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Prof. Dr. habil. Herbert Schubert
Prof. Dr. phil., Dr. rer. hort. habil., Professor für Soziologie und Sozialmanagement an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Köln, Direktor des Instituts für angewandtes Management und Organisation in der Sozialen Arbeit (IMOS) und Leitung des Forschungsschwerpunkts „Sozial Raum Management", Habilitation und apl. Prof. an der Fakultät Architektur und Landschaft der Leibniz Universität Hannover.

Kontakt: herbert.schubert@fh-koeln.de

Dr.-Ing. Katja Veil
Studium der Stadt- und Regionalplanung an der TU Berlin und der Oxford Brookes University, Promotion an der Fakultät für Architektur und Landschaft der Leibniz Universität Hannover. Seit 2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsschwerpunkt „Sozial Raum Management“ der Fachhochschule Köln.

Kontakt: katja.veil@fh-koeln.de



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Sarah Dieckbreder-Vedder, Frank Dieckbreder (Hrsg.): Das Konzept Sozialraum (Beispiel Bahnhofsmission). Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 235 Seiten. ISBN 978-3-525-70192-8.
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Ricarda Dethloff: Sozialraum­orientierung im Übergang Schule – Arbeitswelt. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. 445 Seiten. ISBN 978-3-8288-3697-6.
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Kriminalprävention im Sozialraum – Explorative Validierung des ISAN-Präventionsmodells

Herbert Schubert, Katja Veil

Im Folgenden wird auf der Grundlage einer Bevölkerungsstichprobe aus zwei kontrastierenden Großwohnsiedlungen das ISAN-Präventionsmodell veranschaulicht. Das Modell wurde als Strukturierungsrahmen entwickelt, um Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit in Sozialräumen integriert konzipieren und bewerten zu können. Darin werden drei Ansätze der Kriminalprävention verarbeitet: (a) Kriminalitätsverhütung durch Sozialpolitik, (b) Situationsbezogene Kriminalitätsprävention und (c) Kriminalprävention auf der Ebene des Gemeinwesens. Im ersten Teil des Beitrags werden die sozialräumlichen Bedingungen von urbaner Sicherheit, die das ISAN Modell begründen, ausgehend von klassischen Theorien der städtebaulichen Kriminalprävention dargestellt. Das Modell wird im zweiten Teil auf der Basis einer Haushaltsbefragung in zwei Stadtteilen mit Hilfe einer Causal Steps Mediationsanalyse explorativ validiert. Im Fazit wird eine Erweiterung der bisherigen Raumlogik von Präventionsansätzen deutlich, die über das enge Verständnis der situativen Kriminalprävention hinausweist.

1 Theoretische Perspektiven

1.1 Interaktion von Sicherheit, sozialer Organisation und Raumgestaltung

Raum kann als „relationale (An-) Ordnung sozialer Güter und Menschen (Lebewesen) an Orten“ definiert werden (Löw 2001, 224 ff.). Unter sozialen Gütern werden vor allem materielle, platzierbare Objekte verstanden, deren Verortung (d.h. Vermessung, Planung, Errichtung) – in der Relation zu anderen Platzierungen – systematisch einen Ort als Raum erzeugt (Spacing) und symbolisch markiert. Die Konstituierung des Raumes erfolgt dual in einem wechselseitigen Zusammenspiel von Handlung und Struktur: Räumliche „Strukturen sind Regeln und Ressourcen, die rekursiv in Institutionen eingelagert sind“ (ebd., 226) und im Handlungsverlauf von Alltagsroutinen konstruiert werden. Insofern gibt es ‚institutionalisierte Räume der Sicherheit‘, wenn die Anordnung bzw. Ordnung der Objekte individuelle Handlungsmuster und Synthesen auslöst, die mit den Strategien von Maßnahmen der Herstellung von Sicherheit kongruent sind. Besondere Raummuster des Einschlusses und der Ausgrenzung, wie zum Beispiel Zäune, Tore und andere Zugangskontrollen oder wie zum Beispiel der Gebäudeanordnung und Gestaltung von Sichtbeziehungen, können als Raummuster aufgefasst werden, in denen Sicherheitsaspekte institutionalisiert sind (Schubert 2008). Auf der Wahrnehmungsebene wird die atmosphärische Qualität dieser Räume erfahrbar: Die symbolisch-materielle Wirkung eines Raummusters als „Kontroll-Atmosphäre“ wird aber nicht nur räumlich-materiell, sondern auch in sozialer Interaktion produziert. Bisher wurde die architektonisch-städtebauliche und soziale Konstruktion von Räumen theoretisch getrennt abgehandelt (vgl. z.B. Clarke 1992, Crowe 2000).

Der Ansatz der „situativen Kriminalprävention“, nach dem der Raum als ein Handlungsort verstanden wird, wo Sicherheit vor allem auch gestalterisch durch situationsbezogene Bedingungen erzeugt wird, folgt einer direkten Beziehung zwischen Raumgestalt und Sicherheit (vgl. Clarke 1992). Gemäß der Rational-Choice-Logik entscheiden Faktoren der Situation über die Kosten und Risiken einer (nicht legitimen) Handlung und beeinflussen die rationale Entscheidung eines potenziellen „Täters“. Sicherheit lässt sich danach über die situativen Strategien (i) der Erschwerung der physischen Möglichkeiten einer nicht legitimen Handlung, (ii) der Erhöhung des Risikos der Beobachtung bzw. des Bestrafungsrisikos und (iii) der Verminderung des möglichen Ertrags erreichen (ebd., 13). Vor allem die physische Handlungsbeeinflussung durch eine entsprechende Gestaltung der Objekte im Raum („target hardening“) zielt auf die Kontrolle der Zugänglichkeit zu einer Tatgelegenheit (vgl. Clarke 2003) – beispielsweise: Zugangssperren, robuste vandalismusresistente Materialien, schadensverringernde Maßnahmen (wie etwa Graffitischutzgrundierung). Unter dieser Perspektive ist nicht der (potenzielle) Täter, sondern die mangelhafte Gestaltungsqualität des städtischen Raumes als Signal für eine „Tatgelegenheit“ von Interesse (vgl. Schubert 2005). Ob unerwünschte Ereignisse im Wohnumfeld passieren können oder ob Kriminalitätsfurcht erzeugt wird, hängt danach auch von Merkmalen der räumlichen Gestaltung ab.

