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Autorin

Reinhilde Godulla
Staatlich anerkannte Erziehern, Dipl. Sozialpädagogin. Tätig beim Verband für sozial-kulturelle Arbeit, e.V. - Projekt Network, Verstärkung der Jugendarbeit. Honorardozentin an der Fachschule für Sozialpädagogik des Pestalozzi-Fröbel-Hauses.
E-mail: godulla@sozkult.de

Inhalt

  1. 1. Der „Jugendserver Spinnenwerk“
  2. 2. Die Internetwerkstatt Netti
  3. 3. Kiezatlas - Ein virtueller Stadtplan
    1. 3.1 Entstehungsgeschichte
    2. 3.2 Wie funktioniert dieses Werkzeug in der Praxis
    3. 3.3 Einbeziehung der „Akteure“
    4. 3.4 Best Practice-Beispiele zum Kiezatlas in der Jugendarbeit
  4. 4. Weiterentwicklung und Aussichten


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Buchcover

Claudia Muche, Andreas Oehme, Inga Truschkat: Übergang, Inclusiveness, Region. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-1938-4.
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Michael Noack (Hrsg.): Empirie der Sozialraum­­orientierung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 335 Seiten. ISBN 978-3-7799-3412-7.
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weitere Rezensionen zum Thema Sozialraum

Das Berliner Projekt „Network – Verstärkung der Jugendarbeit“

Reinhilde Godulla

„Network - Verstärkung der Jugendarbeit“ ist ein Projekt im „Verband für sozial-kulturelle Arbeit, Landesgruppe Berlin e.V.“ (www.stadtteilzentren.de). Es verfolgt das Ziel, Innovationen in der Jugendarbeit anzuschieben bzw. zu unterstützen.
Um dieses zu erreichen, werden von Network und den dazugehörigen Projekten „Jugendserver Spinnenwerk“ und „Internetwerkstatt Netti“ modellhafte und experimentelle Angebote von Mediennutzung entwickelt, die sowohl der lokalen Einbindung (Sozialraumorientierung) verpflichtet sind, als auch gleichzeitig überregionale Nutzungsmöglichkeiten bieten.

1. Der „Jugendserver Spinnenwerk“

Der „Jugendserver Spinnenwerk“ (www.spinnenwerk.de) startete 1993 als Mailbox für den Jugendbereich als eine Internet-Plattform für und über junge Menschen in Berlin. Im April 1995 wurden durch die Internetanbindung und dem World Wide Web-Auftritt von Spinnenwerk überregionale Kommunikationsstrukturen ermöglicht. Spinnenwerk war der erste Jugendserver, der Jugendlichen, Jugendeinrichtungen und Projekten die Möglichkeit bot, eigene Inhalte und Informationen im WWW einer interessierten, breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.
Das Projekt „Jugendserver Spinnenwerk“ dient nicht nur dazu, Informationen bereitzuhalten, sondern hatte von Beginn an das Ziel, Jugendliche und MultiplikatorInnen durch einfache unkomplizierte Zugänge Kompetenzen zu vermitteln und sie zu unterstützen, die Möglichkeiten der neuen Medien für ihre Bedarfe zu nutzen und sich aktiv an Informations- und Kommunikationsprozessen beteiligen können, und ihnen somit Teilhabe - keine Anpassung - an der Medien- und Informationsgesellschaft zu ermöglichen (eine erste Form des Web 2.0).

