Skater auf einer Treppe
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Gabi Wittekopf
Diplom Pädagogin, Supervisorin (DGSV), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Stadtteilentwicklung, Sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISSAB) der Universität Duisburg-Essen. Arbeitsschwerpunkte: Fortbildung und Qualifizierung von Mitarbeiter*innen zu Sozialraumorientierung, Stadtteilarbeit, Stadtteilmoderatorin im Quartiermanagement im Essener Nordviertel.

Kontakt: gabi.wittekopf@uni-duisburg-essen.de

Dr. Michael Noack
Sozialarbeiter und Vertretungsprofessor am Fachbereich für Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz. Arbeitsschwerpunkte: Sozialräumliche Organisations- und Netzwerkentwicklung in der Jugendhilfe und in altersbezogenen Hilfesystemen, Interdisziplinäre Netzwerkforschung.

Kontakt: noack@hs-koblenz.de

Inhalt

  1. 1. Einleitung
  2. 2. Grundlagen der Stadtteilbegehung
  3. 3. Die Stadtteilerkundung im Rollstuhl
  4. 4. Stadtteilerkundung Indoor
  5. 5. Fazit
  6. Literatur


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Ricarda Dethloff: Sozialraum­orientierung im Übergang Schule – Arbeitswelt. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. 445 Seiten. ISBN 978-3-8288-3697-6.
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Claudia Muche, Andreas Oehme, Inga Truschkat: Übergang, Inclusiveness, Region. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-1938-4.
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Form follows Function: Stadtteilerkundung im Rollstuhl und Stadtteilbegehung Indoor als Varianten der Stadtteilbegehung

Gabi Wittekopf, Michael Noack

1. Einleitung

In diesem Beitrag stellen wir verschiedene Formen der Stadtteilerkundung vor. Dabei liegt der Fokus auf methodischen Modifikationen der ursprünglichen Form von Stadtteilbegehungen, die wir ausgehend von variierenden Ausgangssituationen in unterschiedlichen sozialarbeiterischen Handlungsfeldern vorgenommen haben.

2. Grundlagen der Stadtteilbegehung

Die Idee Stadtteilbegehungen als Methode zur Erkundung von Lebenswelten zu nutzen geht auf Norbert Ortmann (1999) zurück. Mit Stadtteilbegehungen wird nicht der Anspruch verfolgt, repräsentative empirische Daten aufzustellen, sondern es wird darauf abgezielt, Betroffenheiten und Themen der Menschen im Stadtteil aufzudecken.

Bei der Stadtteilbegehung handelt sich zwar im weitesten Sinne um eine Form der teilnehmenden Beobachtung. Dieses Verfahren wird jedoch an die alltagsweltlichen Ausdrucksformen der Adressat*innen Sozialer Arbeit angepasst, um aufzudecken, wie sie ihre räumliche Umwelt wahrnehmen und wie sie auf der Grundlage dieser Wahrnehmung ihren subjektiven Lebensraum[1] konstruieren.

Diese Konstruktion variiert von Individuum zu Individuum. So kann ein und derselbe Ort für unterschiedliche Jugendliche verschiedene Bedeutungen haben. Die Skaterrampe unter der Autobahnbrücke kann für die Mitglieder der Skater-Clique ein wichtiger Freizeitort sein. Für jene Jugendlichen, die von dieser „Mehrheitsclique“ im Stadtteil ausgeschlossen werden, kann die Skaterrampe als Lebensraum der Unzugehörigkeit beschrieben werden, weil ihr Cliquenausschluss eben dort sichtbar und erfahrbar wird. Wieder andere fühlen sich durch die vielen Jugendlichen gestört und entwickeln Ängste.

Mit Stadtteilbegehungen kann aufgedeckt werden, wie ein und derselbe Ort von verschiedenen Menschen unterschiedlich wahrgenommen wird. Deshalb ist es wichtig, dieselbe Route mit verschiedenen Adressat*innen zu begehen und sie zu bitten, ihre Ortswahrnehmungen fotografisch zu dokumentieren und einen Kommentar zu ihren Fotos abzugeben.

Dies geschieht nicht zum Selbstzweck, sondern je nach sozialarbeiterischem Handlungsfeld mit einer anderen Zielsetzung. In der offenen Kinder- und Jugendarbeit können Einrichtungen ihre Konzeption „aufgrund von Veränderungen im Sozialraum, bei bestimmten Gruppierungen etc. weiterentwickeln und verändern. Dafür ist der ‚Blick von außen’, d. h. die Analyse der Sichtweisen und Wahrnehmungen aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Gruppierungen von großem Interesse, da oft eine Differenz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung entsteht.“ (Deinet 2012: 1).