Aus einer Planungsperspektive hat Jane Jacobs in der klassischen Veröffentlichung „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“ die Sicherheit der Stadt als „vornehmste Aufgabe der Straßen und Bürgersteige“, d.h. als zentralen Zweck des urbanen öffentlichen Raumes herausgestellt und einen Zusammenhang zwischen Bau- und Sozialstruktur im Stadtraum formuliert (1961, 27). Jacobs’ Ansatz richtete sich gegen das städtebauliche Axiom der Charta von Athen, im urbanen öffentlichen Raum die Funktionen voneinander zu trennen und durch die Abseitsstellung monofunktionaler Wohngebiete eine überschaubare Ruhe und Ordnung zu schaffen (vgl. Le Corbusier 1957). Sicherheit wird durch eine beiläufig entstehende Selbstverwaltung der Straße erzeugt, die allerdings förderliche räumliche Rahmenbedingungen erfordert; die Gestalt des Raumes muss Faktoren berücksichtigen wie: (i) die klare Abgrenzung zwischen dem öffentlichen und dem privaten Raum, (ii) die Orientierung der Sinne aller Menschen in der privaten Sphäre auf den öffentlichen Raum und (iii) eine Nutzungs- sowie Nutzerdichte im öffentlichen Raum, die gegenseitige Aufmerksamkeit weckt (Jacobs 1961, 32). Diesen Anforderungen wird stadt- und raumplanerisch eine Nutzungsmischung gerecht, bei der die Überlappung von Nutzungsfunktionen über alle Tageszeiten frequentierte Läden und Dienstleistungseinrichtungen entlang des Bürgersteigs und Bars sowie Restaurants induziert. Damit wurde ein Leitbild von Urbanität durch die Gestalt begründet, die Dichte und Ereignisvielfalt sowie ein Netzwerk von Benutzern und Zuschauern in der Erdgeschosszone ermöglicht. Oskar Newman rückte noch stärker die territoriale Anordnung und die bauliche Gestaltung räumlich-architektonischer Strukturen als Faktoren der inneren Sicherheit eines Wohngebiets in den Blickpunkt (Newman 1972, 18 f.). Er formuliert städtebauliche Gestaltungsprinzipien zur Vorbeugung krimineller und unzivilisierter Handlungen. Durch die architektonische und städtebauliche Gestaltung soll eine natürliche Überwachung – im Sinne informeller sozialer Kontrolle – durch Bewohner ausgelöst werden, die mit Zeichen der Raumaneignung verteidigte und verteidigungsfähige Räume symbolhaft anzeigen, so genannte „Defensible Spaces“. Ästhetisch ansprechende und akzeptierte Gebäudeformen und Freiraumgestaltung fördern ein positives Image und beugen einem negativen Stigma des Wohngebiets vor. In Stadträumen mit gutem Image wird nicht nur das private Investment stimuliert, sondern auch das immaterielle Engagement der Bewohnerschaft. Aus der städtebaulichen Anordnung der Gebäude resultiert ein Milieu-Zusammenhang: Wenn einheitliche städtebauliche Rahmenbedingungen realisiert werden, wie z.B. miteinander harmonierende Haustypen und Hausgrößen, lässt sich planerisch ein Bereich mit hohem sozialen Kontrollpotenzial formen. Damit konzipiert Newman das Leitbild eines Stadtgebiets als territoriale Interessensgemeinschaft (Newman 1980).

Die Präventionslogik, die von der Raumfigur auf das Verhalten der Nutzer schließen lässt, wird in wesentlichen Teilen über die informelle soziale Kontrolle der Bewohnerschaft konzipiert. Die informelle soziale Kontrolle der Bewohner basiert auf einem Grundkonsens der Bewohner, der sich als "Nachbarlichkeit" beschreiben lässt. Diese sozialorganisatorische Perspektive auf Sicherheit im Raum ergänzt die städtebauliche und situative Perspektive.

1.2 Nachbarlichkeit als sozialer Schutzfaktor

Im Begriff der „Nachbarlichkeit“ geht es um eine Solidaritätsform, die eine sozialräumliche Kriminalprävention erzeugt. Die Nachbarschaft repräsentiert traditionell eine „Gemeinschaft des Ortes“ (Pfeil 1972, 259). Die Nachbarn sind in diesem Verständnis eine soziale Gruppe, deren Mitglieder wegen der „Gemeinsamkeit des Wohnortes“ Kontakt zueinander pflegen; d.h. die Auswahl der Kontakte ist auf die räumliche Nähe der Wohnungen zurückzuführen (Hamm 1998, 173). In der Literatur werden zwei Dimensionen des Begriffs der Nachbarschaft unterschieden: die „Nachbarschaftseinheit“ und die „Nachbarlichkeit“ (Pfeil 1972, 260). Während die erste Dimension den territorialen Kontext des ‚räumlichen Zusammenwohnens‘ als städtebauliches Gliederungsprinzip umfasst (ebd., 343), geht es bei der zweiten Dimension der Nachbarlichkeit um das interaktive Handlungsgefüge des ‚neighbouring‘. In der Rhetorik der humanökologischen Chicago School bilden die beiden Dimensionen Aspekte der „natural area“ (geografisches Territorium) und der „cultural area“ (Regeln der Nachbarlichkeit) ab (vgl. Riege/Schubert 2005).

Die Nachbarschaft ist eine interagierende Bezugsgruppe, in der gegenseitig Entlastung und Verhaltensunterstützung gewährt wird, indem ein gemeinsamer Werte- und Normenkanon für das nahräumliche Verhalten und für die Kommunikation lokaler Angelegenheiten ausgehandelt und angewandt wird (Pfeil 1972, 258). Mit der Urbanisierung entwickelte sich ein spezifischer Nachbarschaftstypus, der deutlich von der traditionalen dörflichen Nachbarschaft unterschieden werden kann. Das hohe Maß räumlicher Mobilität, die Mediatisierung der Gesellschaft und die Technisierung der alltäglichen Lebensvollzüge führten zu einem Bedeutungsverlust der territorialen Nachbarschaft und nachbarlicher wertebasierter Kohäsion. Die Bewohnerschaft moderner Großstädte pflegt eher weiträumige Netzwerke anstatt die nahräumliche Nachbarschaft (Häußermann & Siebel 2004, 113); diese Netze sind räumlich dispers, strukturell offen, nur lose verknüpft und basieren im Gegensatz zur vorgegebenen Nachbarschaft auf einer aktiven persönlichen Auswahl der Kontakte.

Der nordamerikanische Diskurs verortet die Nachbarschaft weniger im Spannungsverhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit, sondern konstruierte den Typus der „großstädtischen Straßennachbarschaft“, die in der Form von Netzen öffentlicher Aufsicht die Straße selbst verwaltet, um Fremde sowie sich selbst zu schützen (Jacobs 1961, 83). Dieser Formwandel der urbanen Nachbarschaft garantiert auf niedrigster Stufe ein öffentliches Leben im Nahraum und generiert Vertrauen sowie soziale Kontrolle als Sozialkapital (vgl. Friedrichs/Oberwittler 2007). Voraussetzung ist ein Urbanitätsverständnis der „räumlichen Nähe“, die die „materielle Grundlage“ der Realisierbarkeit des Städtischen darstellt. Straßennachbarschaften werden von Jacobs in der Dimension der Nachbarlichkeit aufgefasst und nicht als territoriale Einheit. In der Straßenabfolge haben sie weder Anfang noch Ende, sind keine Einheit, die sich von der Umgebung absetzt. Die zentralen Funktionen der Nachbarlichkeit im Straßenkontext bestehen darin, die Sicherheit auf der Straße und auf dem Bürgersteig zu verteidigen, Hilfe in Bedrohungssituationen zu organisieren und neu Zugezogene zu integrieren (ebd., 84). Sicherheit im Sinn von „Security“, bei der die aktive Sicherung des Lebensraums, der Schutz des Eigentums und Maßnahmen zur Beeinflussung sowie Abwehr des Verhaltens potenzieller Gefahrenträger im Vordergrund steht (Bauman 2000, 13), wird durch ein fast unbewusstes Gewebe aus freiwilliger Kontrolle und grundsätzlichem Übereinkommen unter den Bewohnern der Straße getragen. Es handelt sich um eine aktive Form der Raumaneignung, weil die Nachbarn als Straßenbeobachter Garanten für Sicherheit sind (Jacobs 1961, 89).