2. Die Internetwerkstatt Netti

Die Internetwerkstatt Netti (www.netti-berlin.de) ein ist für diese Umsetzung eine wichtige Säule. Diese Unterstützung beschränkt sich keineswegs nur auf die NutzerInnen von Spinnenwerk, sondern ist offen für alle Jugendlichen und Träger der Jugendarbeit.
Neben der Bereitstellung von Erfahrungen und technischen Möglichkeiten zum Experimentieren, Weiterentwickeln und Umsetzen ist es sehr wichtig zu vermitteln, dass wir seriös und vertrauensvoll mit dem Gedankengut Anderer umgehen und dieses nicht für eigene Projekte vereinnahmen.
Eine hohe Akzeptanz ist auch dadurch entstanden, dass wir unkomplizierte Zugänge und Nutzungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen oder auch Wissen über weitere Ressourcen (auch anderer Projekte) für die NutzerInnen aufzeigen. Durch die intensiven Kooperationen mit anderen Einrichtungen werden die technischen Möglichkeiten optimal genutzt und Synergieeffektive erzielt. Der Jugendserver Spinnenwerk ist integraler Bestandteil des Gesamtkonzeptes des medienpädagogischen Förderprogramms jugendnetz-berlin.de (www.jugendnetz-berlin.de).
Die „Internetwerkstatt Netti“ - ein Kooperationsprojekt zwischen dem Verband für sozial-kulturelle Arbeit und dem Pestalozzi-Fröbel-Haus (www.pfh-berlin.de) - wurde im März 1998 als erstes Internet-Cafe in Berlin eröffnet. Der Internetzugang an den 7 Computern steht Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren montags bis freitags zwischen 16.00 und 20.00 Uhr zur Verfügung.
Darüber hinaus gibt es spezielle Angebote (z.B. Trickfilm-Workshops, PowerPoint-Kurse, Bildbearbeitung, HipHop-Workshop, Internet und Urheberrecht etc.). Mit diesen spielerisch-gestaltenden Angeboten knüpfen wir an die Lebenswelt und Interessen von Kindern und Jugendlichen an und bieten ihnen die Möglichkeit, durch die Verbindung von Spiel und Wissensvermittlung sich individuelles und soziales Lernen innovativ anzueignen.
Ein vorhandenes SMART-Board fördert Gruppenprozesse und baut die Hürde vieler AnfängerInnen vor der klassischen Computersteuerung durch Maus und Tastatur ab.
In Kombination mit der spielerischen Lernsoftware werden im Speziellen Kinder und AnfängerInnen dazu angehalten, sich am Lernprozess zu beteiligen, der dadurch attraktiver, nachvollziehbarer und spannender wird.
(Fotos unter: http://jugendserver.spinnenwerk.de/spinnix/Nettilogs)
Den Rechnern sind nutzungsorientierte Funktionen zugeordnet: 3 Rechner für Homepageerstellung, Internetrecherche, 3 Rechner zum Chatten und 1 Rechner für kurzfristige Aufgaben, z.B. für Abruf von E-Mails. Die Jugendlichen haben zum Chatten ein monatliches Zeitkontingent von 7 Stunden - zum Einen, um möglichst vielen Jugendliche die Nutzung der „Internetwerkstatt Netti“ zu ermöglichen, und zum Anderen, um schöpferische Nutzungen zu befördern. So gibt es z.B. für die Erstellung einer eigenen Homepage, Bildbearbeitung, Hausaufgabenrecherche oder Bewerbungsschreiben keine Zeitbegrenzung. Wir beabsichtigen dabei das Ziel, mit der Privilegierung von (kreativen) Angeboten ihr Wissen über technische Zusammenhänge zu erweitern und sie gleichzeitig zu befähigen, die Technik für ihre Belange zu nutzen.
MultiplikatorInnen aus der Jugendarbeit steht die „Internetwerkstatt Netti“ für Fragen, Entwickeln von Ideen, Schulungen zu von ihnen gewünschten Themen zur Verfügung. In den Vormittagsstunden wird die Internetwerkstatt von Studierenden der Fachschule für Sozialpädagogik des Pestalozzi-Fröbel-Hauses genutzt.
Neben den Nutzungszeiten durch das PFH und den täglichen Öffnungszeiten für die Jugendlichen, können auch andere Einrichtungen die Internetwerkstatt Netti nutzen.
Durch das Zusammenarbeiten mit anderen Projekten und Initiativen werden die zur Verfügung stehenden konzeptionellen Erprobungen und technischen Möglichkeiten optimal genutzt. Beispiele für innovative Projekte und Knowhow-Transfers sind u.a. „Kiezatlas“ und „GoAreas“.
Mit den Projekt „Kiezatlas“ können wir zu einer verbesserten Vernetzung zwischen Ämtern, freien Trägern und anderen Akteuren auf Sozialraumebene beitragen und damit den Prozess der Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe unterstützen sowie den potentiellen und tatsächlichen NutzerInnen der Angebote die breite Öffentlichkeit aufzeigen.

