Skater auf einer Treppe
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Alexander Künzel
Vorstandsvorsitzender der Bremer Heimstiftung
Bremer Heimstiftung
Marcusallee 39
28359 Bremen
info@bremer-heimstiftung.de
www.bremer-heimstiftung.de

Netzwerk: Soziales neu gestalten (SONG)
c/o Stiftung Liebenau
Siggenweilerstraße 11
88074 Meckenbeuren
Ulrich.kuhn@stiftung-liebenau.de
www.netzwerk-song.de

Inhalt

  1. 1. Aus dem Leitbild der Bremer Heimstiftung
    1. 1.1 Pflegeheime mit Stadtteilorientierung und Bürgerbeteiligung
    2. 1.2 Beziehungskultur nach innen und außen
    3. 1.3 Stiftungszukunft nur mit engagierten MitarbeiterInnen
  2. 2. Das Netzwerk SONG – Soziales neu gestalten
    1. 2.1 Umsetzung des SONG Projektes
    2. 2.2 Hauptergebnisse – Das SONG-Reformpaket zur Zukunft von Pflege und Teilhabe
      1. 2.2.1 Der 1. Reformschritt – kurzfristige Maßnahmen:
      2. 2.2.2 Der 2. Reformschritt – mittelfristiger Radikalumbau der Sicherungssysteme:


Aktuelle Rezensionen

Buchcover

Sarah Dieckbreder-Vedder, Frank Dieckbreder (Hrsg.): Das Konzept Sozialraum (Beispiel Bahnhofsmission). Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 235 Seiten. ISBN 978-3-525-70192-8.
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Buchcover

Ricarda Dethloff: Sozialraum­orientierung im Übergang Schule – Arbeitswelt. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. 445 Seiten. ISBN 978-3-8288-3697-6.
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weitere Rezensionen zum Thema Sozialraum



socialnet Stellenmarkt

Pädagogische Fachkräfte (w/m) für Kindertagesstätte, Köln

Sozialarbeiter/in oder Sozialpädagoge (w/m) für ambulantes Krisenteam, Berlin

Sozialarbeiter/in oder Sozialpädagoge (w/m) für Jugendwohngemeinschaft, Berlin

Sozialpädagoge (w/m) für Jugendsozialarbeit an Schulen, Unterschleißheim

Erzieher/innen bzw. Sozialpädagogische Assistenten (m/w) für Kitas, Rellingen

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Die Bremer Heimstiftung – Innovative sozialraumorientierte Altenhilfe

Alexander Künzel/Netzwerk: Soziales neu gestalten (SONG)

Logo der Bremer HeimstiftungDie 1953 gegründete Bremer Heimstiftung unterhält an nunmehr rund 25 Standorten in Bremen unterschiedlichste Wohn- und Pflegeangebote für vorwiegend ältere Menschen. Die Leitlinie ist dabei, bei aller Unterschiedlichkeit von Stadtteilhäusern, Stiftungsdörfern, Residenzen, Quartierstreffpunkten und Wohngemeinschaften gemeinwesenorientierte Versorgungsnetzwerke auf- und auszubauen. Ganz praktisch heißt das:

  • Verpflichtung jedes (auch traditionellen) Pflegeheims zur Kooperation in dem jeweiligen Stadtteil
  • Grundsatz: Kooperation geht vor Eigenleistung
  • enge und gleichberechtigte Kooperation mit Nachbarn, Ehrenamtlichen und Verbands-Partnern
  • Umbau der Stiftung gemäß der Grundlinie „So wenig Pflege-Institution wie nötig, so viel alternative Wohn- und Versorgungsform wie möglich“
  • Ablehnung der Neuschaffung isolierter, zusätzlicher Pflegeheime
  • Investition in lokale Verbundsysteme; Motto: kein Standort ohne Kindertagesheim, ohne Volks- hochschule etc.
  • Interkulturelle Öffnung: kultursensible Pflege und Betreuung unter Berücksichtigung der ethnischen Herkunft

Mit dem Ziel der möglichst tiefen Verankerung in die jeweilige Stadtteilnachbarschaft hebt sich die Bremer Heimstiftung bewusst ab von den oftmals sehr traditionellen „Betriebsphilosophien“ der meisten Altenhilfeträger in Deutschland. Die Bremer Heimstiftung verfügt über ein Stiftungskapital von rund 5 Mio. Euro. Zusammen mit ihren Tochtergesellschaften