Bereits in den Arbeiten der frühen Chicagoer Schule wurde die soziale Organisation eines Quartiers als zentraler Faktor für die lokale Sicherheit betrachtet (Shaw/McKay 1972). Sozial organisiert zu sein, setzt die Fähigkeit der Quartiersbewohnerschaft voraus, gemeinsame Zielvorstellungen wie Herstellung von Sicherheit zu verfolgen. Einen Einfluss haben neben der Nachbarlichkeit institutionelle Rahmenbedingungen – wie ein positives Verhältnis der Bewohnerschaft zur Polizei und zu Behörden – sowie die städtebaulichen Strukturen, die insbesondere von der Übersichtlichkeit der Gebäude, aber auch der Attraktivität der Baumasse repräsentiert werden (Veil 2008). Die Frage der sozialen Organisation spitzt Robert Sampson zur Organisation der Nachbarlichkeit (collective efficacy) zu und stellt sie in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen. Er vermutet, dass sie entscheidend ist für die informelle soziale Kontrolle und damit auch für die Sicherheitssituation in einem Stadtteil (Sampson/Raudenbush 2004). In Anlehnung an diese wissenschaftlichen Erkenntnisse wird Nachbarlichkeit einerseits vom Vertrauen der Nachbarn untereinander geprägt (bzw. entgegengesetzt ihr Fehlen von der Angst vor Nachbarn) und andererseits von der Bereitschaft zu nachbarschaftlicher Unterstützung bestimmt. In Deutschland befindet sich die empirische Untersuchung dieses Zusammenhangs noch in der Aufbruchsphase (vgl. Friedrichs/Oberwittler 2007, 467 ff.; Rössner et al. 2001). Die Untersuchung des europäischen Forschungsprojekts „Crime Prevention Carousel“ hat erste Zusammenhänge zwischen der Quartiersbindung und der Sicherheitssituation nachgewiesen, womit ein indirekter Zusammenhang zur Nachbarlichkeit hergestellt werden kann (Lukas 2007).

Die städtebauliche Situation ist somit nicht nur bedeutend für die unmittelbare Überschaubarkeit der räumlichen Situation, sondern auch für die Stabilität der Nachbarschaft und deren Zusammensetzung. Die informelle Raumkontrolle, die durch die Bewohnerschaft in Folge der Quartiersbindung ausgeübt wird, um das Quartier zu verteidigen (vgl. Suttles 1968), weist über eine enge städtebauliche Perspektive hinaus. Nur wenn Räume eine ausreichende Bindung erzeugen, kann soziale Organisation und demnach auch Nachbarlichkeit entstehen. Geringe Sicherheit hingegen verringert die Raumbindung und kann Segregation befördern, wie die „Broken Windows“-Theorie argumentiert (vgl. Schubert 2006).

1.3 Segregation und Integration als Sicherheitskomponenten

In der „Broken Windows“-Theorie wird neben dem baulichen Zustand zusätzlich auch das Management eines Quartiers als wichtig erachtet (vgl. Wilson/Kelling 1996). Das Augenmerk wird auf die sichtbare Verwahrlosung eines Raumes ausgedehnt, die einen Rück- bzw. Wegzug der ansässigen Bevölkerung auslöst und einen Freiraum für Delinquenz signalisiert. Zu Grunde liegt die Annahme, dass Verwahrlosung und darauf folgende Kriminalität im Raum zu Unsicherheitsgefühlen bei der Raumnutzung führen. Dies löst den Wegzug von stabilen Haushalten aus und fördert den möglichen Nachzug von Haushalten, durch die das Wohngebiet in eine Abwärtsspirale gerät, die Kontrolle über das Quartier zunehmend verloren geht und die Sicherheitssituation kleinräumig sukzessiv schlechter wird. Sicherheit, soziale Organisation und Raum korrespondieren in dieser Sichtweise relational miteinander. Der Raum fungiert dabei nicht als "Container" des Handelns, sondern er wird durch das soziale Handeln konstituiert. Indem die Menschen Sicherheit als ein erstrebenswertes Gut erachten, wird es durch Selektionsmechanismen der Märkte allokiert. Daraus ergibt sich eine seit der frühen Chicagoer Schule bekannte Dynamik, in der die soziale Organisation des Raums die Sicherheit beeinflusst, diese wiederum die Segregation und die soziale Konstruktion des Raums (vgl. Veil 2008).

Segregation und die damit verbundene sozialräumliche Differenzierung resultiert in Stadtteilen, die soziale Risikofaktoren produzieren. Die Argumentation basiert auf der Annahme, dass die Konzentration von individuellen Problemlagen einen Effekt der weiteren Benachteiligung erzeugt und dadurch auf Stadtquartiere zusätzlich benachteiligend wirkt (vgl. Häußermann 2003). Die benachteiligten Haushalte konzentrieren sich aufgrund ihrer finanziellen Situation in den relativ unsicheren Quartieren, die gering nachgefragt sind. Ein niedriger sozioökonomischer Status von Heranwachsenden und das Aufwachsen in einem benachteiligten  Wohnumfeld gelten als Risikofaktor für die Entwicklung von abweichendem Verhalten; dieser Zusammenhang wurde in internationalen Längsschnittstudien mehrfach bestätigt (vgl. Hawkins et al. 1998; Loeber/Farrington 1998; Lipsey/Derzon 1998). Benachteiligung scheint vor allem für expressive Jugenddelinquenz erklärend zu sein; sie wird als Reaktion auf mangelnde Statuszufriedenheit interpretiert (Katz 1988, 313; vgl. Hayward 2004). Benachteiligung steht außerdem in korrelativer Verbindung zu anderen Risikofaktoren wie familiäre Konflikte und geringes Bildungsniveau. Soziale Benachteiligung im und durch den Sozialraum kann demnach als ein relevanter Einflussfaktor für die Sozialisation und Verhaltensentwicklung angesehen werden, ohne dies mit einfachen Modellen des positivistischen Behaviorismus gleichzusetzen. Zu beachten ist dabei, dass nicht der geographische, sondern der sozial konstruierte Raum für die Sicherheit bzw. die Entstehung von Sicherheitsrisiken entscheidend ist. Dies gilt auch für die Raumwirksamkeit der Benachteiligung sowie der Risikofaktoren von Delinquenz und geringer Sicherheit.

Als Reaktion auf die Kritik der mangelnden konzeptionellen Trennung von Delinquenz und Delinquenzraten in den frühen Studien der sozial-ökologischen Forschung wurde eine methodische Fokussierung auf den einen oder den anderen Aspekt in den meisten empirischen Studien vorgenommen. Dabei war der Täter zunehmend aus dem Blickfeld raumsoziologischer Untersuchungen geraten (Hayward 2004, 101). Entgegen der Vorannahme, dass in den Quartieren mit überdurchschnittlichem Wohlstand eine höhere Einbruchsrate vorliegen müsse, da sich hier ja eine höhere Anzahl an geeigneten Zielobjekten bietet, wurde ein umgekehrter Zusammenhang festgestellt. Das Einbruchsrisiko korreliert positiv mit dem Deprivations-Index der Quartiere, der sich vor allem auf die Einkommensverhältnisse der Bewohner bezieht (Hope 2001, 205). Eine Erklärung dafür liefert die „Routine Acitivities“-Theorie, nach der die Täter auf der Basis ihrer Routineaktivitäten und individuellen kognitiven Raumbildungsprozesse agieren. Die Deliktraten korrelieren mit diesen Aktivitäten im Raum. Patricia und Paul Brantingham haben dazu ein hypothetisches Raummodell erstellt, das die Tatgelegenheiten als räumliche Überschneidung einer Tatgelegenheit mit dem kognitiven sozialen Raum eines motivierten Täters darstellt (Brantingham/Brantingham 1984, 362). Die größere Viktimisierungswahrscheinlichkeit der sozial Schwächeren hängt damit zusammen, dass sie einen gemeinsamen sozialen Raum mit potenziellen Tätern teilen, genauer gesagt, dass sie im gleichen Wohnquartier leben (müssen) (Wilkstrom zitiert nach Hope 2001, 200). Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden, korreliert demnach mit der räumlichen Überschneidung solcher sozialen Räume.

Das Zusammenspiel der sozialen und baulich-materiellen Sicherheitsfunktionen in deutschen Städten wurde in den Sozialwissenschaften bisher nicht empirisch aufgeklärt. Vor allem ist wenig über die Wirkungen bekannt, ob die sozialen Handlungsketten in Interaktion mit der gebauten Struktur einen Beitrag für die Sicherheit im Siedlungsraum leisten.