3. Kiezatlas - Ein virtueller Stadtplan

Der „Kiezatlas“ ist ein geografisches Content-Management-System (‚CMS': eine Software, mit deren Hilfe ohne spezielle Programmierkenntnisse Webseiten erstellt, im WWW publiziert und verwaltet werden können).
Auf den Webseiten des Kiezatlas lassen sich auf diesem Wege relativ einfach beliebige Karten, die mit adressbezogenen Informationen verknüpft sind, veröffentlichen und nutzen.
Mit Hilfe des Kiezatlas (www.kiezatlas.de) lassen sich beispielsweise Angebote der Jugendhilfe in ihrem sozialräumlichen Zusammenhang sichtbar machen. Dieser Aspekt ist vor allem für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der unterschiedlichen Dienste und Einrichtungen von Interesse. Er kann u.A. dazu beitragen, die Angebote transparenter zu machen, sie besser aufeinander abzustimmen und zu vernetzen. Ressourcen können anschaulicher aufgezeigt, sozialräumliche Zusammenhänge können visualisiert werden. Der Kiezatlas stellt somit ein äußerst hilfreiches Werkzeug für die sozialräumliche Betrachtung von Infrastrukturdaten dar.
Auf den Karten der Kiezatlas-Seiten werden Einrichtungen und Angebote unterschiedlicher Art geographisch „verankert“ sowie weitere Informationen zur Einrichtung angezeigt (Anschrift, Öffnungszeiten, AnsprechpartnerInnen, Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Website, E-Mail-Adressen, Angebote, Programme, Fotos, Logos, Sozialstrukturdaten etc.).

Im Unterschied zu einer herkömmlichen (statischen) Karte bietet der Kiezatlas im Internet zusätzliche Möglichkeiten:

  • er kann interaktiv abgefragt werden, der/die Nutzer/in entscheidet, welche Auswahl der gesamten Informationsmenge er/sie auf der Karte sehen will (dabei sind nach Kategorien gefilterte Abfragen möglich, die auch wahlweise miteinander kombinierbar sind)
  • die Daten lassen sich ständig aktualisieren: Rahmendaten auf der Administrationsebene, Details von der jeweiligen Einrichtung selbst (über einen individuellen Passwort geschützten Zugang)
  • die „Treffer“ auf der Karte können als Türöffner zu einer unbegrenzten Zahl weitergehender Informationen fungieren (von der Website einer Einrichtung über einen Stadtplanlink zum öffentlichen Personennahverkehr bis zur Ansicht in „google maps“ oder zu Sozialdaten aus dem Sozialstrukturatlas 2009 (die wir in Kooperation mit dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg nutzen können)

Eine weitere Zielgruppe stellen selbstverständlich die potentiellen und tatsächlichen NutzerInnen der Angebote, die breite Öffentlichkeit, dar.

3.1 Entstehungsgeschichte

Im Rahmen einer Qualifizierungsreihe zur Sozialraumorientierung 2003 hatte der Verband für sozial-kulturelle Arbeit e.V. in Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg (Jugendamt) von Berlin eine internetgestützte Datenbank zur sozialen und kulturellen Infrastruktur des Sozialraums Schöneberg-Nord aufgebaut. Neben einer textbasierte Abfrage konnten die Daten auch visuell auf einer grafischen Karte abgerufen werden.
Um auch in anderen Sozialräumen dieses Angebot der grafische Darstellung kostengünstig realisieren zu können wurde die Kiezatlas-Idee mit Hilfe des Entwicklers der Open-Source-Software DeepaMehta, Jörg Richter, weiterentwickelt.
Ein wichtiger Entwicklungssprung war der Übergang von einer (kosten-)aufwändigen Einzelprogrammierung zur Darstellung eines einzelnen Sozialraums (in der Pilotversion) zu einer universell nutzbaren Open-Source-Anwendung mit Offenlegung des Quellcodes. Seither steht die Nutzung des Kiezatlas allen kostenlos zur Verfügung, die Daten auf einem kartographischen Hintergrund zeigen wollen. Beliebig viele Kategorien lassen sich einrichten, erweitern und pflegen.