  • werden fast 3.000 Bremerinnen und Bremer als Mieter, Wohn- oder Pflegeheimbewohner angesprochen
  • gibt es rund 1.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
  • beträgt der Jahresumsatz 75 Mio. Euro bei einer Bilanzsumme von rund 200 Mio. Euro.
  • Die Planungen der nächsten Jahre sehen, neben der weiteren Stärkung der Stadtteilarbeit, den Auf- und Ausbau von Stiftungsdörfern in Borgfeld-West und an der Arberger Mühle vor.

1. Aus dem Leitbild der Bremer Heimstiftung

Die Bremer Heimstiftung sieht es als eine ihrer wesentlichen Aufgaben an, neben ihrer anerkannt qualitätsvollen Arbeit in der Altenhilfe, inhaltliche und praktische Beiträge zur Fortentwicklung einer sozialen Stadt zu liefern. Diese Verantwortung wurzelt in der Überzeugung, dass angesichts der weiteren demografischen Alterung der Bevölkerung eine schlichte Fortschreibung des überkommenen Altenhilfesystems keine zukunftsbeständigen Lösungen liefert. Insbesondere weiß sich die Bremer Heimstiftung einig mit vielen Kritikern des gewachsenen stationären Versorgungssystems, die angesichts der so genannten Demografiefalle (wachsende Altersjahrgänge bei gleichzeitig sinkenden Pflegepersonalressourcen) gemeinwesenorientierte Versorgungs-Netzwerke anmahnen. Nur solche sozialplanerisch-integrativen Mischformen ambulanter und stationärer Versorgung mit ausdrücklich gewollter Bürgerbeteiligung können sicherstellen, dass sich gerade die Pflegeheimarbeit nicht in eine weiter isolierte Situation verstrickt.

1.1 Pflegeheime mit Stadtteilorientierung und Bürgerbeteiligung

Unser Ideal auch für die Weiterentwicklung unserer Pflegeheime ist die Vielfalt ambulant geprägter Pflegearrangements: Bis hin zur selbstverständlichen Einbeziehung von Familien- und Angehörigenunterstützung besteht hier eine höhere Offenheit für einen so genannten Verantwortungs- und Sorgemix in der Pflege. Damit sind ambulante Konzepte traditionellen stationären Strukturen überlegen, die große Zeitbudgets für bewohnerferne Tätigkeiten wie Verwaltung, Heimleitung, Hierarchiearbeit, Großküche, Schnittstellenüberarbeitung und vieles mehr verbrauchen.

Als wohnliche Stadtteilzentren mit Hausgemeinschaften sollen sich unsere Pflegeheime positiv von anderen Einrichtungen unterscheiden. Wir sehen deswegen die Pflegeversicherungsreform als Chance, ambulante und stationäre Logiken optimal miteinander zu verknüpfen. Der Gewinn für alle Beteiligten und Betroffenen, ob BewohnerInnen oder MitarbeiterInnen, dürfte in solchen, auf mehr Selbständigkeit zielenden, Arrangements gewaltig sein.

Und das heißt natürlich, dass wir durch Kooperationen mit Angehörigen, Nachbarn, Selbsthilfegruppen und unter Einbeziehung vieler ehrenamtlicher Helfer den Horizont über den „zahlenden Kunden“ hinaus erweitern zu einer möglichst tiefen Verankerung in die jeweilige Stadtteil-Nachbarschaft.

1.2 Beziehungskultur nach innen und außen

Die Qualität unserer persönlichen Beziehungen mit BewohnerInnen, Angehörigen und Freiwilligen einerseits und unseren KollegInnen im jeweiligen Haus andererseits prägt zentral unsere Wettbewerbsstellung. Darum bildet autonomes verantwortliches Handeln auf allen Ebenen die konsequente Grundlage aller Stiftungskonzepte. Die Verselbständigung der Häuser und weitergehend die Stärkung der Eigenständigkeit durch Teilautonomie von Wohn-, Pflegebereichen und Küchen gehört dabei zur verpflichtenden Grundlage all unseren Tuns. Wir gehen davon aus, dass eine solche Firmengliederung langfristig eine positive Grundhaltung möglichst vieler MitarbeiterInnen zur Stiftungsarbeit eröffnen kann.