1.4 ISAN Präventionsmodell

Das ISAN-Modell schließt sowohl unterschiedliche Interventionsstrategien als auch Handlungsebenen zur Verbesserung der Effizienz von Maßnahmen der städtebaulichen Kriminalprävention ein, die theoriebezogenen Handlungsansätzen zugeordnet werden können, ohne sie trennscharf zu differenzieren. Das Zusammenspiel kriminalpräventiver Maßnahmen ist in Deutschland noch nicht integriert auf den vier Modellebenen untersucht worden.

Im Blickpunkt der ersten Handlungsebene „Infrastruktur und soziale Integration“ (Isan) stehen (sozial-) pädagogische Präventionsansätze zur Stärkung sozialer Schutzfaktoren und zur Verminderung sozialer Risikofaktoren im Sozialraum des Gemeinwesens. Neben der Präventionslogik dienen die Infrastrukturen auch der lokalen Lebensqualität und damit der Integration der Bewohner/innen. In der Hoffnung, dass damit an den Wurzeln des Problems angesetzt wird, setzt Kriminalprävention traditionell an sozialen Maßnahmen an (Graham/Bennett 1997). Denn in der Kriminologie konkurriert eine Reihe von Erklärungsansätzen, warum Menschen gewalttätig oder straffällig werden. Im positivistischen Erklärungsansatz wird die Delinquenz auf die Lebensumstände zurückgeführt – wie beispielsweise Armut oder neuerdings eher ‚relative Deprivation‘. Weil dies zwangsläufig mit einer Stigmatisierung bestimmter Personengruppen verbunden ist, wird dieser Ansatz der Hilfe aber auch kritisiert. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass diese sozialpolitische Herangehensweise gegenüber repressiven und kontrollierenden Maßnahmen das wohlfahrtsstaatliche Ziel gesellschaftlicher Integration in den Vordergrund rückt. Um stigmatisierende Effekte zu vermeiden, wird Kriminalprävention daher als Teilaspekt des fachpolitischen Handelns in den Bereichen der Sozial-, Bildungs- und Beschäftigungspolitik interpretiert. So können die Erneuerung benachteiligter Wohnquartiere, die Bekämpfung der Obdachlosigkeit, der soziale Wohnungsbau, die Bereitstellung von Grünflächen und die Schaffung sozio-kultureller Infrastruktureinrichtungen zu einer sozialen Prävention im umfassenden Sinn gerechnet werden, bei der die Kommune – vertreten durch die Fachbereiche ihrer Verwaltung – den handelnden Akteur repräsentiert.

Auf der zweiten Handlungsebene „Sozialmanagement“ (iSan) sind vor allem wohnungswirtschaftliche Akteure wie die Wohnungsgesellschaften, Wohnungseigentümer oder Eigentümergemeinschaften die Handelnden. Sie ergänzen die Wohnfunktion mit wohnbegleitenden Maßnahmen zur Erhöhung der lokalen Sicherheit – beispielsweise etablieren sie Hausmeister und Concierge oder ziehen die Bewohnerschaft mit ein, um die soziale Kontrolle in der Wohnsiedlung zu fördern. Es handelt sich hierbei vor allem um situative Kontrollstrategien der Prävention. Wenn die Wohnbevölkerung vom Sozialmanagement des Wohnungseigentümers aktiviert und beteiligt wird, stabilisieren sich sicherheitsfördernde Kräfte im Wohnumfeld. Das Sozialmanagement der privaten Wohnungswirtschaft in Bezug auf die soziale Kontrolle im privaten Raum wird ergänzt durch soziale Kontrollaktivitäten der Polizei im öffentlichen Raum, so dass die Zusammenarbeit privater und öffentlicher Akteure ebenfalls berücksichtigt werden muss.

Bauliche und materielle Aspekte sind auf der dritten Ebene von „Architektur und Städtebau“ (isAn) im gesamten Siedlungsraum zu finden. Hier sind Designer, Architekten, Freiraumplaner und andere gestaltende Professionen die handelnden Akteure, die im Auftrag kommunaler und wohnungswirtschaftlicher Akteure ihre Dienstleistungen erbringen. Nach dem situativen Präventionsansatz kommt es auf dieser Ebene darauf an, den städtischen Raum so zu gestalten, dass Tatgelegenheiten minimiert und Angst erzeugende Bereiche planerisch ausgeschlossen werden. Die Qualität des Designs von Wohngebiet und Architektur ist in diesem Kontext auch ein Faktor der lokalen Wohnzufriedenheit und damit der Quartiersstabilität. In dieser Perspektive des ‚Designs von Sozialräumen‘ wird die Theorie der Rational Choice und der sozialen Kontrolle in präventive Handlungsmöglichkeiten übersetzt: Die Gestaltung der räumlich platzierten Artefakte soll das Risiko, durch Kontrollmaßnahmen entdeckt zu werden, steigern und damit die Kosten einer Straftat erhöhen. Es gehören jedoch über die klassische Perspektive der ''städtebaulichen Kriminalprävention'' hinaus auch Maßnahmen zur Erhöhung der Lebensqualität dazu, die sich auf die Attraktivität und damit auf die soziale Organisation des Raums und die Stabilität der Nachbarschaft auswirken.

Auf der vierten Ebene der „Nachbarlichkeit“ (isaN) repräsentieren die Bewohnerinnen und Bewohner die handelnden Akteure. Es ist die Handlungsebene der lokalen Selbstorganisation, Sicherheit im informellen Zusammenspiel zu erwirken. Die Gemeinwesenarbeit ist bereits in den 1920er bis 1940er Jahren von den Humanökologen der Chicago School in den USA als Ansatzpunkt der Kriminalprävention entwickelt worden. Nach kommunitaristischen Prinzipien wird in ausgewählten Gebietseinheiten die Gründung zivilgesellschaftlicher Organisationen angeregt, damit die lokale Bewohnerschaft bei der Bestimmung und Umsetzung von Aktivitäten aktiv mitwirken kann. Die Selbstorganisation fördert im Gemeinwesen die informelle soziale Kontrolle; sie kann daher als kriminalpräventives Instrument betrachtet werden. Die öffentlichen Räume erhalten dabei besondere Aufmerksamkeit, weil ihnen wichtige Funktionen für die Konstituierung von Gemeinschaft im nachbarschaftlichen Radius zugeschrieben werden.

Das Ziel sozialräumlicher Präventionsmaßnahmen besteht vor allem darin, das Risiko, Opfer einer kriminellen Handlung zu werden, zu vermindern. Als „sicher“ gelten im Allgemeinen Situationen, die frei von Bedrohungen sind und in denen die Unversehrtheit von Körper und Eigentum nicht beeinträchtigt wird. Im Bereich des Wohnens machen solche Rahmenbedingungen die alltägliche Lebensqualität aus, weil die Menschen im Gefühl der Sicherheit unbeschwert in ihren Wohnungen leben und ohne Beeinträchtigungen die öffentlichen Räume im Wohnumfeld nutzen können. Damit werden zwei Seiten von Sicherheit deutlich: Neben dem objektiven Vorkommen von Störungen im Sinne realer Kriminalitätsereignisse spielt vor allem die subjektive – sozusagen ‚gefühlte‘ – Sicherheit der Bewohner/innen eine Rolle. Subjektive Wahrnehmungen, die sich zu Gefühlen der Sicherheit oder Unsicherheit verdichten, stehen mit den tatsächlichen Kriminalitätsraten nicht in einem engen Zusammenhang, was der Vergleich der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) mit Ergebnissen von Bevölkerungsbefragungen veranschaulicht (vgl. Kury 1997). Die subjektive Sicherheitsdimension hat eine hohe Bedeutung in der sozialräumlichen Kriminalprävention. Sie ist im Kontext eines umfassenden Konzepts der Zufriedenheit mit der sozialräumlichen Umwelt zu betrachten, bei dem die Nutzer/innen des Wohngebiets sowohl als Zielgruppe für sicherheitsfördernde Maßnahmen als auch als zivilgesellschaftliche Ko-Konstrukteure und Garanten von Sicherheit verstanden werden müssen. Denn die subjektive Sicherheitswahrnehmung ist indirekt auch für die objektive Sicherheit relevant, da sie den Grad des nachbarschaftlichen Engagements der Bewohnerschaft zum Schutz des Lebensraums beeinflusst. Daher richten sich sicherheitsfördernde Maßnahmen weniger an die Bewohnerschaft als passive Zielgruppe, sondern vor allem als ‚Aktivisten‘ – die Bewohner/innen sind mitverantwortlich für die gemeinsame Herstellung von Sicherheit im Nahbereich der Wohnungen und Infrastruktureinrichtungen, was durch die subjektive Sicherheitsperspektive unterstützt wird.

