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Autorin

Julia Gerodetti
Abgeschlossenes Studium: Bachelor of Arts FHNW in Sozialer Arbeit
Bachelor Thesis: Sozialraum Online Community - Eine Rekonstruktion sozialräumlicher Aspekte von Online Communities am Beispiel www.festzeit.ch
Gegenwärtig im Master-Studium in Sozialer Arbeit an der HSA FHNW
E-Mail: julia.gerodetti@gmail.com
(Exemplare der Bachelor Thesis können gerne per Mail gegen einen Unkostenbeitrag bestellt werden)

Inhalt

  1. Einleitung
  2. Die empirische Studie
  3. Forschungsgegenstand „www.festzeit.ch"
  4. Die Strukturmerkmale von www.festzeit.ch
  5. Einbettung von www.festzeit.ch im Alltag/in der Lebenswelt der Jugendlichen
  6. Rezeptive und Kommunikative Aktivitäten der Jugendlichen auf www.festzeit.ch
  7. Die Qualität der Kontakte auf www.festzeit.ch
  8. Selbstdarstellungen auf www.festzeit.ch
  9. Nutzungsbeweggründe der Jugendlichen
  10. Folgerungen und Herausforderungen für eine sozialraumorientierte Offene Jugendarbeit
  11. Literatur
  12. Websites


Aktuelle Rezensionen

Buchcover

Sarah Dieckbreder-Vedder, Frank Dieckbreder (Hrsg.): Das Konzept Sozialraum (Beispiel Bahnhofsmission). Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 235 Seiten. ISBN 978-3-525-70192-8.
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Buchcover

Ricarda Dethloff: Sozialraum­orientierung im Übergang Schule – Arbeitswelt. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. 445 Seiten. ISBN 978-3-8288-3697-6.
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weitere Rezensionen zum Thema Sozialraum

Sozialraum Online Community – Ergebnisse einer Rekonstruktion sozialräumlicher Aspekte von Online Communities am Beispiel www.festzeit.ch

(Ein Forschungsprojekt im Rahmen der Bachelor Thesis)

Julia Gerodetti

Einleitung

Das Internet ist für viele Menschen ein unverzichtbares Medium im beruflichen und im privaten Alltag geworden. Durch das Web 2.0 sind neue Möglichkeiten der Interaktivität entstanden, welche bisherige Formen sozialen Handelns erweitern bzw. ergänzen. Einige dieser neuen Handlungsspielräume sind die Online Communities wie beispielsweise www.facebook.com, www.netlog.ch oder www.festzeit.ch die gerade von Jugendlichen in ihrer Freizeit in hohem Masse entdeckt und genutzt werden (vgl. JIM-Studie 2008). Durch Rollenübernahmen, Beziehungsgestaltung, neuen Selbstdarstellungs- und Kommunikationsformen entstehen neue Sozialräume, welche über die Grenzen der physischen Präsenz hinausreichen. Durch diese veränderten sozialräumlichen Bedingungen haben sich die Sozialisationsbedingungen, Entwicklungsaufgaben und Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen verändert (vgl. Deinet 2005: 27).
Dies stellt die sozialraumorientierte Offene Jugendarbeit, welche ihr Agieren an den veränderten lebensweltlichen Bedingungen ihrer Klientel ausrichtet, vor neue Herausforderungen und unerforschte Handlungsfelder (vgl. Deinet 2005: 7f).
Um die veränderten lebensweltlichen und sozialräumlichen Gegebenheiten zu erfassen, versuchte diese Einzelfallstudie in einem ersten analytischen Schritt die sozialräumlichen Aspekte von Online Communities zu erfassen.

Die empirische Studie

Dazu wurden den Fragen nachgegangen, welche Bedeutung die Sozialräume Online Communities für Jugendliche haben, wie dort Raumkonstitutionen stattfinden, welche Auswirkungen diese auf ihre Lebenswelt haben und welche Folgerungen sich daraus für den Auftrag oder die Praxis der sozialraumorientierten Offenen Jugendarbeit formulieren lassen.