Aus diesem Grund hat das Thema „Beruf und Familie“ innerhalb der Bremer Heimstiftung einen hohen Stellenwert. Gerade aus unserer Erfahrung in der Altenarbeit wissen wir, dass Kinder unsere Zukunft sind. Deswegen wollen wir nicht nur Generationsbegegnungen fördern, sondern im Rahmen unserer Möglichkeiten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützen. Dazu gehören auch jährliche Kinderferienprogramme.

So wenig formale Hierarchie wie nötig, so viel Mitarbeiterautonomie wie möglich – Bausteine dieses Konzepts sind neben der flächendeckenden Qualitätszirkelarbeit die aktive Einbeziehung der Betriebsräte in die Gestaltung der Arbeitsabläufe vor Ort und der systematische Ausbau interner Kommunikation und Konfliktlösungsregeln. Dazu gehört, neben der Bereitstellung von Budgets für einzelne Leistungsbereiche und Häuser, das Heureka-Konzept des innerbetrieblichen Vorschlagswesens und ein Beschwerde-/Fehlermanagement als Verpflichtung zur ständigen Optimierung und Verbesserung.

1.3 Stiftungszukunft nur mit engagierten MitarbeiterInnen

Oftmals folgelose Worte kann man viele machen – sie sind das gedruckte Papier nicht wert, wenn Sie vor Ort erfahren müssen, dass die Botschaft letztlich nicht ernst gemeint wird!

Wir schaffen Perspektiven - um dieses Motto einzulösen, braucht es jeden von uns als eigenverantwortlichen und eigenständigen Kopf. Eine moderne Stiftung in unserer Stadt und für unsere Stadt braucht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Zivilcourage und Lust auf Visionen. Gerade deswegen bieten wir im Unterschied zu vielen anderen Unternehmen sichere Arbeitsplätze mit der Zusicherung kontinuierlicher Fortbildung und Qualifizierung. Der Umgang mit Demenz und eine verantwortungsvolle Haltung zum Tabuthema Tod und Sterben werden uns in den nächsten Jahren massiv beschäftigen.

Als gewollt lernendes Unternehmen mit einer liebevollen Grundhaltung zu den vielen Menschen in den unterschiedlichen Stadtteilen unserer Stadt können wir stolz sein auf unsere Stiftung, unsere Arbeit und unser Betriebsklima. Dazu brauchen wir jeden, denn wir können unsere Zukunft aktiv mitgestalten, statt nur Veränderungen unmündig zu erleiden!

2. Das Netzwerk SONG – Soziales neu gestalten

Logo von SONGIm Netzwerk: Soziales neu gestalten (SONG) haben sich vier Partner aus dem Bereich der Wohlfahrtspflege – Bremer Heimstiftung, CBT – Caritas-Betriebsführungs- und Trägergesellschaft mbH (Köln), Evangelisches Johanneswerk e.V. (Bielefeld) und die Stiftung Liebenau (Meckenbeuren-Liebenau) – zusammen mit der Bank für Sozialwirtschaft AG (Köln) und der Bertelsmann Stiftung (Gütersloh) intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie unser Gemeinwesen die mit dem demographischen Wandel einhergehende gesellschaftliche Alterung künftig besser bewältigen kann.

Die herkömmlichen Versorgungskonzepte im Sinne eines Lebens in Abhängigkeit von Angehörigen oder in Form eines Aufenthaltes in spezialisierten Alten- und Pflegeeinrichtungen sind allein nicht mehr ausreichend: Eine pluralisierte Gesellschaft, muss mit differenzierten Settings den sich verändernden Lebensstilen älterer Menschen gerecht werden. Das Netzwerk lehnt die herkömmliche Versorgungslogik ab – die Zukunft liegt in unterstützenden Assistenzsystemen. Dies bietet die Chance, sowohl der Verletzlichkeit, die mit dem Alter verbunden sein kann, gerecht zu werden, als auch der Selbst- und Mitverantwortung des Einzelnen Raum zu geben.

