im Abgleich mit seinen HipHop-Idolen entwickelt bzw. er sich zumindest von ihnen Anregungen holt. In der Zusammenschau ist damit klar, dass die sozialräumliche ‚Ergänzung‘, die Markus über facebook herstellt, weit mehr ist als digitale Brieffreundschaften. Vielmehr hat er in facebook einen Sozialraum erschlossen, in welchem er sich in der Interaktion mit seinen Kontakten bezogen auf massenmediale Inhalte mit kulturellen Werten auseinandersetzt und dabei an verschiedenen Facetten seines Selbst arbeitet.

3.3 Eingrenzung für den intensiven Austausch

In ihrem Medienhandeln ist nur bei einem befragten Mädchen der Modus der ‚Eingrenzung‘ auf eine Auswahl ihrer sozialräumlichen Bezüge deutlich zu erkennen. Die 13-jährige Mona beschränkt ihre facebook-Kontake auf aktuelle Freundinnen und Freunde bzw. Klassenkameradinnen und Klassenkameraden sowie solche Kontakte, die sie durch Umzug oder andere Entwicklungen nicht mehr oft sieht. Damit kommt sie auf die vergleichsweise geringe Anzahl von 78 Plattformkontakten. Die Plattform facebook ist für Mona in erster Linie ein Raum zum Austausch mit ihren Freundinnen und Freunden, der für sie aber eine sehr große Bedeutung hat. Sie demonstriert permanent und offen Zugehörigkeit zu ihren engen Freundinnen und Freunden und versichert sich so ihrer freundschaftlichen Beziehungen. Ihrer „ABF“ (= allerbesten Freundin) postet sie z.B. Fotos auf die Pinnwand und in den dazugehörigen Kommentaren tauschen die Mädchen gegenseitige Zuneigungsbekundungen aus. Anders als die anderen Jugendlichen erschließt sich Mona allerdings nur einen Interaktionsraum mit einer begrenzten Anzahl von Personen. Die gemeinhin als Potenzial von Sozialen Netzwerkdiensten beschriebene und bei anderen Befragten dominante Ausweitung an Kontakten spielt in ihrem Medienhandeln keine Rolle.

4. Eigensinn und Anpassung im Medienhandeln in mediatisierten Sozialräumen

Die Modi des sozialraumbezogenen Medienhandelns verstehen sich als Systematisierungsangebot, um empirisch begründet unterschiedliche Formen der Sozialraumaneignung im Medienhandeln im Social Web beschreiben zu können. In der Tradition der Aneignungsforschung steht dabei insbesondere die aktive Gestaltungsleistung der Subjekte in den gegebenen gegenständlichen Rahmen im Fokus. Mit der hier vorgestellten Forschungsperspektive auf das Medienhandeln von Jugendlichen können Besonderheiten der Aneignung von Sozialräumen beschreibbar gemacht werden, die sich aus der zunehmenden Mediatisierung von Lebenswelten ergeben.

4.1 Mediatisierung von Sozialräumen fordert Syntheseleistungen innerhalb von Sozialräumen

Mit Blick auf sozialräumliches Handeln in facebook scheint sich mit der Mediatisierung die folgende Entwicklung abzuzeichnen: Das Handeln innerhalb der sozialräumlichen Bezüge wird in facebook von diesen Bezügen entkontextualisiert und dabei die Interaktion stärker personenbezogen strukturiert. Aus Sicht einer Person sind die Interaktionen mit anderen Personen jeweils in sozialräumliche Bezüge (wie z.B. die Schulklasse, den Verein etc.) eingebettet. In facebook wird aber nur die Interaktion selbst ohne die sozialräumlichen Bezüge sichtbar, obwohl diese weiterhin eine Rolle spielen und, wie sich zeigt, auch strukturierend wirken, wer mit wem interagiert oder insbesondere, wer auf wessen Posts eine Reaktion gibt. Diese sozialräumlichen Bezüge können aber nur von den beteiligten Personen rekonstruiert werden. Somit tragen die Personen die sozialräumlichen Bezüge in die Interaktion in facebook hinein.

