Skater auf einer Treppe
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AutorInnen

Detlef Graupner
Dipl. Sozialpädagoge, Programmleiter „Hoch vom Sofa!" in der Regionalstelle Sachsen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung

Edda Laux
Dipl. Soziologin, Programmmitarbeiterin „Hoch vom Sofa!" in der Regionalstelle Sachsen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung

Heike Prüße
M.A. Soziologin, Fachstelle Evaluation und Qualitätssicherung in der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung Berlin,

Kontakt: heike.pruesse [at] dkjs.de

Inhalt

  1. Einleitung
  2. 1. Bedarfsermittlung anhand sozialraum- bzw. lebensweltbezogener Methoden mit Kindern und Jugendlichen
  3. 2. Keine Luftschlösser bauen - Projektplanung und Realisierung unter Beteiligung Jugendlicher und dem Zusammenwirken lokaler Akteure
  4. 3. Fazit
  5. Literatur


Aktuelle Rezensionen

Buchcover

Ricarda Dethloff: Sozialraum­orientierung im Übergang Schule – Arbeitswelt. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. 445 Seiten. ISBN 978-3-8288-3697-6.
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Claudia Muche, Andreas Oehme, Inga Truschkat: Übergang, Inclusiveness, Region. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-1938-4.
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weitere Rezensionen zum Thema Sozialraum

Von der Sozialraumerkundung bis zur Projektumsetzung: Kinder und Jugendliche partizipieren in Projekten „Hoch vom Sofa!"

Detlef Graupner, Edda Laux, Heike Prüße

Einleitung

Sozialraum- und lebensweltbezogene Methoden in der Kinder- und Jugendarbeit haben das Ziel, soziale Räume sowie deren Qualitäten aus Sicht von Kindern und Jugendlichen zu erforschen. Oft werden diese Methoden so genutzt, dass Kinder und Jugendliche als ExpertInnen ihrer Lebenswelt angesprochen werden und ihr Wissen darüber, was in dieser Welt wichtig ist, auf diese Weise an Fachkräfte gelangt, die dies zur Planung bestimmter Angebote oder Infrastrukturen nutzen. Damit liegt der Prozess zwischen Sozialraumerkundung und der Realisierung von Angeboten oft außerhalb der Erfahrungswelt von Kindern und Jugendlichen. Sie haben dann nur die Möglichkeit, sich erst wieder als Nutzerinnen und Nutzer der Angebote zu beteiligen. Selten partizipieren sie kontinuierlich von der Sozialraumerkundung bis zur Projektumsetzung.

Doch genau das ist der Ansatz von „Hoch vom Sofa!"[1] , einem Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, das in den Jahren 2009 und 2010 modellhaft in Sachsen durchgeführt wurde. Die Kinder und Jugendlichen waren gefragt, z.B. durch eine Stadtteilbegehung oder mit Hilfe der Nadelmethode, Orte im Dorf, im Viertel oder in ihrer Stadt zu identifizieren, an denen sie etwas verändern wollen. Sie sammelten Ideen, wie z.B. die Belebung einer Brache, die Neugestaltung eines Spielplatzes oder die Neugründung eines Jugendraumes.
Um die Realisierbarkeit solcher Projektideen von vorneherein mitzudenken, bedurfte es der Unterstützung von Institutionen. Erst wenn ein Ortsrat, ein ortsansässiger Verein oder die Nachbarschaft hinter dem Vorhaben der Jugendlichen standen und diese durch konkrete Hilfe unterstützten, konnte aus einer Idee eine Neu- oder Umgestaltung folgen.

Von einigen ausgewählten „Hoch vom Sofa!" - Projekten wird hier berichtet.

1. Bedarfsermittlung anhand sozialraum- bzw. lebensweltbezogener Methoden mit Kindern und Jugendlichen

Die Auswahl von Methoden für Sozialraum- und Lebensweltanalysen mit Kindern und Jugendlichen ist groß. In der Praxis sind sie jedoch nicht lehrbuchartig anzuwenden. Vielmehr wurden in „Hoch vom Sofa!" - Projekten (Teil-) Methoden oder Kombinationen aus ihnen gebraucht. Gemeinsam war allen der kommunikative, aktivierende Charakter und das Ziel einer Gestaltung bzw. Änderung der vorgefundenen Praxis.