Bei der Analyse wurde von einem relationalen Raumverständnis ausgegangen, bei welchem Raum nicht als Behälter oder konkreten Ort, sondern als relationale ‚(An)Ordnung' von verschiedenen Elementen verstanden wird (vgl. Löw; Pries 2008: 81). Analytisch kann dabei zwischen folgenden sozialräumlichen Elementen unterschieden werden: ‚Artefakte' (durch menschliches handeln produzierte Gegenstände), ‚symbolische Repräsentationen' (symbolische Raumstrukturierung mit subjektiver Bedeutungszuschreibung) und ‚soziale Praxis' (aktive raumkonstituierende Handlung) (vgl. Pries 2008: 91ff). Dieser alleinige oder gemeinsame aktive Prozess des Anordnens von Elementen beinhaltet eine Platzierung- (Spacing) und Syntheseleistung der handelnden Personen (vgl. Löw 2001: 159). Bezugnehmend auf die Strukturations-Theorie von Giddens (1997: 51ff) wird auf die Raum-Zeit-Relationen routinierter ‚sozialer Praxis' verwiesen, welche durch Handeln konstituiert und reproduziert wird und gleichzeitig dieses Handeln wiederum strukturiert (vgl. Pries 2008: 93). Raumkonstituierendes Handeln wird somit durch vorgegebene Strukturen begrenzt und wirkt gleichzeitig strukturierend (vgl. Pries 2008: 94; Löw 2001: 172). ‚Artefakte', ‚symbolische Repräsentationen' und ‚soziale Praxis' sind ineinander verwobene und untrennbare Aspekte eines ganzheitlich gedachten Sozialraumes, wobei die flächenräumliche und die zeitliche Dimension immer mitreflektiert werden muss (vgl. Pries 2008: 94f).
Auf der Grundlage dieses Sozialraumverständnisses wurde das Forschungsdesign erstellt: Mit einer Online-Inhaltsanalyse wurden die Strukturmerkmale (Aktions- und Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten, sowie Regeln und Inhalte) der Website www.festzeit.ch methodisch gesichert beschrieben. Leitfadengestützte Einzelinterviews mit vier jugendlichen Community-Mitgliedern und ausgewertet nach der Textanalyse ‚Grounded Theory' nach Glaser und Strauss (1998), ermöglichten die subjektiven Raumkonstitutionen als aktiver Prozess des ‚(An)Ordnens' von Elementen von sowie deren subjektive Bedeutungszuschreibungen wissenschaftlich zu rekonstruieren.

Forschungsgegenstand „www.festzeit.ch"

www.festzeit.ch ist eine regionale Online Communitiy der Nordwestschweiz, welche im Jahre 2003 gegründet wurde und von über 50'000 Mitgleidern, hauptsächlich Jugendlichen und jungen Erwachsenen aktiv genutzt wird.
Die verschiedenen Funktionsmöglichkeiten wie das interne Nachrichtensystem, Chat, Forum, Kommentare, Verlinkung von Fotos, Einrichten eines Profils, Hochladen von Fotos und Filmen usw. eröffnen den Mitgliedern verschiedene Handlungsspielräume (vgl. www.festzeit.ch).