Hierzu haben die Netzwerkpartner durch die Entwicklung und Erprobung wegweisender Modelle und durch die Analyse der Rahmenbedingungen sowie des sozialen und wirtschaftlichen Mehrwerts neuer Ansätze fundierte Vorstellungen entwickelt.

Organisation

Projekt

Bremer Heimstiftung

„Haus im Viertel“

Evangelisches Johanneswerk e.V.

„Projekt Heinrichstraße“

CBT – Caritas-Betriebsführungs- und Trägergesellschaft mbH

„Mehrgenerationenwohnhaus Wipperfürth“

Stiftung Liebenau

„Lebensräume für Jung und Alt“

Weitere Partner des Netzwerkes SONG sind die Bertelsmann Stiftung und die Bank für Sozialwirtschaft AG. Die Bertelsmann Stiftung unterstützt SONG in der Koordination der Netzwerkarbeit und mit ihren politikberatenden Erfahrungen. Die Bank für Sozialwirtschaft bringt ihre langjährige Erfahrung mit der Finanzierung von Sozial- und Gesundheitsdiensten ein. Sie ist unmittelbar konfrontiert mit den Grenzen der bisherigen Angebotsgestaltung und Finanzierung, aber auch mit den neuen Anforderungen an Anbieter und Mittelgeber.

Die vier Leuchtturmmodelle der SONG-Partner basieren darauf, die Herausforderungen, die aus Hilfs- und Pflegebedürftigkeit erwachsen, innerhalb von Quartieren und alltagsnahen Wohnmodellen zu bewältigen. Die Modelle bieten den Bewohnern normale, barrierefreie Wohnungen unterschiedlicher Größe in Wohnanlagen, die in den jeweiligen Stadtteil integriert sind und zahlreiche Begegnungsmöglichkeiten aufweisen. Aktivität und Miteinander der Bewohner werden über die Generationen hinweg gefördert und bei Hilfebedarf individuelle Unterstützungsnetzwerke aus Angehörigen, Freunden, Nachbarn, bürgerschaftlich Engagierten und professionellen Dienstleistern geknüpft.

Gemeinsame Zielvorgaben dieser Modelle sind:

  • Stärkung von Eigenverantwortung und Eigeninitiative;
  • Förderung von sozialen Netzen und neuen Formen des Hilfemixes;
  • Entwicklung neuer lokaler Kooperationsformen und Interessensgemeinschaften durch Gemeinwesenarbeit;
  • Gestaltung neuer Pflegearrangements im Quartier;
  • Mobilisierung erhöhter nachbarschaftlicher Hilfe.

2.1 Umsetzung des SONG Projektes

Alle Leuchtturmmodelle sind darauf ausgerichtet, dass die Quartiersbewohner mit anderen – für sich selbst – etwas tun, um damit eine verlässliche Beheimatung und gegenseitige Sorge im Wohnquartier zu ermöglichen. Die qualifizierte Unterstützung, fachliche Begleitung und lokale Vernetzung der Akteure sind unerlässliche Voraussetzungen für solche tragfähigen Beziehungs- und Hilfearrangements.

Zur Finanzierung des notwendigen Sozialmanagements haben die Netzwerkpartner unterschiedliche Finanzierungsmodelle entwickelt, die sich entweder aus Beiträgen der Bewohner, der Kommunen, der Wohnungswirtschaft und der Bürgerschaft speisen oder Quersubventionierungen der Träger selbst darstellen. Die, trotz des vielfältigen Gemeinwohlnutzens, fehlende öffentliche Regel-Finanzierung erweist sich dabei als das wesentliche Hindernis für eine weitere Verbreitung dieser Modelle.

Für Investitionsspekulationen und den zügellosen Ausbau isolierter und absondernder Pflegeeinrichtungen lässt diese, ganz auf Selbstbestimmung und Teilhabe abzielende, Vision keinen Raum mehr.

Im Sinne auch der ökonomischen Effizienz haben sich die Netzwerkpartner darauf ausgerichtet, Kooperation und gemeinsame Ressourcennutzung nicht mehr der zufälligen Zusammenarbeit einzelner Organisationen zu überlassen, sondern sie zum systematischen und verbindlichen Gestaltungsprinzip zu erheben.