Folgende Beispiele zeigen, wie in verschiedenen Projekten vorgegangen wurde.

  • Es wurde ein Heft herausgegeben, das eine Ortsbegehung von Kindern und Jugendlichen vorschlägt. Beispielsweise liefen Jugendliche in Gruppen eine bestimmte Strecke ab und hinterließen unterwegs ihre Meinung über die Orte und Plätze anhand farbiger Bänder. Danach trafen sie sich um darüber zu sprechen, was sie wahrgenommen hatten. In Straßenkarten hielten sie die Ergebnisse fest, d.h. genutzte oder ungenutzte Orte, Ideen und Verbesserungsvorschläge.
  • In den meisten Projekten gab es Gespräche, die man anlehnend an Lüttringshaus (in Deinet 2009: 185) als „sehr kurze aktivierende Gespräche" charakterisieren könnte. Demnach kann ein aktivierendes Gespräch bereits mit drei Fragen geführt werden, die sich auf die Stärken, die Schwächen und Veränderungsmöglichkeiten eines sozialen Nahraums beziehen (ebd.)
    Als Beispiel: Es gab eine Gesprächsrunde mit Kindern und Jugendlichen im Alter von 13 bis 16 Jahren. Die Situation wurde begleitet von einem erwachsenen Moderator, einem Diplom- Sozialpädagogen. Er führte das Gespräch entlang von drei Fragen: „Wo verbringt ihr eure Freizeit, wo im Ort gefällt es euch gut, wo gefällt es euch nicht gut?"
  • In vielen Projekten wurde auch eine Variante der Nadelmethode angewandt: Entlang der Fragen „Wo gefällt es euch gut, wo muss sich etwas ändern?" pinnten die Kinder und Jugendliche grüne und rote Nadeln in die Ortspläne. Anschließend berieten sie, welche Ideen zur Veränderung sie für welche Orte haben.

Wie geht es hier nun weiter? Methoden unter Beteiligung von Kindern und Jugendlichen wecken Erwartungen bei ihnen. Um aber keine falschen, weil nicht realisierbaren Erwartungen zu wecken und keine Erfahrung des Scheiterns zu vermitteln, müssen Möglichkeiten und Grenzen der Projektumsetzung von vorneherein für die Jugendlichen transparent sein (dazu z.B. Deinet 2007: 58). Bei „Hoch vom Sofa" wurde deshalb mit Projektpartnern gearbeitet:

2. Keine Luftschlösser bauen - Projektplanung und Realisierung unter Beteiligung Jugendlicher und dem Zusammenwirken lokaler Akteure

Um sicherzustellen, dass die Ideen der Jugendlichen auch realisiert werden können, bedarf es der Unterstützung durch Erwachsene und Institutionen. Die „Hoch vom Sofa!"- Projekte konnten dann erfolgreich realisiert werden, wenn gemeinsames Handeln zwischen Akteuren im Sozialraum entstand.