3.2 Wie funktioniert dieses Werkzeug in der Praxis

In Berlin wird der ‚Kiezatlas' von fast allen bezirklichen Jugendämtern im Zuge des Ausbaus ihrer Sozialraumorientierung als Anbieter/innen genutzt.
Zu Beginn muss jeweils die Frage geklärt werden, welche Einrichtungstypen nach welchen Kategorien geordnet und auf welchem geographischen Hintergrund erfasst und abgebildet werden sollen.
Danach müssen die entsprechenden Karten hergestellt werden (in Berlin kann dazu von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für den Kiezatlas kostenlos bereitgestelltes Kartenmaterial als Ausgangsbasis genutzt werden).
Grunddaten wie Kategorienstruktur, Karten- und Flächenmarkierungen werden nach den Vorstellungen der AnbieterInnen entwickelt und eingerichtet.
Als nächstes werden die Daten jener Einrichtungen erfasst, die auf der jeweiligen Karte dargestellt werden sollen. Jede Einrichtung (= jeder Eintrag) erhält einen passwortgeschützten Zugang zu dem zugehörigen Datensatz, mit welchem sich Informationen eigenständig verwalten, ergänzen und aktualisieren lassen.
Die AnbieterInnen werden zu „Kiez-AdministratorInnen“ ausgebildet: sie werden von uns in die Technik eingewiesen und erhalten laiensichere Handbücher. Nach dieser Grundeinweisung können sie nunmehr die „Platzierung“ der Einrichtungen auf der Karte und die Ersteingabe der Basisdaten vornehmen. Die Aktualisierung der einrichtungsbezogenen Daten sollte in der Regel von den dargestellten Einrichtungen (als „DatenbesitzerInnen“) nun selbst vorgenommen werden.
Erfahrungen zeigen, dass es unabdingbar ist, in jedem Kiezatlas-Teilprojekt eine/n solche/n KiezadministratorIn zu haben, die/der für diese Datenpflege verantwortlich ist und für andere Einrichtungen aus den jeweiligen Bezirken, Sozialräumen als AnsprechpartnerIn zur Verfügung steht. Auf diese Weise wird gesichert, dass die Daten gepflegt und aktualisiert werden, und somit stets auf dem neuesten Stand sind.

Schrittweise wurden, dem Nutzungsinteresse entsprechend, folgende zusätzlichen Features realisiert:

  • automatisierte Platzierung adressbezogener Daten auf georeferenzierten Karten
  • Flexibilisierung der Datenbankstrukturen (nach dem Baukastenprinzip)
  • Automatisierte und halbautomatische Verknüpfungen mit externen Datenbanken
  • Datenexport (z.B. nach Excel)

Kommentarfunktionen

  • bieten NutzerInnen (= Websurfern) von Kiezatlas die Gelegenheit, eigene Stellungnahmen und Informationen zu den Einträgen der Einrichtungen abzugeben. Voraussetzung dafür ist, dass diese Funktion von den Einrichtungen gewünscht ist und freigeschaltet wurde.

Flächenfunktion

  • ermöglichen neben Einrichtungen auch beliebige Flächen wie Quartiersmanagementgebiete, Grünflächen oder Spielplätze auf den Karten anzeigen zu können. Die Kiezatlas-AdministratorInnen können Flächentypen bestimmen und ihnen frei wählbare Farben (z.B. Spielplätze = grün, Sportanlagen = gelb, ...) zuordnen. Die Flächen lassen sich über zusätzliche Schaltflächen auf den Karten von den Kiezatlas-NutzerInnen beliebig ein- und ausblenden.