Die Strukturmerkmale von www.festzeit.ch

Durch das passwortgeschützte Login-Verfahren kann sich ein Besucher Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Mitgliedern verschaffen und ihm stehen damit mehr Nutzungsmöglichkeiten der Website zur Verfügung. Durch diese klare Außengrenze, dem passwortgeschützten Zugang, entsteht ein „(...) subjektives Gefühl der Zugehörigkeit (...)" (von Kardorff 2006: 74) für das einzelne Mitglied. Da ein Grossteil der Aktions- und Kommunikationsmöglichkeiten der Website nur von angemeldeten Mitgliedern genutzt werden kann, ist www.festzeit.ch somit nur für Personen attraktiv, die bereit sind, sich anzumelden.
Die Strukturen innerhalb des Mitgliederbereiches von www.festzeit.ch weisen verschiedene Charakterzüge auf, welche sich ebenfalls in den Ergebnissen der Interviews wieder finden lassen.
Die vordefinierten Inhalte, wie auch die produzierten ‚Artefakte' wie beispielsweise Fotos, weisen auf den informellen Charakter der Website hin. So wird strukturell begrenzt, in welchen Themenkreisen sich die Mitglieder bewegen sollen. Bei www.festzeit.ch sind diese hauptsächlich freizeit- und beziehungsorientiert. In den Nutzungsbeweggründen und den ausgeführten Tätigkeiten der befragten Jugendlichen wird dies ebenfalls sichtbar. In beiden Forschungsabschnitten wird deutlich, dass der kommunikative Charakter der Website eine zentrale Rolle spielt. Es lassen sich sowohl asynchrone, synchrone aber auch Einzel- und Gruppenkommunikation auf www.festzeit.ch finden, welche bei Raumkonstitutionen eine tragende Rolle einnehmen. Da die Kommunikation auf www.festzeit.ch hauptsächlich schriftlich stattfindet, können nonverbale Aspekte in der herkömmlichen Art und Weise nicht berücksichtigt und in den Kommunikationsprozess mit einbezogen werden. Die Emoticons, auch Smilies genannt, übernehmen deshalb in begrenztem Maße eine Ersatzfunktion für die nonverbalen Aspekte eines Kommunikationsprozesses und unterstützen auf ihre Weise ebenfalls den Kommunikationsprozess.
Über die verschiedenen Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten entstehen ‚soziale Praktiken' und gemeinsame Raumkonstitutionen zwischen den Mitgliedern, welche sich dann wiederum auf die Inhalte von www.festzeit.ch auswirken. Die Strukturen der Website ermöglichen zudem Selbstpräsentationen, welche auf den inszenierenden Charakter von www.festzeit.ch verweisen. Das eigene, der Öffentlichkeit zur Schau gestellte Profil kann auch zur Verifikation der Identität dienen (vgl. Renz 2007: 60). Somit kann „(...) die Unsicherheit, das eigene Gegenüber im Internet nicht zu erkennen (...)" (Renz 2007: 60) abgebaut werden, ein Mitglied weiß, oder meint vielmehr zu wissen, mit wem er es zu tun hat. Es handelt sich hierbei also um eine vom Nutzer definierte Selbstdarstellung, die das Mitglied kontrolliert und konstruiert hat. www.festzeit.ch beinhaltet zudem ein großes Online-Archiv von Fotos und Events. Diese Sammlung von produzierten ‚Artefakten' mit bestimmtem Symbolinhalt wird je nach Sinnzusammenhang durch das Mitglied sortiert und platziert und kann ebenfalls zu Selbstdarstellungszwecken dienen. Mit Kommentaren können diese produzierten Inhalte durch andere Mitglieder beschrieben und bewertet werden und können durchaus auf die Selbstdarstellung eines Mitgliedes Einfluss haben (vgl. Döring 2003: 342). Jedes Mitglied hat zudem die Möglichkeit einen Freundeskreis aufzubauen. Diese Beziehungen werden visualisiert dargestellt und verwaltet und dienen als zentrale Vernetzungsmöglichkeit (vgl. Renz 2007: 57).
Durch die bestehende Interaktivität der Website bestimmt der User die Inhalte auf www.festzeit.ch in einem hohen Maße selber mit. Die wichtigste Kontrollfunktion für die gesamte Website sind die User selbst. Jeder trägt die Verantwortung mit, bei unpassenden oder regelverstossenden Äusserungen oder Fotos in allen Bereichen der Website diese dem Festzeit.ch-Team zu melden, damit sie entfernt werden können. So gesehen besteht eine besondere Art der kollegialen Kontrolle. Äußerungen oder Fotos, die von den Usern nicht als unpassend oder diskriminierend betrachtet werden, werden also auch nicht gelöscht. In diesem Sinne gibt der Inhalt der Webpage auch Aufschluss über die User, da dieser maßgeblich durch sie bestimmt wird.
Nicht zuletzt weist www.festzeit.ch einen informativen Charakter auf, da die täglich aktualisierten Inhalte den Usern wichtige Informationen über Freizeitveranstaltungen, aktuelle Trends und vor allem über die Beziehungsnetzwerke der Peergroup liefern können.
www.festzeit.ch kann nicht mit einem passiven Medienkonsum wie beispielsweise dem Fernsehen verglichen werden, sondern bietet den Mitgliedern aktive und produktive Mitgestaltungsmöglichkeiten. Diese Vorstrukturiertheit, mit welcher ebenfalls bestimmte Handlungserwartungen einhergehen, beeinflusst die Praktiken der Jugendlichen. All diese teilweise vorgegebenen aber auch durch die Mitglieder selber produzierten Strukturen rahmen die ‚soziale Praxis' einer handelnden Person auf www.festzeit.ch ein. Innerhalb dieses Rahmens und mit den beschriebenen Aktions- und Kommunikationsmöglichkeiten können die Mitglieder nach ihrem eigenen Ermessen handeln und raumkonstituierend wirken.