In den Ergebnissen wird eine aktive Verknüpfungsleistung der Jugendlichen angesichts konvergierender Sozialräume sichtbar, die ihre sozialräumlichen Bezüge außerhalb von facebook mit ihrer Interaktion in facebook verbinden. Syntheseleistungen müssen die Jugendlichen damit bereits innerhalb von mediatisierten Sozialräumen erbringen: zwischen der Interaktion in und außerhalb von facebook. Ein aufschlussreiches Ergebnis in den Einzelfallstudien ist, dass diese Leistung einerseits eine individuelle ist, z.B. wenn die Verbindung zu Regeln hergestellt wird, ob man selbst auf einen Post reagieren darf/würde. Andererseits zeigt sich, dass die Rekonstruktion von sozialräumlichen Bezügen auch eine gemeinsame Praxis ist und im Zuge der Resonanz auf Beiträge vollzogen wird. Mit Resonanz in Form von Kommentaren, Likes oder auch direkten Verlinkungen stellen die Reagierenden sozialräumliche Bezüge wieder her, die in facebook zuvor nicht repräsentiert wurden. Die nachvollziehbare Resonanz (als Bündelung von Reaktionen anderer Nutzender in Form von Likes, Kommentaren o.a.) ist somit eine Dimension sozialraumbezogenen Medienhandelns, die soziale Einbettung, Anerkennungskulturen und weitere positive und für die Identitätsarbeit in facebook unterstützende Aspekte birgt.

4.2 Kenntnis unterschiedlicher Formen sozialraumbezogenen Medienhandelns ermöglichen zielgruppenangemessene pädagogische Unterstützung

Wenn Jugendarbeit Jugendliche bei der Aneignung von Sozialräumen unterstützen will, dann muss sie zum einen die relevanten Sozialräume kennenlernen aber zum anderen auch die Aneignungsweisen verstehen können. Die Modi des sozialraumbezogenen Medienhandelns können dabei hilfreich sein, Medienhandeln in Sozialen Netzwerkdiensten nicht leichtfertig unter von den Plattformen vorgegebenen Rahmenbedingungen zu betrachten. Vielmehr wird durch sie auch der Eigensinn der Jugendlichen erkennbar.

So wurden nur in wenigen Fällen von den Jugendlichen bewusst hergestellte Verwebungen zwischen unterschiedlichen Sozialräumen erkennbar. Der Wunsch, eine Synthese zwischen Sozialräumen in facebook herzustellen, findet sich in der Tendenz nur anlassbezogen, z.B. wenn alle Kontakte über ein besonderes Ereignis informiert werden. Die programmiertechnische Plattformgestaltung von facebook steht hierzu offenkundig im Widerspruch und prägt insofern das Medienhandeln der Jugendlichen, als diese unterschiedliche Varianten der ‚Trennung‘ sozialräumlicher Bezüge entwickeln. Die im Code vorgesehene Möglichkeit der differenzierten Zugriffseinstellung über Listen wird von den befragten Jugendlichen überwiegend nicht angenommen bzw. die Jugendlichen resignieren teilweise auch angesichts des mit dem Listenkonzept verbundenen Aufwands. Im Medienhandeln der Jugendlichen findet sich eigensinnige Ansätze wie die Begrenzung auf nicht-öffentliche Kommunikation oder die ‚Trennung‘ von sozialräumlichen Bezügen durch gesonderte Konten. Mit Blick auf die Bedeutung von sozialraumbezogenen Handlungsmöglichkeiten als Voraussetzung für die Aneignung gesellschaftlicher Wirklichkeit wirken zumindest die Handlungsoptionen der Jugendlichen, die um eine ‚Trennung‘ bemüht sind, eher beschränkt. Ergänzend zu den in der sozialpädagogischen Literatur als zentral herausgehobenen Prozessen des ‚Spacing‘ und der ‚Syntheseleistung‘ (vgl. z.B. Deinet 2009 oder Ketter 2011) sind demnach angesichts dieser Herausforderung auch Handlungsoptionen der ‚Trennung‘ in den Fokus pädagogischer Arbeit zu rücken, um Jugendlichen selbstbestimmte Handlungsmöglichkeiten bei der Aneignung mediatisierter und in diesem Zuge entgrenzter Sozialräume zu ermöglichen.