Auch für die Konzeptionierung von Maßnahmen des Stadtteil- bzw. Quartiermanagements können Stadtteilbegehungen eingesetzt werden, um von stadtteilrelevanten Themen aus Bewohnersicht zu erfahren.

Bei der Anwendung der Stadtteilbegehung in unterschiedlichen Handlungsfeldern ist es günstig, der Losung „form follows function“ zu folgen. Sozialraum- und lebensraumanalytische Methoden sollten an die je spezifische Fragestellung und die Gegebenheiten im Handlungsfeld, in dem sie zum Einsatz kommen, angepasst werden und nicht umgekehrt. Um Stadtteilbegehungen an die Ausgangssituation in unterschiedlichen Handlungsfeldern anzupassen, ist es günstig, folgende Fragen zu reflektieren:

  • Was will ich mit der Stadtteilbegehung erreichen?
  • Von wem brauche ich Eindrücke und Beschreibungen des Stadtteils um mein Ziel zu erreichen bzw. wer sind die Adressat*innen der Stadtteilbegehung?
  • Wie muss das Setting der Stadtteilbegehung zugeschnitten werden, um es den alltagsweltlichen Ausdrucksformen dieser Adressat*innen anzupassen?

3. Die Stadtteilerkundung im Rollstuhl

Wenn bei der Konzeptionierung eines Quartiermanagements der Fokus auf der Gestaltung des demografischen Wandels und damit einhergehend auf der Öffnung eines Altenpflegeheims in den Sozialraum liegt, werden Modifikationen notwendig. Dies möchten wir anhand eines Praxisbeispiels schildern. Im Rahmen einer Sozialraumanalyse, deren Ergebnisse als Grundlage für die Konzeptionierung eines demografieorientierten Quartiermanagementprojekts fungierten, wurde eine Stadtteilbegehung mit 30 – teils demenziell erkrankten Menschen – durchgeführt. Das Ziel dieses Analyseschritts bestand darin, die individuellen Wahrnehmungsmuster von Freizeitorten und Orten der Nahversorgung aufzudecken, um gegebene und verhinderte Nutzungsmöglichkeiten dieser Orte[2] zu erkennen.

Um dieses Ziel zu erreichen, wurde die Stadtteilbegehung zu einer „Stadtteilerkundung im Rollstuhl“ weiter entwickelt. Diese Modifikation wurde notwendig, weil das Sturzrisiko bei den mobilitätseingeschränkten Bewohner*innen des Altenpflegeheims so hoch war, dass entschieden wurde, mit ihnen im Rollstuhl den Stadtteil zu durchqueren. Dadurch wurde der verstärkte Einsatz von Personal notwendig: Jeder ältere Mensch musste im Rollstuhl geschoben werden. Zudem benötigten die Bewohner*innen des Altenpflegeheims mehrheitlich einen „Wahrnehmungsbegleiter“, der ihre Ortswahrnehmungen stellvertretend, aber aus ihrer Perspektive fotografisch und schriftlich dokumentierte.

Denn die Bewohner*innen sahen sich mehrheitlich nicht in der Lage, einen Fotoapparat zu bedienen und schriftliche Notizen zu machen. Daher wurde dieser Analyseschritt als Lehrforschungsprojekt in das Seminar „Soziale Arbeit und Sozialer Raum“ eines Bachelorstudiengangs eingebettet. In mehreren einführenden Sitzungen wurde mit den Studierenden erarbeitet:

  • welche Methoden im Rahmen von Sozialraumanalysen zu welchem Zweck angewendet werden können,
  • wie sich anhand der Mimik und Gestik demenziell erkrankter Menschen Ortswahrnehmungen erkennen lassen und
  • wie subjektive Ortswahrnehmungen stellvertretend fotografisch dokumentiert werden können.

Anschließend begingen die Studierenden und die Bewohner*innen des Altenpflegeheims den Stadtteil. Jeder Bewohner erhielt dabei eine doppelte Begleitung: eine Student*in, die/der den Rollstuhl geschoben hat und eine Student*in, die/der stellvertretend subjektive Ortswahrnehmungen fotografiert und die Originalaussagen des älteren Menschen zur subjektiven Bedeutung des jeweiligen Ortes dokumentierte.

bbildung 1: Stadtteilerkundung im Rollstuhl
Abbildung 1: Stadtteilerkundung im Rollstuhl

Anhand von zwei Beispielen lässt sich veranschaulichen, was mit der „stellvertretenden fotografischen Dokumentation subjektiver Ortswahrnehmungen“ gemeint ist.