Einbettung von www.festzeit.ch im Alltag/in der Lebenswelt der Jugendlichen

www.festzeit.ch wird von den befragten Mitgliedern als etwas Alltägliches und Routiniertes beschrieben. www.festzeit.ch ist stark in die Lebenswelt der Jugendlichen eingebunden und wird von den Jugendlichen als zusätzlicher Treffpunkt verstanden. Bei einem alltäglichen Verständnis von ‚Treffpunkt' in der offline Lebenswelt finden üblicherweise gemeinsame ‚soziale Praktiken' und Interaktionsprozesse, folglich Raumkonstitutionen von einer oder mehreren Personen statt. Ausgehend von diesem Verständnis sehen die befragten Jugendlichen durch www.festzeit.ch somit eine Möglichkeit, wie alleine oder gemeinsam Raum konstituiert werden kann.
Die raumkonstituierenden Aktivitäten auf www.festzeit.ch beziehen sich auf offline lebensweltliche Geschehnisse in der Vergangenheit, indem mit produzierten ‚Artefakten' und kommunikativem Austausch Themen und Erlebnisse rekonstruiert, reflektiert und bewertet werden. Ebenfalls haben raumkonstituierende Handlungen auf www.festzeit.ch Auswirkungen auf die gegenwärtige oder zukünftige offline Lebenswelt der User. Folglich entstehen gemeinsame Aktivitäten und Raumkonstitutionen sowohl in der online wie auch in der offline Lebenswelt, Realität wird nicht nur reproduziert sondern auch konstruiert und die zeitliche Dimension, die Entstehung und Veränderung der Raumkonstitutionen wird sichtbar und nachvollziehbar für den Beobachter. Es existieren somit verschiedene Verknüpfungspunkte der offline und online Lebenswelt eines Community-Mitgliedes. Die flächenräumliche Dimension der Raumkonstitutionsprozesse der befragten Jugendlichen begrenzt sich auf den örtlichen Bezugsrahmen ihres Computers. Der Computer ist dabei der konkrete Ort und gleichzeitig ein unablässiges Medium und ‚Artefakt' für alle ‚sozialen Praktiken' und Konstitutionsprozesse im Internet, welche sich folglich zwischen den verschiedenen lokalen Bezugspunkten der Beteiligten aufspannen. So gesehen entsteht durch die Nutzung der Online Community eine neue flächenräumliche Strukturierung des Sozialen, welche die unmittelbare Face-to-Face-Situation durch neue Möglichkeiten ergänzt.
Durch www.festzeit.ch sind neue Handlungsspielräume für die befragten Jugendlichen hinzugekommen. So entsteht beispielsweise eine kreative Auseinandersetzung mit der Produktion und Gestaltung von Fotos, welche dann auf www.festzeit.ch veröffentlicht werden. Des Weiteren verbringen die Jugendlichen in Vergleich zu früher mehr Zeit vor dem Computer. Auffallend ist ebenfalls, dass die Eltern der befragten Jugendlichen nicht aktiv an den Geschehnissen auf www.festzeit.ch teilhaben.