3.3 Einbeziehung der „Akteure“

Wir nehmen in das Projekt „Kiezatlas“ die Kompetenzen und Ideen Anderer auf und entwickeln mit ihnen gemeinsam neue Nutzungsmöglichkeiten. Um den Informationsaustausch und Dialog der Kiezatlas-AnbieterInnen zu unterstützen sowie ihnen die mittlerweile vielfältigeren Möglichkeiten und Weiterentwicklungen aufzuzeigen, führen wir unter Mitwirkung der Programmierer der Software regelmäßig Kiezatlas-NutzerInnenversammlungen durch.
Kiezatlas Ergänzungen wurden verabredet und die Kosten der Erweiterung von einzelnen Bezirken übernommen. So wurden z.B. die Kosten für die Anwendungsprogrammierung für die neuen Funktionen für die Kiez-MitarbeiterInnen durch das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg getragen.
Diese Benutzerrolle (Kiez-MitarbeiterInnen) zeichnet sich dadurch aus, dass sie/er nur über Leserechte verfügt und somit keine Datensätze bearbeiten, verändern oder entfernen kann. Sie erlaubt es aber, die vorhandenen Datensätze beliebig filtern und anzeigen zu lassen.
Anhand der „Rundmail-Funktion“ kann der Kiez-Mitarbeiter mit einem Klick sämtliche Empfänger, die über eine E-Mail Adresse verfügen, erreichen. Es besteht auch die Möglichkeit, unkompliziert Serienbriefe zu erstellen. Eine Steuerdatei enthält alle notwendigen Informationen, um erfolgreich einen Serienbrief anzufertigen. Diese kann direkt aus der Liste heruntergeladen werden, mit z.B. Excel geöffnet und anschließend mit dem selbst erstellten Serienbrief verknüpft werden.
Eine weitere Anwendung, die auf einem NuzerInnentreffen angeregt wurde, stellt die Kiezatlas-Ressourcenkarte dar. Es werden fachliche Ressourcen sowie konkrete Sachmittel eingepflegt und können von Fachkräften in einem passwortgeschützten Bereich abgefragt werden. Beispielsweise kann abgefragt werden, wer in der Region über eine Trainerlizenz verfügt, hebräisch oder arabisch spricht, welche Einrichtung über eine Digitalkamera, eine Biergartengarnitur oder über Musikinstrumente verfügt, die ausgeliehen werden könnten.