Die Überprüfung des Präventionsmodells erfolgt hier in Bezug auf die Reduktion der subjektiven Einschätzung, Opfer eine Straftat zu werden. Die angenommenen Wirkungsbezüge des ISAN-Modells werden in der Abbildung 1 dargestellt:

Abbildung 1: Wirkungsbezüge des ISAN-Modells
Abbildung 1 Wirkungsbezüge des ISAN-Modells

Der Datensatz, der zur Überprüfung herangezogen wird, wurde unter Bewohnerinnen und Bewohnern von zwei Wohnquartieren gewonnen (Schubert, Veil et al. 2009). Darin bleiben Aspekte der sozialräumlichen Kriminalprävention ausgeblendet, die sich nicht in einer Haushaltsbefragung erfassen lassen. Dazu gehört beispielsweise die Hypothese, dass die Kooperation zwischen „intermediären Akteuren“ – wie zum etwa Organisationen der Wohnungswirtschaft, Professionelle der polizeilichen Ordnungskräfte und Institutionen der Daseinsvorsorge sowie zivilgesellschaftliche Initiativen – ein präventives Milieu im Wohnquartier und im Stadtteil bilden kann.

2 Empirische Perspektiven

2.1 Beschreibung der beiden Stadtteile

Das ISAN Modell wird als Basis der Untersuchung kriminalpräventiver Maßnahmen in zwei Großsiedlungen genutzt. Beide Siedlungen stammen aus derselben städtebaulichen Epoche des modernen Siedlungsbaus. Sie weisen insofern strukturelle Ähnlichkeiten auf. Zugleich unterscheiden sie sich jedoch im Bereich des strategischen Handelns: Dies gilt insbesondere für die gewählten Strategien  zum Umgang mit Sicherheitsproblemen in den Siedlungen.

Der Stadtteil A liegt etwa 12 km südwestlich vom Stadtzentrum entfernt. Die Verbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist derzeit über drei Buslinien gewährleistet. Die untersuchte Wohnanlage im Stadtteil A wurde in den 1970-er Jahren fertig gestellt und als Wohnungseigentum zum Kauf angeboten. Die Zahl der Wohnungen sowie die Grundfläche wurden vom Investor konzipiert, der die Entwicklung der Anlage unter ökonomischen Aspekten betrieb. Da die Anlage im freifinanzierten Wohnungsbau entstanden ist, gelten auch keine besonderen Mietobergrenzen und Belegungsbindungen. Insgesamt wurden ca. 1.300 Wohnungen in massiver Betonbauweise errichtet. Der größte Wohnblock ist 90 Meter hoch und umfasst 560 Wohnungen auf 26 Stockwerken. Die Bauweise der neun Hochhausblöcke zeichnete sich durch eine sogar im internationalen Vergleich einzigartige Dichte und Höhe aus, die sich vom dörflichen Charakter der Umgebung bzw. der unbebauten landwirtschaftlichen Umgebung stark absetzt. Mit Hilfe der Stadtverwaltung wurde in den 1980-er Jahren eine Sanierung der Außenanlage unter der Leitung der Hausverwaltung durchgeführt. Mit der Verwaltung der Wohnungen sind zwei Gesellschaften beauftragt, die beide vor Ort ein Vermietungsbüro haben. In der Siedlung gilt eine Hausordnung, die jedem Mieter bei der Vertragsunterzeichnung mitgegeben wird. Bei Verstößen (z.B. Verschmutzungen) erhebt die Verwaltung eine Reinigungspauschale. Die Hausverwaltung des Stadtteils A ist überzeugt, dass Sauberkeit und Ordnung auch zu ordentlicherem Verhalten der Bewohner führen. Auftretende Verschmutzungen werden umgehend entfernt, außerdem werden die Häuser von einem Sicherheitsdienst mit Videoüberwachung kontrolliert.

Der Stadtteil B liegt innerhalb eines großstädtischen Siedlungsgefüges. In die Innenstadt gelangt man mit der Stadtbahn in zehn Minuten. Die untersuchte Wohnanlage wurde auf dem Gelände einer ehemaligen Arbeitersiedlung zu Beginn der 1970-er Jahre gebaut. Sie umfasst etwa 1.000 Wohnungen. Die 25 vier- bis 16-geschossigen Gebäude gliedern sich in vier Quartiere. Alle Wohnungen wurden öffentlich gefördert. In den 1990-er Jahren kaufte eine Wohnungsgesellschaft große Teile von der damaligen Eigentümerin mit der Absicht, den Bestand umfassend zu modernisieren. Das integrierte Handlungskonzept für die Weiterentwicklung der Großsiedlung beinhaltet vor allem gebäudebezogene und städtebauliche Maßnahmen, die mit beschäftigungswirksamen Projekten verknüpft wurden. Um die gewünschten Maßnahmen umsetzen zu können, wurden Fördermittel beantragt und bewilligt. Im Rahmen einer umfassenden Sanierungsstrategie wurden die Häuser zwar strukturell nicht verändert, aber die Gestaltung und das Erscheinungsbild wurden vollständig verändert. Die Hausverwaltung hat während der Sanierung großen Wert auf die Beteiligung der Mieter gelegt und das Erneuerungskonzept auf „sicheres Wohnen“ fokussiert. Die Sozialberatung der Wohnungsgesellschaft umfasst Beratungen rund um das Thema Wohnen sowie spezielle Projektbereiche wie z.B. das "Wohnen im Alter" oder "Nachbarschaften". Die Hausverwaltung will die Mieter als mündige Bürger ernst nehmen und ein ausgewogenes Verhältnis von Rechten und Pflichten herstellen. Ein Concierge soll ein ‚Gesicht im Quartier‘ darstellen, das die Bewohner kennen und als Ansprechpartner respektieren. Auch im Stadtteil B findet eine Videoüberwachung der gemeinschaftlichen Hausinnenbereiche statt.

Die Sicherheitslage, wie sie aus der polizeilichen Statistik abzulesen ist, unterscheidet sich deutlich von dem Sicherheitsbild der Bewohnerschaft. Während die Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistik für beide Stadtteile ein relativ unauffälliges Bild ergibt, so unterscheiden sich die Ergebnisse aus der Haushaltsbefragung deutlich und in konsistenter Weise voneinander. Die Bewohner des Stadtteil A bewerten ihren Stadtteil in allen Aspekten als sicherer. Das polizeiliche Lagebild aus der Ermittlungs- und Einsatzstatistik zeigt hingegen für den Stadtteil A nur bei bestimmten Delikten eine höhere Tätigkeitsrate, während bei anderen Delikten im Stadtteil B stärker ermittelt wird und insgesamt mehr Einsätze erfolgen.