4.3 Kreative Umwidmung als Ersatz fehlender Funktionen und zugleich Grenzen der Souveränität der Einzelnen

Jugendliche zeigen durchaus kreative Aneignungsformen, um für sie wichtige Aspekte ihrer Sozialräume auch im Social Web zu integrieren. Die Programmierung der Plattform facebook sieht z.B. keine Möglichkeiten vor, besondere Freundschaftsbeziehungen herauszustellen. Offenbar haben aber viele der befragten Jugendlichen den Wunsch, ihre besten oder allerbesten Freundinnen bzw. Freunde auch als solche aus der meist großen Anzahl an Kontakten herauszuheben. Hier zeigen die Jugendlichen kreative Ansätze, mit der Beschränkung durch die Plattformbedingungen umzugehen, indem sie eine eigentlich für die Abbildung der Familienstruktur vorgesehene Funktion umwidmen. Wirklich wichtige Freundinnen oder Freunde werden durch die Auszeichnung als Schwester oder Bruder aus der einheitlichen Gruppe der ‚Freunde‘ herausgestellt. Zugleich erhält Kontextwissen über die tatsächliche Familienstruktur eine größere Bedeutung, da nur mit diesem Wissen nachvollziehbar wird, wer als Freundin oder Freund herausgestellt wird und wer in Zeiten von Patchworkfamilien ggf. ein echtes Familienmitglied ist.

Dieser eigensinnen Ermächtigung stehen aber entmachtende Strukturen entgegen: Während die Nutzenden der Plattform facebook keine Möglichkeit erhalten, ihre wirklich wichtigen Freunde hervorzuheben, wird von dem Dienst im Hintergrund anhand der Interaktionen ausgewertet, welche Kontakte der Person wichtig zu sein scheinen. Diese Information wird dazu genutzt, die Darstellungsreihenfolge der Posts im News Feed anzupassen und die Posts der Personen prominent darzustellen, mit denen häufig interagiert wird. Das Ergebnis dieser Auswertung können die Nutzenden aber nicht einsehen, sondern höchstens aus der Darstellung der Posts rekonstruieren. Damit wird eine Asymmetrie erkennbar, die von Relevanz für das sozialraumbezogene Medienhandeln sein kann. Denn die (jugendlichen) Nutzenden verfügen nicht über spezielle Markierungsmöglichkeiten, wer ihnen besonders ‚nah‘ bzw. wichtig ist. Durch eine kreative Umwidmung einer Plattformfunktion können die Jugendlichen zwar diese in sozialräumlichen Zusammenhängen wichtige Sinnkategorie ausdrücken, diese Hervorhebung hat aber keine offenkundige Relevanz für die nach einem Algorithmus variierende Darstellung im News Feed. Und zugleich verändert die Plattform entlang einer nicht überprüfbaren Auswertung von Interaktionen die Sichtbarkeit von Posts und damit auch Interaktionsofferten von Online-Kontakten. Auf dieser Ebene findet also in facebook nicht nur eine Entkontextualisierung sozialräumlicher Bezüge statt, sondern darüber hinaus auch eine für die Nutzenden undurchsichtige Veränderung dieser Bezüge. Wenngleich die Jugendlichen also Wege etabliert haben, eigensinnig ihre Bedürfnisse auf der Plattform auszudrücken, findet dies in einem Rahmen statt, der die Sinneswahrnehmung und Handlungsmöglichkeiten in mediatisierten Sozialräumen grundlegend verändern bzw. beeinträchtigen kann.

4.4 Hinweise auf geschlechtertypische Rollenzuschreibungen im Medienhandeln

In der Gesamtauswertung zeigten sich Unterschiede im Medienhandeln nach den Geschlechtern. So zeigte sich der Modus der ‚Eingrenzung‘ nur bei jungen Mädchen. Ähnliche Unterschiede zeigten sich aber auch in weiteren Auswertungsbereichen. Während z.B. bei Jungen durchaus offensive Medienhandlungsweisen zu finden sind, sich mit Insidern von anderen abzugrenzen, argumentieren insbesondere Mädchen, dass die eigene Selbstdarstellung ‚sauber‘ sein sollte, sie keine Missverständnisse aufkommen lassen wollen und sie teils Kommunikation eher in privaten Räumen pflegen. Hier liegt nahe, dass sich die Jugendlichen in ihrem Handeln nicht auch an geschlechtertypischen Zuschreibungen orientieren. Dabei ist auffällig, dass Attribute der Selbstbehauptung für ihr Medienhandeln nur von Jungen vorgebracht werden und diese auch eher ihre Interessen ins Zentrum ihrer Selbstdarstellung rücken, während von Mädchen deutlicher ein kommunikativ integratives Motiv akzentuiert wird.