3.4 Best Practice-Beispiele zum Kiezatlas in der Jugendarbeit

„Der Erfahrungsraum der Lebenswelt wird kartografiert, Nutzungsräume und Erlebnismöglichkeiten sind interaktiv über Knopfdruck in Erfahrung zu bringen. Eindrucksvoll wird dieses Konzept vom Spinnenwerk in Berlin am Beispiel des so genannten ‚Kiezatlas' umgesetzt, wie in dem Text von Reinhilde Godulla und Herbert Scherer in diesem Band belegt wird.“
(Zitat Prof. Franz Josef Röll, in Deinet 2009: Methodenbuch Sozialraum, Text: „Virtuelle und reale Räume“)
Der Kiezatlas kann durch die Einbeziehung von Jugendlichen im Sozialraum eine weitere Dimension als Tool für eine neue Art von Stadtteilerkundung bekommen.
Unter diesem Gesichtspunkt haben wir in Schöneberg-Nord ein „Kiezatlas-Taschengeld-Projekt“ durchgeführt. Jugendliche aus dem Kiez wurden dafür gewonnen, den örtlichen Gewerbetreibenden zu einem Internet-Auftritt im Kiezatlas zu verhelfen und sich selbst damit gleichzeitig ein kleines Taschengeld zu verdienen.
Über Flyer oder direkte Ansprache in der Internetwerkstatt Netti wurden die Teilnehmer über das Projekt Kiezatlas informiert. Es wurden Einführungsveranstaltungen durchgeführt und spezielle Angebote zum Thema Datenbanken und Bildbearbeitung gemacht.
Die solchermaßen zu „Stadtteilreporter/innen“ ausgebildeten Jugendlichen erhielten Mappen, die mit Informationen, Fragebögen, Quittungen, Stiften, leeren Blättern (um zusätzliche Informationen aufzuschreiben, wie z.B. Folgetermine zum Abholen der Fragebögen) und einem Stadtplan von Schöneberg-Nord bestückt waren, und eine Digitalkamera, um die geworbenen Geschäfte zu fotografieren.
Vor dem eigentlichen Start der Aktion, dem Aufsuchen der potentiellen Kunden, wurde von den KollegInnen der Internetwerkstatt Netti mit den Jugendlichen geübt, die Idee des Kiezatlas zu „verkaufen“. Dabei zeigte sich, dass es den sonst etwas zurückhaltenderen Mädchen leichter fiel, sich in dieser Form der Ansprache und Kommunikation zu äußern.
Die erfassten Gewerbe zahlten für Ihren Internetauftritt im Kiezatlas einmalig eine Gebühr von 4 Euro, von der die Hälfte als Taschengeldzuschuss bei den Jugendlichen Stadtteilreportern blieb. Die Jugendlichen pflegten die Informationen über die von ihnen geworbenen Geschäfte und das dazu gehörige Foto in die Datenbank ein. Sie erkundeten dabei den Stadtteil auch „hinter den Kulissen“ und dokumentierten ihn mit einer Digitalkamera aus ihrer Sicht. Dabei lernten sie weitere nutzwertorientierte Möglichkeiten des Internets kennen, die über das alltägliche Chatten und Surfen hinausgingen (z.B. Recherche, Datenbank-Anwendungen), nahmen Kontakt zu potenziellen Arbeitgebern auf und verdienten sich dazu auf legale Weise ein zusätzliches Taschengeld. Darüber hinaus haben sie teilweise zum ersten Mal einen Stadtteil mit Hilfe eines Stadtplans erkundet.
Positives Nebenergebnis war eine Erhöhung des Bekanntheitsgrades des Kiezatlas (wenn z.B. der Bäcker durch die Jugendlichen erfährt, welche Informationen u.a. über Angebote für Senior/innen im Kiezatlas zu finden sind, wird er dies vielleicht gegenüber seinen Kunden darüber erwähnen, insbesondere dann, wenn auch sein Laden im Kiezatlas zu finden ist ...). Ein weiterer Nebeneffekt war, dass viele (kleine) Geschäfte Informationen über Ausbildungs- oder Praktikumsplätze und Ferienjobs zu Verfügung stellten.
Aber auch die Jugendarbeit konnte von diesem Taschengeld-Projekt profitieren, denn die Jugendlichen stießen bei ihrem „Werbefeldzug“ auf ein erstaunliches Interesse der Gewerbetreibenden und Anwohner an den Angeboten der Jugendeinrichtungen, die vielen Bewohnern fast gänzlich unbekannt waren. So wurden die Jugendlichen mehrfach intensiv ausgefragt, sie mussten manchmal länger als eine halbe Stunde von ihren Aktivitäten und Einrichtungen erzählen und kamen mehr als einmal „ganz baff“ über diese Wissbegierde und mit einem leichten „Kaffeeschock“ (Originalzitat von Jugendlichen) mit den ausgefüllten Kiezatlasformularen in die „Basisstation“, die Internetwerkstatt Netti zurück .
Diese Form der Einbeziehung in der Jugendarbeit wurde inzwischen von weiteren Initiativen und Trägern gern übernommen.

Ein weiteres Beispiel für die Nutzungsmöglichkeiten von Kiezatlas in der praktischen Jugendarbeit ist das Projekt GoAreas (www.goareas.de): Neuköllner Jugendliche erkundeten ihren Kiez, ihren Stadtteil, ihre „GoAreas“ und stellten eine Liste von Örtlichkeiten zusammen, die ihrer Ansicht nach für sie und Außenstehende von besonderem Interesse sind, und erlernten mit multimedialen Mitteln (insbesondere Foto-, Video- und Audioproduktionen) diese Örtlichkeiten darzustellen.

4. Weiterentwicklung und Aussichten

Einige Bezirke wollen die Nutzung des Kiezatlas als Ressourcen- oder Netzwerkkarte ausbauen.
Eine technische Weiterentwicklung wird die parallele Darstellung von den Kiezatlasinformationen neben den „klassischen“ Kiezatlaskarten in Google-Maps sein.
Weitere Möglichkeiten werden sich aus der Anwendung und dem fortwährenden Gedankenaustausch mit den Kiezatlas-NutzerInnnenversammlungen heraus entwickeln.
Und natürlich sind weitere Kiezatlas-Projekte mit und für Jugendliche, z.B. ein Kinder- und Jugendstadtplan denkbare Möglichkeiten für die Zukunft.


Zitiervorschlag

Reinhilde Godulla: Das Berliner Projekt „Network – Verstärkung der Jugendarbeit“ . In: sozialraum.de (1) Ausgabe 2/2009. URL: http://www.sozialraum.de/das-berliner-projekt-network.php, Datum des Zugriffs: 27.04.2017

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