Aus den Daten der Haushaltsbefragung lässt sich schließen, dass der Stadtteil A aus Sicht der Bevölkerung signifikant unsicherer ist als der Stadtteil B.

2.2 Untersuchungen in zwei Kontrastgebieten

Die Untersuchung umfasst die stadtteilbezogenen Varianzen der Sicherheitswahrnehmung und deren Korrespondenz mit den sozialräumlichen Indikatoren des ISAN-Modells. Daraus hervorgehend werden Indikatoren aus dem ISAN Modell in Bezug auf ihrer Relevanz für diese zwei Fallbeispiele geprüft. Als zentraler empirischer Schritt wurde auf der Basis eines standardisierten Fragebogens in den beiden Untersuchungsgebieten im Zeitraum von Februar bis März 2008 eine mündliche Haushaltsbefragung durchgeführt. Die Bruttoausgangsstichprobe beträgt 1.393 in Stadtteil A bzw. 916 Haushalte in Stadtteil B; die bereinigte Nettostichprobe 747 bzw. 893 Haushalte. Als stichprobenneutrale Ausfälle wird dabei die in Stadtteil A zurückgehaltene zufällig gewonnene "Stichprobenreserve", die für den Ausgleich des Stichprobenumfangs in dem mehr Haushalte umfassenden Stadtteil zurückgehalten wurde, abgezogen. Außerdem muss von einer rechnerischen Leerstandquote von 11% in Stadtteil A und 1,5% in Stadtteil B ausgegangenen werden. In Stadtteil A wurden 258 und in Stadtteil B 230 Interviews durchgeführt, diese entspricht einer Ausschöpfungsquote von 32,2% bzw. 25,5% (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1   Stichprobe der Haushaltsbefragung

Da die Ausschöpfungsquote als eher gering anzusehen ist, stellt sich die Frage, ob die erzielte Stichprobe mit der Grundgesamtheit der Bevölkerung aus der amtlichen Bevölkerungsstatistik übereinstimmt. Ein Abgleich bezüglich Geschlecht, Altersgruppen und Nationalität erfolgte anhand eines Kreuztabellenvergleichs und eines Chi²-Test mit einer rechnerisch angeglichenen Fallzahl beider Datenquellen von 100 (vgl. Tabelle 2). Für die Annahme einer ausreichenden signifikanten Übereinstimmung der erzielten Stichprobe mit der Grundgesamtheit wurde eine Irrtumswahrscheinlichkeit von 5% festgesetzt.

Tabelle 2    Vergleich Einwohnerstatistik und Stichprobe (in %)

Beim Vergleich der Altersgruppen und der Geschlechterverteilung zeigen sich weder für den Stadtteil A noch für den Stadtteil B signifikante Differenzen. In Bezug auf die Altersverteilung ist in beiden Gebieten die Altersgruppe der 26- bis 45-Jährigen, im Stadtteil B sind auch die über 65-jährigen etwas überrepräsentiert. Die Verteilung der Nationalitäten weicht jedoch in Stichprobe und Grundgesamtheit voneinander ab. Im Stadtteil B wurden 65,8% deutsche Staatsbürger befragt, etwas weniger als der statistisch ermittelte Gesamtwert von 69,6%. Im Stadtteil A wurden 26,3% türkische Bürger befragt, was deutlich über dem kommunalstatistischen Referenzwert von 20% liegt. Die sonstigen Nichtdeutschen wurden nur zu 27,5% befragt, obwohl diese Gruppe statistisch 50,4% in der Bewohnerschaft ausmacht. Erklärbar ist dies durch die Vielfalt der Nationalitäten, die die Zahl der angebotenen Sprachen der Befragung bei Weitem übersteigt. Insgesamt kann gesagt werden, dass mit Ausnahme der nicht abbildbaren ethnischen Vielfalt im Stadtteil A die Übereinstimmung der soziodemographischen Werte der Stichprobe den entsprechenden Werten der Grundgesamtheit für die ausgewählten soziodemografischen Variablen trotz der relativ geringen Ausschöpfungsquote zufriedenstellend ist.

2.3 Variablenerhebung und Konstruktbildung

Die ISAN-Handlungsebenen Infrastrukturen, Architektur/Städtebau und Sozialmanagement sowie Nachbarlichkeit wurden in der Haushaltsbefragung mittels individueller Bewertungen gemessen und direkt auf die subjektive Einschätzung, Opfer einer Straftat zu werden, bezogen.

Der Untersuchungsansatz basiert auf der allgemeinen Annahme, dass eine positive Wahrnehmung von Einflussfaktoren der Wohnsituation mit einem ausgeprägten Sicherheitsgefühl korrespondiert; dasselbe gilt für die Aktivitäten im Bereich des Sozialmanagements. Die Faktoren, die als relevant für die Sicherheit dargestellt werden, sind die in der Befragung erhobenen Aspekte, bei denen eine ausreichende Variation der Merkmalsausprägungen festgestellt werden konnte. Die Handlungsebene der Infrastruktur der sozialen Daseinsvorsorge kann jedoch nur sehr eingeschränkt auf die subjektive Sicherheit bzw. das wahrgenommene Viktimisierungsrisiko, bezogen werden. Die Stärkung sozialer Schutzfaktoren und die Verminderung sozialer Risikofaktoren durch (sozial-) pädagogische Präventionsansätze lässt sich in einer Haushaltsbefragung nicht hinreichend abbilden. Die Modellüberprüfung in Bezug auf die Infrastrukturen erfolgt hier nur bezüglich der Zufriedenheit mit den Angeboten im Sozialraum des Wohnumfeldes. Die städtebauliche Ebene wurde in der Haushaltsbefragung unter dem Aspekt der Zufriedenheit erfasst und nicht in Bezug gesetzt zu objektiven Eigenschaften der räumlich platzierten Artefakte.

Das heißt, dass diese Indikatoren im Vergleichsdesign der beiden kontrastierenden Stadtteile bestätigt werden konnten, aber keinesfalls, dass andere Einflussfaktoren, wie z. B. Gebäudehöhen, nicht ebenfalls von Bedeutung wären. Somit handelt es sich eher um ein exploratives Untersuchungsdesign, das die komplexen Zusammenhänge sozialräumlicher Kriminalprävention mithilfe einer Haushaltsbefragung erfassbar machen soll.

In der nachfolgenden Tabelle sind die Namen, Abkürzungen sowie die Bildung der Indikatoren aus den Einzelfragen aufgeführt, die in die Auswertung einbezogen werden (s. Tabelle 3).

Tabelle 3   Auswahl von Indikatoren der Haushaltsbefragung

Die Variable „Risiko Opfer“ (S) enthält die Befürchtung der befragten Person, Opfer einer Straftat in der Siedlung zu werden. Diese individuelle Ausprägung der subjektiven Sicherheit basiert auf der Einschätzung zu Items[1], die die Wahrscheinlichkeit abbilden, dass das eigene Auto im Straßenraum aufgebrochen oder gestohlen wird, dass man Opfer eines Straßenraubes, eines Wohnungseinbruchs, einer Sachbeschädigung, Körperverletzung oder eines sexuellen Übergriffs wird.

Die Variable „Sozialmanagement/Dienstleistungen“ (SD) ist Teil des ISAN-Modells und bildet die Zufriedenheit der Befragten mit den Dienstleistungen der Wohnungsunternehmen ab. Dazu wurden die Bewertungen[2] der Reinigung des Wohnhauses und der Außenflächen, des Hausmeisterdienstes, der Hausverwaltung sowie die Zufriedenheit mit den Sicherheitsdiensten additiv zusammengeführt. Im Bereich des Sozialmanagements werden im Indikator (SK) die formellen sozialen Kontrollen der Polizei, des Sicherheitsdienstes und der Videoüberwachung der Wohnungsunternehmen untersucht. Operationalisiert wurden sie als Einschätzung der Wirksamkeit von Kontrollmaßnahmen der Polizei, des Sicherheitsdienstes und der Videoüberwachung[3].