So stellt sich die Frage, ob die Jugendlichen auch in ihrem Medienhandeln aus der Sozialraumforschung bekannte Aneignungsmuster replizieren, in denen „Mädchen Fachfrauen für die Einbeziehung von Menschen in die Raumkonstruktion (werden), die Jungen Fachmänner für an sozialen Gütern orientierte Räume“ (Löw zitiert nach Deinet/Reutlinger 2005, S. 301). Die Kodierung von Geschlecht (vgl. hierzu Spatscheck 2012) erscheint auch in mediatisierten Sozialräumen bedeutsam und ist in der Arbeit mit Jugendlichen zu reflektieren. Auf Grundlage der Stichprobe Aussagen über das sozialraumbezogene Medienhandeln von Jungen oder Mädchen im Allgemeinen treffen zu wollen, wäre unangemessen. Die beschriebenen Befunde werfen aber Fragen auf. Mit Blick auf soziale Gerechtigkeit stellt sich auch in mediatisierten Sozialräumen die Frage, inwiefern von denjenigen Jugendlichen, die diese Akzente entsprechend deutlich setzen, entlang der „Strukturkategorie Geschlecht […] Verteilungsregeln im sozialen Raum etabliert (werden), […] die gerecht oder ungerecht sein (können)“ (Spatscheck 2012). Gerade das von den Mädchen beschriebene Medienhandeln wirkt bei einigen eher defensiv und beengt. Daran anschließend stellt sich aus der subjektorientierten Perspektive die Frage, inwiefern hier eine gerechte Grundlage „zur größtmöglichen persönlichen und eigenverantwortlichen Entfaltung“ (Spatscheck 2012) gegeben ist. Die Befunde der vorgestellten Untersuchung legen nahe, dass diese Frage auch in mediatisierten Sozialräumen Bedeutung behält.

Literatur

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Brüggen, Niels; Schemmerling, Mareike (2013): Identitätsarbeit und sozialraumbezogenes Medienhandeln im Sozialen Netzwerkdienst facebook. In: Wagner, Ulrike; Brüggen, Niels (Hrsg.) (2013): Teilen, vernetzen, liken. Jugend zwischen Eigensinn und Anpassung im Social Web. Baden-Baden: Nomos. S. 141-210.

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Deinet, Ulrich (2009): „Aneignung“ und „Raum“ - zentrale Begriffe des sozialräumlichen Konzepts. In: sozialraum.de, (1) 1/2009. Online verfügbar unter http://www.sozialraum.de/deinet-aneignung-und-raum.php, zuletzt geprüft am 27.11.2012.

Deinet, Ulrich; Reutlinger, Christian (2005): Aneignung. In: Kessl, Fabian; Reutlinger, Christian; Maurer, Susanne; Frey, Oliver (Hrsg.): Handbuch Sozialraum. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 295–312.

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Schmidt, Jan-Hinrik; Paus-Hasebrink, Ingrid; Hasebrink, Uwe (Hg.) (2009): Heranwachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Berlin: Vistas-Verlag.

Spatscheck, Christian (2012): Hat der Sozialraum ein Geschlecht? Über die Genderdimensionen des sozialräumlichen Denkens und Handelns. In: sozialraum.de, (4) 1/2012. Online verfügbar unter http://www.sozialraum.de/hat-der-sozialraum-ein-geschlecht.php, zuletzt geprüft am 11.07.2014.

Wagner, Ulrike; Brüggen, Niels (Hg.) (2013): Teilen, vernetzen, liken. Jugend zwischen Eigensinn und Anpassung im Social Web. Baden-Baden: Nomos.

Wardenga, Ute (2002): Räume der Geographie. Zu Raumbegriffen im Geographieunterricht. Online verfügbar unter http://homepage.univie.ac.at/Christian.Sitte/FD/artikel/ute_wardenga_raeume.htm, zuletzt geprüft am 11.07.2014.


Zitiervorschlag

Brüggen, Niels; Schemmerling, Mareike (2014): Das Social Web und die Aneignung von Sozialräumen. In: sozialraum.de (6) Ausgabe 1/2014. URL: http://http.sozialraum.de/das-social-web-und-die-aneignung-von-sozialraeumen.php, Datum des Zugriffs: 22.11.2017

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