Rezeptive und Kommunikative Aktivitäten der Jugendlichen auf www.festzeit.ch

Aus den vier Interviews wurden unterschiedlich differenzierte Strategien der Nutzung von www.festzeit.ch bei den Jugendlichen sichtbar.
Die befragten Jugendlichen richten sich in ihren Aktivitäten auf www.festzeit.ch nach denjenigen Mitglieder in ihrem virtuellen Freundeskreis aus, die ebenfalls gerade online sind. Im übertragenen Sinne könnte ‚online-sein' somit verglichen werden mit der unmittelbaren Erfahrbarkeit und der physischen Präsenz einer anderen Person in der offline Lebenswelt. Somit gibt der Status ‚online-sein' den jugendlichen Nutzern Aufschluss darüber, wer am ‚Treffpunkt' www.festzeit.ch gerade anwesend ist.
Rezeptive Aktivitäten wie das Besuchen anderer Profile, Wahrnehmen, Beobachten und Zuschauen sind für Raumkonstitutionsprozesse relevant und beeinflussen die ‚sozialen Praktiken' anderer Mitglieder. Die Jugendlichen wirken durch ihr Handeln nicht nur raumkonstituierend sondern sind gleichzeitig immer auch mit ihren eigenen Profilen und Inhalten Elemente von Raumkonstitutionsprozessen anderer Mitglieder.
Durch kommunikative Aktivitäten wie sich Schreiben und Austauschen, Kontern oder produzierte Inhalte mit Kommentaren bewerten, wird Raum konstituiert, Elemente werden platziert und Realität produziert.
Die beschriebenen Handlungsstrategien sind von den Jugendlichen bewusst gewählt, zeigen das Symbolsystem der einzelnen Mitglieds auf und hängen stark mit den Nutzungsbeweggründen zusammen.
Bei all diesen raumkonstituierenden Momenten sind die Mitglieder dabei immer in der Rolle des Akteurs oder des Zuschauers, sie sind platzierte Elemente bei Raumkonstitutionen anderer oder platzieren selber Elemente. Diese Wechselwirkung zwischen Akteur und Zuschauer ist ein zentrales raumkonstituierendes Moment auf www.festzeit.ch.

Die Qualität der Kontakte auf www.festzeit.ch

Soziale Beziehungen werden über www.festzeit.ch nicht primär ausgebaut, sondern die Kontaktpflege des bereits vorhandenen sozialen Netzwerkes aus der offline Lebenswelt steht im Zentrum. Diesen Grossteil der Kontakte auf www.festzeit.ch treffen die befragten Jugendlichen somit auch persönlich in der offline Lebenswelt und sehen diese relativ oft in ihrem alltäglichen Umfeld, wie beispielsweise der Schule. Die aktuelle Peergroup stellt auf www.festzeit.ch den wichtigsten Bezugspunkt dar und ist für das Nutzungsverhalten einer Person auf www.festzeit.ch zentral: Der Grad der Intimität eines Gespräches auf www.festzeit.ch geht eng mit dem Grad der Beziehung einher oder die Entscheidung, ob und wie ein Foto einer Person kommentiert wird, hängt mit dem Beziehungsverhältnis zu dieser Person zusammen. Aber nicht nur Interaktions- und Kommunikationsprozesse werden durch die Peergroup beeinflusst, sondern auch rezeptive Aktivitäten wie etwa das Besuchen und Betrachten eines anderen Profils.
Somit orientieren sich die raumkonstituierenden Handlungen an diesem Beziehungssystem und richten sich an den Aktivitäten der anderen Kontakte aus.
Die Qualität der Beziehungen hat sich nach der Beurteilung der Befragten nicht verändert, allerdings hat die Quantität der Kontakte zugenommen: Einerseits haben die Jugendlichen mit alten Freunden wieder vermehrt Kontakt wodurch sich ihr soziales Netzwerk erweitert, und andererseits hat sich die Anzahl der Treffen mit bestehenden Freundschaften durch www.festzeit.ch vermehrt.
Die agierenden Personen auf www.festzeit.ch wirken durch ihr soziales Verhältnis zueinander raumkonstituierend. Die Art und Weise, wie sie durch ‚Platzierungen' und ‚Syntheseleistungen' andere Personen ‚(an)ordnen' und wie sie selber durch Handlungen anderer Mitglieder positioniert werden, wirkt sich auf Raumkonstitutionen auf www.festzeit.ch aus. Diese Raumordnungen ändern sich fortlaufend. So kann ein Streit in einer Beziehung in der offline Lebenswelt Veränderungen bei Raumkonstitutionen auf www.festzeit.ch hervorrufen. Hier wird die zeitliche Dimension der Raumkonstitutionsprozesse auf www.festzeit.ch sichtbar.