Die Variable Architektur und Städtebau (A) beschreiben die Zufriedenheit mit unterschiedlichen Aspekten der baulichen Anlage. Dafür wurde die Zufriedenheit[4] mit der Infrastruktur, die Zufriedenheit mit dem Wohnhaus sowie die Zufriedenheit mit den Freiflächen erfragt.

Als weitere erklärende Variable, die einen Einfluss auf die subjektive Sicherheit ausübt, wurde das Konzept der „Nachbarlichkeit“ (N) einbezogen (vgl. Oberwittler 2003, Raudenbush/Sampson 1999). Dieser unter anderem von Sampson und Raudenbush entwickelte Indikator gibt Auskunft über die informelle soziale Kontrolle im Wohnquartier. In den nordamerikanischen Untersuchungen wurde ein deutlicher Bezug zwischen der Nachbarlichkeit und der Sicherheit festgestellt. Ausschlaggebend sind die Fähigkeit und die Wirksamkeit der Bevölkerung, soziale Kontrolle auszuüben und sich in Notfällen gegenseitig zu unterstützen. Der erste Indikator, der dafür entwickelt wurde, bezieht sich auf die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung.[5] Er wurde dichotom in „aktive“ und „passive“ Verhaltensweisen und Erwartungen kodiert. Da die Hilfsbereitschaft kaum signifikante Varianz zeigte und im Allgemeinen von einem Erwünschtheitseffekt ausgegangen werden kann, wurde nur die Hilfeerwartung in einer solchen Situation ausgewertet.[6] Ein zweiter Indikator fokussierte auf das Vertrauen der Bewohner untereinander bzw. auf die Angst vor Mitbewohnern.[7]

2.4 Mediationsanalyse der Haushaltsbefragung

Die Wirkungen der ISAN Handlungsebenen beziehen sich auf die Stadtteilebene. Die Haushaltsbefragung zur Überprüfung der Wirkungsbezüge des Modells wurde in zwei zu kontrastierenden Stadtteilen durchgeführt. Dabei ist zu beachten, dass sich in den Daten der Haushaltsbefragung sowohl Anteile individuell bedingter Varianz als auch die durch den Stadtteil erklärte Varianz mischen. Eine klassische Mehrebenenanalyse ist aufgrund der eingeschränkten Fallzahl von zwei Untersuchungsgebieten nicht möglich. Stattdessen kann lediglich ein Gruppenvergleich unter Bezug auf die zu bildende Dummy-Variable „Ort“ erfolgen. Die ISAN Indikatoren können dann auf ihren vermittelnden Effekt hin geprüft werden.

Das Verfahren zur Schätzung des Mediationseffekts folgt der Logik der „Causal Steps“-Methode (Müller 2007:347). Mit den „Causal Steps“ kann geprüft werden, wie sich die Beziehung zwischen der Prädiktorvariable ‚Ort‘ und der abhängigen Variablen ‚subjektive Sicherheit‘ unter Einbezug moderierender ISAN Variablen verändert. Um den Einfluss der ISAN-Variablen einzuschätzen, wird eine bivariate Regression zwischen dem Stadtteil auf die „subjektive Sicherheit“ (als dummy-Variable kodiert) durchgeführt. Diese wird im nächsten Schritt verglichen mit dem Regressionskoeffizienten des Stadtteils auf die „subjektive Sicherheit“, der sich unter Hinzunahme einer moderierenden Drittvariable, hier die Indikatoren des ISAN Modells, ergibt. Die Mediation wird als prozentualer Anteil der Verringerung des Regressionskoeffizienten des Stadtteils auf die „subjektive Sicherheit“ durch die Inklusion einer ISAN Indikators-Variablen dargestellt. Die Bedingung dafür ist, dass alle Beziehungen signifikant sind.

Jeder Indikator, der als Mediator in das ISAN Modell aufgenommen werden kann, muss die Bedingung erfüllen, sowohl mit der unabhängigen Variable (Stadtteil) als auch mit der abhängigen Variable (subjektive Sicherheit) signifikant zu korrelieren. (s. Tabelle 4).

Tabelle 4   Zusammenhang der Indikatoren mit Sicherheit und Stadtteil

Alle Indikatoren des ISAN-Modells korrelieren hoch signifikant sowohl mit dem Stadtteil als auch mit der Sicherheit und konnten somit in die Mediationsanalyse aufgenommen werden. Alle Indikatoren erzeugen auch eine signifikante Reduktion des Betakoeffizienten; es zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede in Bezug auf den Einfluss der Mediatoren auf die Regression der subjektiven Sicherheit auf den Stadtteil. Hierbei werden die Differenzen in den ISAN Handlungsebenen deutlich, die die unterschiedliche Sicherheit in beiden Stadtteilen erklären. Die Tabelle 5 zeigt die Veränderung der Regressionskoeffizienten von Sicherheit als abhängiger auf den Stadtteil als unabhängige Variable durch den Einschluss einer dritten moderierenden Variable in die Regressionsrechnung. Durch die prozentuale Angabe der Reduktion des Regressionskoeffizienten vom Stadtteil auf den Ort lassen sich die unterschiedlichen Stärken der Mediation durch die ISAN Indikatoren erklären.

Tabelle 5   Mediation der Indikatoren zwischen Sicherheit und Stadtteil

Auch im zweiten Schritt der „Causal Steps“-Mediationsanalyse können alle Indikatoren des ISAN Modells als signifikant erklärend bestätigt werden.

Die Handlungsebene der sozialen Infrastrukturen (I) wurde, wie eingangs beschrieben, durch die Haushaltsbefragung nur sehr eingeschränkt in Bezug auf ihre präventive Bedeutung gemessen, insofern muss die relativ geringe Bedeutung als Mediator mit einer Reduktion des Regressionskoeffizienten vom Stadtteil auf den Ort von 6,8% nicht bedeuten, dass diese Handlungsebene nur eine geringe Bedeutung hätte. Allerdings erklärt sie die Sicherheitseinschätzung in den beiden Stadtteilen nur in einem geringen Ausmaß.

Im Bereich der sozialen Kontrolle auf der Handlungsebene Sozialmanagement (SK) zeigt die Videoüberwachung (24,7%) die stärkste Reduktion des Regressionskoeffizienten. Die Einschätzung der Wirksamkeit der polizeilichen sozialen Kontrolle und des Sicherheitsdienstes erklärt die stadtteilbezogenen Unterschiede der subjektiven Sicherheit in der prozentualen Mediationsanalyse allerdings nur relativ gering (8,7%).

Im Bereich der sozialen Dienstleistungen des Sozialmanagement (SD) erzeugt die Einschätzung des Hausmeisterdienstes mit 16,3% die stärkste Reduktion des Regressionskoeffizienten. Die Reinigung im Haus und der Außenflächen hat mit 11,2% bzw. 8% eine etwas geringere Erklärungskraft.

In der Handlungsebene Architektur und Städtebau (A) haben die Gestaltung der Spielflächen für Kinder (23,5%) und das Aussehen des Wohnhauses (22,6%) die stärkste moderierende Bedeutung. Sie sind in beiden Stadtteilen demnach unterschiedlich und zugleich für die Bewertung der subjektiven Sicherheit relevant. Auch die Verkehrsanbindung (20,8%), die Aufenthaltsmöglichkeiten für Erwachsene auf den Freiflächen (19,9%) und das Aussehen der Flure sowie des Treppenhauses (19,5%) sind relativ starke Mediatoren. Die Beleuchtung der Außenflächen (15,2%) und die Sportflächen für Jugendliche (12,2%) sind ebenfalls signifikant, jedoch im Erklärungswert eher schwächere Mediatoren.