Abbildung 2: Umformulierte Ortswahrnehmung
Abbildung 2: Umformulierte Ortswahrnehmung

Abbildung 3: Stellvertretende Dokumentation einer Ortswahrnehmung
Abbildung 3: Stellvertretende Dokumentation einer Ortswahrnehmung

Bei der Stadtteilerkundung im Rollstuhl wurde ein Tunnel durchquert, dessen Bodenbelag viele Erhebungen und Schwellen aufweist, die mit einem Rollator schwer zu überwinden sind. Zudem ist der Tunnel auch für den Auto-Verkehr freigegeben. Ein Student dokumentierte diese Wahrnehmung, allerdings eher aus seinem Blickwinkel (vgl. Abb.: 2). Einer anderen Studentin, deren älterer Teilnehmer eine ähnliche Ortswahrnehmung hatte, ist es gelungen, diese Wahrnehmung aus dessen subjektiver Perspektive zu dokumentieren (vgl. Abb.: 3).

Der Student hat die Wahrnehmungsaspekte seines Teilnehmers aus seiner eigenen (fotografischen) Sicht und in seinen eigenen Worten wiedergegeben. Dadurch wurden zwar die Informationen „unebener Bodenbelag“ und „den Tunnel durchquerende Autos“ erfasst. Die subjektiven Folgen dieser Wahrnehmung blieben jedoch unterbelichtet, weil dies eine Fotografie aus der Perspektive des älteren Menschen und die Verschriftung seiner Originalaussage erfordert hätte. Beides ist der Studentin gelungen. Sie hat es durch die stellvertretende Wahrnehmungsdokumentation – die sich in der Fotografie aus der Perspektive des nach unten blickenden Bewohners und der Notiz seiner Originalaussage äußert ? geschafft, auch die Effekte der Ortswahrnehmung auf die subjektive Lebensraumkonstruktion zu erfassen: Die Meidung des Tunnels aufgrund von Dunkelheit sowie der als mobilitätseinschränkend wahrgenommenen Bodenwellen und schnell durchfahrenden Autos.

4. Stadtteilerkundung Indoor

In einem Essener Stadtteil hat eine Quartiermanagerin bzw. Stadtteilmoderatorin ihre Arbeit damit begonnen einen Workshop durchzuführen. Das Ziel des Workshops bestand darin, dass sich Bewohner*innen und Fachkräfte des Stadtteils gegenseitig Problemzonen und Kraftfelder im Stadtteil darstellen, damit die ermittelten Themenschwerpunkte von ihnen initiativ angegangen werden. Im Vordergrund stand nicht das gemeinsame Laufen im Stadtteil um Einzeleindrücke zu dokumentieren, sondern es ging um den Austausch über das Leben im Stadtteil und die gemeinsame Entwicklung von Handlungsstrategien und –strängen zur Optimierung der Lebensqualität vor Ort.

Das für die abgewandelte Form der Stadtteilbegehung notwendige Material wurde vom städtischen Katasteramt als 60 qm großer Plan in einzelnen Bahnen ausgeplottet. Diese Bahnen wurden in einem Saal, in dem der Stadtteil-Workshop stattfand, ausgelegt und zu einer Stadteilkarte zusammengefügt.

Abbildung 4: Hochaufgelöste Stadtteilkarte
Abbildung 4: Hochaufgelöste Stadtteilkarte

Die Stadtteilerkundung Indoor hat zwei Phasen. Die erste Phase dient dem Kennenlernen und dem Einstieg in die Stadtteilerkundung.

Abbildung 5: Stadtteilerkundung Indoor
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Abbildung 5: Stadtteilerkundung Indoor

Damit sich die Teilnehmer*innen gegenseitig ihre im Stadtteil wahrgenommenen Problemzonen und Kraftfelder zeigen konnten, kamen Bewertungsfahnen zum Einsatz, die im Werkunterricht mit Schüler*innen aus dem Stadtteil gebaut wurden. Die Teilnehmer*innen hatten die Aufgabe Orte des Anstoßes (Problemzonen) und auch Kraftfelder mit den Fahnen rot (Problem) und grün (Potenzial) zu markieren. An diesen Orten haben sie ihre Markierungen erklärt und sind dabei mit anderen Teilnehmer*innen ins Gespräch gekommen.