Selbstdarstellungen auf www.festzeit.ch

Die Möglichkeit der Selbstdarstellung wird, dies zeigt sich vor allem auch aus den Ergebnissen der Online-Inhaltsanalyse, durch die vorgegebenen Funktionsmöglichkeiten begrenzt. Innerhalb dieser Grenzen handelt jede befragte Person anders und stellt unterschiedliche Elemente mehr und andere weniger in den Vordergrund. Hier wird ein bewusster Selektionsprozess sichtbar, welcher die Praxen bei der Selbstdarstellung steuert und den ‚(An-)Ordnungsprozess' von Elementen, hier hauptsächlich von ‚Artefakten', beeinflusst.
Sich Präsentieren und Inszenieren sind für die Jugendlichen wichtige Aktivitäten auf www.festzeit.ch, welche für Selbsterfahrungen genutzt werden, um die Reaktionen anderer Mitglieder auf das eigene Handeln zu erfahren. Die Möglichkeit der Selbsterfahrung hat bei der Nutzung von www.festzeit.ch bei den Jugendlichen somit eine hohe Bedeutung. Verglichen mit der Selbstdarstellung auf den Fotos aber auch insgesamt zeigt sich, dass die beiden Mädchen mehr Wert auf ihr Erscheinungsbild legen als die befragten Jungen. Ihr selektiveres Verhalten verweist zudem auf eine höhere Reflexivität in Bezug auf ihre Selbstdarstellung auf www.festzeit.ch hin.
Deutlich wird zudem, wie stark verschiedene produktive Tätigkeiten mit der Selbstdarstellung verbunden sind und produktiv-gestalterische Fähigkeiten entwickelt werden können.

Nutzungsbeweggründe der Jugendlichen

Die Beweggründe für die Nutzung von www.festzeit.ch liegen in den Aktivitäten selber, welche die Jugendlichen auf www.festzeit.ch ausführen. Durch das beschriebene repetitive Alltagshandeln werden Räume reproduziert. Diese kontinuierliche Reproduktion von Räumen kann somit als ein Ziel des Handelns der Jugendlichen verstanden werden. Wieso und auf welche Art und Weise www.festzeit.ch genutzt wird, hängt schlussendlich aber immer auch mit der subjektiven Bedeutungsgebung eines jeden Jugendlichen zusammen.
Des Weiteren ermöglicht www.festzeit.ch den Jugendlichen das Erfahren von sozialer Einbettung und Teilhabe am sozialen Geschehen, jedoch nicht in der unmittelbaren Umgebung der geografischen Lage der Person, sondern in Räumen auf www.festzeit.ch, welche eigens durch die beteiligten Menschen konstituiert werden. Gleichzeitig wird deutlich, dass diese soziale Integration jedoch auch eine erhöhte Verfügbarkeit der Jugendlichen am Computer bedingt. Die flächenräumliche Dimension der Raumkonstitutionen auf www.festzeit.ch ist somit auf den Standort des Computers, meistens das Zuhause der betreffenden Person, begrenzt.
Dennoch bietet www.festzeit.ch den Jugendlichen über diese flächenräumliche Begrenzung hinweg die Möglichkeit, öffentliche, selbst konstituierte Räume zu besetzen, ohne verdrängt zu werden. Gerade wegen der erhöhten Bedeutung der Peergroup und die vermehrte Angewiesenheit auf öffentliche Räume in der Jugendphase sind Online Communities für Jugendliche attraktiv; vieles weist auch darauf hin, dass www.festzeit.ch Gelegenheit bietet, die Einschränkung anderer öffentlicher Räume in der offline Lebenswelt zu kompensieren.
Somit sind konstituierte Sozialräume auf www.festzeit.ch fester Bestandteil der jugendlichen Lebenswelt, wobei sich das subjektive Bedeutungssystem der Jugendlichen in ihren eigenen ‚sozialen Praktiken' auf www.festzeit.ch widerspiegelt.