Gleichzeitig verlangt eine solche Neuausrichtung dem Individuum die Bereitschaft zur verlässlichen Übernahme von Verantwortung für andere ab.

Gemeinsames Ziel der Netzwerkpartner ist es, breitenwirksame, zielgruppenspezifische Rahmenbedingungen für quartiersbezogene Leistungs- und Wohnangebote zu definieren, zu entwickeln und daraus sozialpolitische Anforderungen zu benennen. Als Projektgrundlage dient die Evaluation der bestehenden vier Modelle zwischen 2006 und 2009, weitere in Planung befindliche Projekte sowie die generellen Erfahrungen der Netzwerkpartner im Altenhilfesystem.

Das SONG Projekt umfasste folgende Module:

  • Bestandsaufnahme in Form einer Selbstdarstellung der zu untersuchenden gemeinschaftlichen Wohnprojekte
  • Potenzialanalyse dieser quartiersbezogenen Wohnprojekte
  • Sozioökonomische Mehrwertanalyse gemeinschaftlicher Wohnprojekte nach dem Ansatz „Social Return on Investment“ (SROI)
  • Durchführung von fünf Fachgesprächen (Workshops mit rund 60 Fachleuten aus den Partnerorganisationen) zu zentralen Fragen der Gestaltung und Finanzierung sozialer, gemeinwesenorientierter Leistungen und Hilfen
  • Erstellung von Handlungsempfehlungen
  • Beratung politischer Entscheidungsträger
  • Erarbeitung von Fachpublikationen
  • Realisierung eines Dokumentarfilms
  • Durchführung öffentlicher Transferveranstaltungen

2.2 Hauptergebnisse – Das SONG-Reformpaket zur Zukunft von Pflege und Teilhabe

Mit einer Zweistufenlösung als abgestimmtes Reformpaket stellen die Partner des Netzwerk: Soziales neu gestalten (SONG) konkrete Perspektiven für die nachhaltige Bewältigung des demografischen Wandels und die notwendige Zukunftssicherung von Pflege und Teilhabe vor. Ausgangspunkt des SONG-Konzeptes ist die lange verdrängte Erkenntnis, dass die absehbar dramatische Verengung des Arbeitsmarktes in den Pflege- und Gesundheitsberufen und das schrumpfende familiäre Pflegepotential effizientere Versorgungs- und Unterstützungsstrukturen notwendig machen. Der Kernsatz dafür lautet: Für eine wachsende Zahl Pflegebedürftiger steht eine schrumpfende Zahl von professionell bzw. familiär Pflegenden zur Verfügung.

Die Konsequenz aus dieser Erkenntnis wird von den SONG-Partnern positiv beantwortet: (a) Mit einem kurzfristig umzusetzenden Maßnahmensystem in den heutigen Leistungsgesetzen und Zuständigkeiten und (b) mit dem Aufweis eines langfristig notwendigen Umbaus unserer Sicherungssysteme zur Steigerung ihrer Wirksamkeit.

Beide Ebenen zielen auf einen radikalen Richtungswechsel im Pflegesektor ab: Das SONG-Konzept erfordert den Abschied von einer Wachstumslogik im Pflegesystem. Im Sinne einer nachhaltigen Pflege- und Sozialpolitik im demografischen Wandel muss die Zielsetzung lauten, Pflegevermeidung und Rehabilitation zum Zentrum aller politischen Reformmaßnahmen zu machen. Dabei ist das große Oberziel: Lebenswürde sichern im demografischen Wandel durch eine effizientere Sozialarchitektur. Wir müssen die verfügbaren Mittel wirksamer und an der richtigen Stelle einsetzen. Insbesondere sind geeignete Instrumente als Hebel zur Stärkung von Solidarität und Mitverantwortung in der Gesellschaft erforderlich. Dadurch können die professionellen und informellen Kräfte vor Ort in (neuen) lokalen Verantwortungsgemeinschaften aktiviert und vernetzt werden.