In der zweiten Phase wurden zu den Themen Arbeitsgruppen gebildet, mit dem Ziel, sich auszutauschen, sich zu verabreden und Aufgaben zu verteilen. Im Sinne des aktivierenden Charakters sozialraumorientierten Quartiermanagements (siehe dazu: Hinte/Treeß 2014) hat sich jedoch nicht die Quartiermanagerin für die Bearbeitung dieser Bedarfe zuständig erklärt. Als Stadtteilmoderation hat sie den Gesamtprozess des Workshops moderiert, nach Motivationen der Teilnehmer*innen gesucht und sie gefunden, was ihrem intermediären Auftrag im dreidimensionalen Quartiermanagement-Modell der Stadt Essen entspricht (siehe dazu ausführlich Noack 2015: 72 f.). Dieses Modell beinhaltet folgende Handlungsbereiche:

  • Gemeinwesenarbeit/Stadtteilarbeit mit den Bewohner*innen und Fachkräften vor Ort
  • intermediäre Stadtteilmoderation als Vermittlung zwischen zwischen unterschiedlichen Interessen(gruppen) im Stadtteil und in der Verwaltung
  • Gebietsbeauftragung in der Verwaltung zur Bündelung der Ressourcen innerhalb der Kommunalverwaltung für den Stadtteil, etwa durch begrenzte Zugriffsmöglichkeiten auf andere Ressorts

An den im Rahmen des Workshops aufgedeckten Problemzonen und Kraftfeldern docken seitdem die Stadtteilarbeiter*innen an. So organisiert die Stadtteilarbeiterin des Sozialdienst katholischer Frauen bspw. einen Bürgertisch im Viertel, um den Dialog zwischen unterschiedlichen Bewohnergruppen anzuregen. Die Teilnehmer*innen des Bürgertischs gärtnern inzwischen auf einer öffentlichen Grünfläche und kämpfen gegen die Verschmutzung der Wiese durch Hundekot.

5. Fazit

Interaktionsorientierte lebens- und sozialraumanalytische Methoden sind keine in „Stein gemeißelten“ Handlungsanleitungen. Daher ist es günstig, wenn Sozialarbeiter in der Lage sind, diese Methoden so zu modifizieren, dass sie an die spezifischen alltagsweltlichen Ausdrucksformen der Adressat*innen in unterschiedlichen Handlungsfeldern andocken.

Literatur

Deinet, Ulrich (2012): Sozialraumorientierung als Konzeptionsentwicklung. Vom einrichtungszentrierten Blick zum Lebensweltbezug. In: TPS 8/2013, 8-12.

Hinte, Wolfgang/Treeß, Helga (2014): Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe. Theoretische Grundlagen, Handlungsprinzipien und Praxisbeispiele einer kooperativ-integrativen Pädagogik. Weinheim: Beltz Juventa, 2. Auflage.

Noack, Michael (2015): Kompendium Sozialraumorientierung. Geschichte, Theoretische Grundlagen und Methoden. Weinheim: Beltz Juventa.

Ortmann, Norbert (1999): Vorstellung einzelner Methoden: Die Stadtteilerkundung mit Schlüsselpersonen; Nadelmethode; Jugendkulturenkataster; Leitfaden-Interview mit Schlüsselpersonen. In: Deinet, Ulrich (Hrsg.): Sozialräumliche Jugendarbeit. Eine praxisbezogene Anleitung zur Konzeptentwicklung in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Leske und Budrich, Opladen, 74-80.


Fussnoten

[1] Der Begriff „Lebensraum“ wirdfür die Gesamtheit der räumlichen Dimensionen einer individuellen Lebenswelt verwendet. Dadurch soll das subjektive Erleben des Raumes durch die individuelle Interpretation objektiv in Erscheinung tretender räumlicher Dimensionen – bspw. materiellen (z. B. die Bausubstanz im Quartier), institutionellen (z. B. die Schulordnung) und/oder funktionalen (z. B. Verkehrswege) – begrifflich von der planungsräumlichen Verwaltungsperspektive unterschieden werden“ (Noack 2015: 80).

[2] Die Nutzung des Konsumorts Discounter kann aufgrund von Treppenstufen als bauliche Barrieren für mobilitätseingeschränkte Menschen verhindert werden. Ein Beispiel für eine soziale Barriere können die von einem älteren Menschen als bedrohlich wahrgenommenen Jugendlichen auf einer Parkbank sein, die die Nutzung des Freizeitorts „Parkbank“ verhindert.


Zitiervorschlag

Gabi Wittekopf, Michael Noack: Form follows Function: Stadtteilerkundung im Rollstuhl und Stadtteilbegehung Indoor als Varianten der Stadtteilbegehung. In: sozialraum.de (7) Ausgabe 1/2015. URL: http://www.sozialraum.de/form-follows-function.php, Datum des Zugriffs: 27.06.2017

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