  • Die oben beschriebene aktivierende Gesprächsrunde mit Kindern und Jugendlichen wurde organisiert vom Regionalmanagement im Erzgebirgskreis, in enger Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, dem Ortsbeirat, freien Jugendhilfeträgern und einigen Vertreterinnen und Vertretern der Verwaltung. Diese Institutionen waren in den Austausch über denkbare Projekte miteinbezogen und haben schließlich den Rahmen für ein konkretes Projekt ermöglicht. Die Herstellung einer institutionsübergreifenden Öffentlichkeit bereits im Vorfeld hat sich als Gelingensbedingung für das konkrete Projekt erwiesen.
  • In einem anderen Projekt erarbeiteten Jugendliche gemeinsam mit ehrenamtlich engagierten Bürgerinnen und Bürgern die Idee, einen Jugendraum zu eröffnen. Sie trugen diese Idee in den Gemeinderat. Der Gemeinderat stellte den Kontakt zu den örtlichen Stadtwerken her, die den Jugendlichen einen geeigneten Raum mietfrei zur Verfügung stellten. Bei dem Um- und Ausbau des Raumes und des Außengeländes wurden verschiedenste private Akteure aus der Gemeinde aktiv.
  • Vielerorts traf das Programm auf einen bereits laufenden Prozess. In diesen Fällen wurde die Erkundung des Sozialraumes nicht mehr im Hinblick auf einen zu findenden Ort unternommen. Vielmehr wurde nach Unterstützung gesucht, die Nachbarschaft befragt und ein World-Café, ein Workshop oder eine Zukunftswerkstatt veranstaltet. In solchen Fällen diente das Programm „Hoch vom Sofa!" vor allem als Möglichkeit der Verstärkung eines bereits stattfindenden Prozesses im Sozialraum. Ein Beispiel hiefür ist die Gestaltung des Außengeländes einer Freifläche an einem Mehrgenerationenhaus in Dresden. In einer Zukunftswerkstatt traf sich die Nachbarschaft mit den Nutzerinnen und Nutzern des Hauses und Schülerinnen und Schülern der nahe gelegenen Schule, um gemeinsam ein Nutzungskonzept zu erarbeiten, das von allen gleichermaßen getragen wird.
  • Eine längerfristige Perspektive für Jugendliche, in Bezug auf die Planung von sozialräumlich orientierten Angeboten, entwickelte sich in einer Gemeinde im Landkreis Meißen. In dem Projekt erwuchs aus der Ortsbegehung eine rege Diskussion. Die Jugendlichen stellten fest, wie viel in ihrem Umfeld verändert werden muss und machten es sich zur Aufgabe, die Ortsbegehung weiter auszudehnen. Sie fotografierten und schrieben Texte, um in einer Ausstellung lokalen Verantwortungsträgern ihre Sicht auf die Gemeinde näher zu bringen. Die Ausstellung umfasst schließlich Detailansichten aus fünf aneinander grenzenden Gemeinden und wird von den Jugendlichen in Verwaltungsgebäuden und Rathäusern präsentiert mit dem Ziel, Veränderungen anzuregen und in den planerischen Prozess einbezogen zu werden.

3. Fazit

Mit „Hoch vom Sofa!" hat die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung die Erfahrung gemacht, dass Ortsbegehungen, die Nadelmethode oder das aktivierende Gespräch über (mögliche) Angebote vor Ort geeignete Methoden für Kinder und Jugendliche sind, um den eigenen Nahraum (wiederzu-)entdecken, ihn mit andern Augen zu sehen und ihn in einem kommunikativen Prozess neu zu bewerten. Jugendlichen kann die Realisierung von Projekten oder sogar die Einmischung in und die Aneignung von öffentlichen Planungs- und oder Gestaltungsprozessen nur gelingen, wenn sie dabei unterstützt und beraten werden.
Deshalb ist es wichtig, Realisierbarkeit und Entscheidungsspielräume von vorne herein mitzudenken. Dann können Projekte sozialraumbezogener Jugendarbeit Jugendlichen Orientierung, Identifikation mit ihrer Lebenswelt und Selbstwirksamkeitserfahrung vermitteln.

Literatur

Deinet, Ulrich (2007): Lebensweltanalyse - ein Beispiel raumbezogener Methoden aus der offenen Kinder- und Jugendarbeit. In: Kessl/ Reutlinger 2007, S. 57-73

Deinet, Ulrich; Krisch, Richard (2009): Stadtteilbegehung. In: sozialraum.de, Ausgabe 1/2009. URL: http://www.sozialraum.de/stadtteilbegehung.php, Datum des Zugriffs: 20.09.2010

Kessl, Fabian; Reutlinger, Christian (2007): Sozialraum. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden

Lüttringhaus, Maria; Richers, Hille (2007): Handbuch Aktivierende Befragung. Verlag Stiftung Mitarbeit, Bonn


Fußnote

[1] Hoch vom Sofa! ist eine Aktion der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Kooperation mit der Liga der freien Wohlfahrtsverbände Sachsen auf der Grundlage des Programms "TeilHABE ist mehr als TeilNAHME" des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz.


Zitiervorschlag

Detlef Graupner, Edda Laux, Heike Prüße: „Hoch vom Sofa!". In: sozialraum.de (2) Ausgabe 2/2010. URL: http://sozialraum.de/hoch-vom-sofa.php, Datum des Zugriffs: 26.07.2017

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