Auch die Handlungsebene Nachbarlichkeit (N) beinhaltet relativ starke Mediatoren. Wie bereits in den Korrelationen deutlich wurde, trägt der Indikator ‚Hilfsbereitschaft‘ relativ wenig zur Erklärung der subjektiven Sicherheit in den beiden Stadtteilen bei (5,0%). Stärker ist der Erklärungswert der Hilfeerwartung, die eine Reduktion des Regressionskoeffizienten von 16,1% aufweist. Die beiden Variablen, die die ortsbezogene Einschätzung der subjektiven Sicherheit am stärksten erklären, sind die Angst vor den Nachbarn (22%) und das Vertrauen in die Nachbarn (23,3%).

3 Ausblick

Auf der Grundlage einer Mediationsanalyse nach dem „Causal Step“ Verfahren wurde das ISAN-Präventionsmodell getestet. Das Modell schließt sowohl unterschiedliche Interventionsstrategien als auch Handlungsebenen zur Verbesserung der Effizienz von Maßnahmen der städtebaulichen Kriminalprävention ein. Das Zusammenspiel kriminalpräventiver Maßnahmen wird im ISAN-Modell auf vier Ebenen integriert betrachtet: Auf der ersten Handlungsebene „Infrastruktur der sozialen Daseinsvorsorge“ werden (sozial-) pädagogische Präventionsansätze zur Stärkung sozialer Schutzfaktoren und zur Verminderung sozialer Risikofaktoren im Sozialraum des Gemeinwesens in den Blick genommen. Auf der zweiten Handlungsebene „Sozialmanagement“ ergänzenwohnungswirtschaftliche Akteure die Wohnfunktion mit wohnbegleitenden Maßnahmen zur Erhöhung der lokalen Sicherheit. Bauliche und materielle Aspekte spielen auf der dritten Ebene von „Architektur und Städtebau“ eine Rolle; nach dem situativen Präventionsansatz werden Tatgelegenheiten minimiert und Angst erzeugende Bereiche im städtischen Raum planerisch beseitigt. Die vierte Ebene der „Nachbarlichkeit“ ist das Feld der lokalen Selbstorganisation, in dem Sicherheit im informellen Zusammenspiel erwirkt wird.

Die Untersuchung bestätigt Erkenntnisse zur Bedeutung nachbarschaftlicher Verhältnisse, entsprechend dem Konzept der „Collective Efficacy“. Dabei wurde deutlich, dass das Vertrauen in die Nachbarn und die Erwartung, durch Nachbarn in einer Notsituation Hilfe zu erwarten, mit der Bewertung der Sicherheit deutlich zusammenhängt. Ob das Sozialmanagement der Wohnungsunternehmen Nachbarschaften stark beeinflussen kann, wurde in der Untersuchung noch nicht hinreichend deutlich. Es wäre in einer weiteren Untersuchung wichtig zu verstehen, inwiefern soziale Beziehungen ‚konstruiert‘ werden können bzw. diese indirekt über die städtebauliche Qualität und die Bewohnerfluktuation ‚programmiert‘ werden. Die informelle Kontrollfunktion der Bewohner/innen muss durch formelle Kontrollinstanzen abgesichert sein, wenn sie auch durchsetzungsfähig sein soll. Die Bewertung der Videoüberwachung ist für die Einschätzung der subjektiven Sicherheit ein wichtiger Einflussfaktor. Die quartiersbezogenen Sicherheitsdifferenzen korrelieren ebenfalls deutlich mit der Handlungsebene Architektur/Städtebau. Auffällig ist in diesem Bereich, dass auch Aspekte signifikant mit der Sicherheitseinschätzung zusammenhingen, die außerhalb des bisherigen Handlungsspektrums der klassischen städtebaulichen Kriminalprävention liegen, wie beispielsweise die Verkehrsanbindung. Dies verweist darauf, dass die Lebensqualität und die Attraktivität des Wohnstandorts in einem breiteren Raumverständnis für die Sicherheit entscheidend sind. Die gesamte Anordnung bzw. Ordnung der Objekte im Raum trägt somit zur Institutionalisierung von Sicherheit bei.

In der ISAN-Kombination wird die Bedeutung des Sozialmanagements (inkl. wohnungswirtschaftlicher Kontrollstrategien), von Architektur und Städtebau und der Nachbarlichkeit für die Erzielung von positiven Einschätzungen subjektiver Sicherheit im Wohnquartier empirisch fassbar. Dies lässt zwar weder einen direkten Rückschluss auf die theoriebasierte Allgemeingültigkeit der ISAN-Hypothesen zu, noch handelt es sich um einen hinreichenden Nachweis der vermindernden Wirkung von Präventionsmaßnahmen auf die Viktimisierungsfurcht, aber die Ergebnisse unterstreichen, dass die integrierten sozialräumlichen Präventionsmaßnahmen nach der ISAN-Logik für die Beeinflussung der Wahrnehmung des Risikos, Opfer einer kriminellen Handlung zu werden, relevant sind. Damit wird die ‚potenzielle Wirksamkeit‘ des Konzepts einer „sozialräumlichen Kriminalprävention“, bei dem das lokale Gemeinwesen den Kontext der präventiven Strategien auf mehreren Ebenen bildet, für Deutschland empirisch erstmalig zugänglich gemacht.

Insgesamt bietet das ISAN-Konzept einen stabilen Rahmen, um eine multiperspektive Erfassung der präventiven Maßnahmen in Sozialräumen zu operationalisieren. Damit kann ein vielschichtiges Bild der Interaktion von Sicherheit und Raum erstellt und strukturiert untersucht werden.[8]

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Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung des Carl Heymanns Verlages bei der Wolters Kluwer Deutschland GmbH Köln und des Herausgebergremiums der Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform. Der Text wurde dort unter folgender Quellenangabe veröffentlicht:

Schubert, Herbert/Veil, Katja (2011): Kriminalprävention im Sozialraum. Explorative Validierung des ISAN-Präventionsmodells. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform (MSchrKrim), 94. Jg., Heft 2, S. 83-101, ISSN 0026-9301


Fussnoten

[1] Die Skala wurde quasi-metrisch mit den Werten 1= sehr hoch, 2= eher hoch, 3= eher niedrig, 4= sehr niedrig angelegt.

[2] Die Items wurden auf einer Bewertungsskala von 1 bis 5 abgefragt.

[3] Beispielsweise wurde gefragt: „Der Pförtner [Polizei/Videoüberwachung] hilft, die Sicherheit in der Wohnanlage zu verbessern“. Die Bewertung wurde mit einer Skala von 1 bis 4 gemessen.

[4] Die Items wurden auf einer Bewertungsskala von 1 bis 5 abgefragt.

[5] Situationsgenerierung: „Stellen Sie sich vor, Sie hören nachts länger andauerndes Geschrei aus einer Nachbarwohnung. Eine Frau ruft um Hilfe.“

[6] Frageformulierung: „Wie, meinen Sie, würden sich Ihre Nachbarn in der gleichen Situation Ihnen gegenüber verhalten?“

[7] Erste Frage: „Den meisten Leuten hier kann man vertrauen“; zweite Frage: „Es gibt Personen in der Nachbarschaft, vor denen ich Angst habe“ – jeweils gemessen auf einer Skala von 1 bis 4.

[8] Bei einer größeren Zahl von Vergleichsräumen hätte die statistische Überprüfung der modellhaften Zusammenhänge noch weiter gefasst werden können.


Zitiervorschlag

Herbert Schubert, Katja Veil: Kriminalprävention im Sozialraum. In: sozialraum.de (4) Ausgabe 1/2012. URL: http://www.sozialraum.de/kriminalpraevention-im-sozialraum.php, Datum des Zugriffs: 22.11.2017

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