2.2.1 Der 1. Reformschritt – kurzfristige Maßnahmen:

  • Aufhebung der Unterscheidung ambulant-stationär und Ermöglichung einer Vielfalt von Wohn-/Versorgungskonzepten: Gleiche Leistungen für pflegebedürftige Menschen unabhängig vom Wohn- und Lebensort
  • Vorrangige Durchsetzung des Rehabilitationsanspruches als Leistungsanspruch und konsequente Nutzung der Regelungen des SGB XI
  • Erweitertes Verständnis von Pflege und Assistenz: Ergänzung von Pflegefachleistungen um Leistungen zur sozialen Begleitung und Teilhabe
  • Unterstützung der Kommunen beim Aufbau einer Unterstützungs- und Vernetzungsstruktur
  • Absicherung von Gemeinwesenarbeit zur Förderung von Pflege-Mix-Netzwerken im Quartier durch gesetzliche Regelung und Finanzierung
  • Effizienterer Mitteleinsatz durch Reduzierung von Mehrfachzuständigkeiten und Abstimmungsaufwand, u.a. durch stärkere pflegepolitische Zuständigkeit der Kommunen
  • Koordinierung der Qualitätsprüfungen und konsequente Orientierung der Qualitätssicherung an den einzelnen Menschen anstelle der Institutionen
  • Verbesserung der Steuerungsinstrumente im Landespflege- und Bauplanungsrecht (u.a. Einführung einer verbindlichen Verträglichkeitsprüfung für die Errichtung neuer Pflegeheime)

2.2.2 Der 2. Reformschritt – mittelfristiger Radikalumbau der Sicherungssysteme:

Die ökonomische Wucht des demografischen Wandels in den nächsten Jahrzehnten ist nur zu bewältigen durch eine, auf bessere Leistungsfähigkeit ausgerichtete, Grundsatzreform der unterschiedlichsten, teilweise widersprüchlichen, sozialen Sicherungsansätze. Die ineffizienten Abgrenzungsprobleme zwischen den Sektoren und Sicherungssystemen müssen beseitigt und die Gestaltungsmöglichkeiten auf kommunaler Ebene gestärkt und gebündelt werden. Die Strukturen für Pflege und Teilhabe müssen vor Ort gestaltbar sein, da dort der demografische Wandel und das soziale Zusammenleben stattfinden.

Wesentliche Ansatzpunkte für ein grundlegendes Reformkonzept sind:

  • Strukturelle Unterscheidung zwischen medizinisch-pflegerischer Behandlung (Cure) und sozialer Sorge (Care)
    • Zusammenlegung von Pflege- und Krankenkassen für den medizinisch-pflegerischen Bereich (Cure); mindestens klare, in sich logische Zuständigkeiten (z.B. Verantwortung/Kostenzuständigkeit für Rehabilitation bei einer Kasse)
    • Neuordnung der Zuständigkeiten und Finanzierung im Bereich Teilhabe und soziale Sorge (Eingliederungshilfe, Hilfe zur Pflege und Sozialversicherungsleistungen) und Bündelung auf lokaler Ebene (Care)
  • Stärkung lokaler Gestaltungsmacht in den Kommunen für eine integrierte, präventiv ausgerichtete kommunale Sozial-, Wohnungs- und Infrastrukturpolitik (gesetzlicher Auftrag und entsprechende Finanzausstattung)
  • Sozialräumliche Ausgestaltung der Sozialleistungen und Finanzierung der leistungsträgerübergreifenden, vernetzenden Leistungen von Quartiersmanagement/Gemeinwesenarbeit
  • Flexiblere, am individuellen Bedarf orientierte Gestaltung des Hilfeplanungs- und Leistungssystems (Bsp. Persönliches Budget)
  • Qualifizierung von Verantwortlichen der lokalen Akteure für sektorübergreifendes, vernetztes, sozialraumorientiertes Arbeiten

Die SONG Projekte sind in verschiedenen Buchpublikationen und Broschüren dokumentiert. Die hier präsentierte SONG-Kurzfassung wird in den nächsten Monaten ergänzt um ein detaillierteres Arbeitspapier zu den einzelnen Reformschritten.


Zitiervorschlag

Alexander Künzel/SONG: Die Bremer Heimstiftung. In: sozialraum.de (5) Ausgabe 1/2013. URL: http://m.sozialraum.de/die-bremer-heimstiftung.php, Datum des Zugriffs: 11.12.2017

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