Folgerungen und Herausforderungen für eine sozialraumorientierte Offene Jugendarbeit

Betrachtet man die Ergebnisse dieser Forschung, wird deutlich, welche starke Eingebundenheit www.festzeit.ch im Alltag der Jugendlichen hat.
Diese Forschungsarbeit zeigt auf, wie durch das Internet neue Möglichkeiten für Raumkonstitutionen entstanden sind und sich die Lebenswelt der Jugendlichen in den vergangenen Jahren verändert hat und sehr wahrscheinlich auch zukünftig noch stark verändern wird. Durch diese neuen Gestaltungsmöglichkeiten im Web 2.0 und die sich daraus ergebenden Raumkonstitutionen wird deutlich, dass sich die Soziale Arbeit vom ‚Behälter-Raumdenken' lösen muss, um veränderte lebensweltliche Bezugsysteme wie beispielsweise Raumkonstitutionen in Online Communities erfassen zu können. Eine Auseinandersetzung mit neuen und komplexen Raumdefinitionen wird somit notwendig, damit komplexe Wechselwirkungen verstanden und angemessene Strategien für professionelles Handeln entwickelt werden können.
Somit darf der Computer in der Praxis der Offenen Jugendarbeit nicht länger nur als ein elektronisches Kommunikationsinstrument betrachtet werden, welches eine vermeintlich fremde Welt abbildet. Vielmehr muss erkannt werden, dass mit Hilfe dieses produzierten ‚Artefakts' durch menschliche Tätigkeiten Wirklichkeit und neue, alternative Sozialräume entstehen, die sich stetig verändern.
Des Weiteren entsteht ein neues Spannungsfeld, in welchem sich die Sozialarbeitenden bewegen: Einen Grossteil der Fachkräfte in der Sozialen Arbeit gehören den „Digital Immigrants" (Small/Vorgan 2009: 12) an. Damit sind im Gegensatz zu den „Digital Natives" (Small/Vorgan 2009: 12) all diejenigen Menschen gemeint, die in die digitale Welt des Computers eingewandert sind und vor den 80er Jahren geboren wurden (vgl. Small/Vorgan 2009: 12f). Das Klientel der Offenen Jugendarbeit hingegen gehört heute der Generation der „Digital Natives" (Small/Vorgan 2009: 12) an, welche eine Welt ohne Computer nie kennen gelernt haben und sich als einheimische Personen in der digitalen Kultur bewegen. Diese Generationen-Kluft, bezogen auf die veränderten Hirnfunktionen, wird „Brain Gap" (Small/Vorgan 2009: 12f) genannt. Die sozialpädagogischen Fachkräfte haben somit oftmals ein weniger ausdifferenziertes Wissen über den Computer und neue Medien als ihre Klientel und wissen wenig darüber, wie sich ihre Klientel in der digitalen Medienwelt bewegt. Diesen Wissensvorsprung gilt es aufzuholen, wenn sich die Sozialarbeitenden der Offenen Jugendarbeit weiterhin als Experten für jugendliche Lebenswelten betrachten möchten. Erst wenn dies geschehen ist, können Sozialarbeitende auch in diesem Lebensbereich in einer Orientierungsfunktion agieren und eine Unterstützungsrolle einnehmen. Dazu benötigt es auf Seiten der Professionellen Offenheit, Neugierde und Mut zum Ausprobieren sowie eine entsprechende strukturelle und materielle Ausstattung.
Aus einer entwicklungsorientierten Perspektive kann www.festzeit.ch als Experimentierraum verstanden werden, wo Jugendliche sich durch Selbstdarstellung, Kommunikation und viele andere Tätigkeiten ausprobieren, um zu erfahren, welche Resonanz ihre Tätigkeiten bei anderen Personen auslösen. Die vorhandenen geografischen Sozialräume in der unmittelbaren Umgebung der Jugendlichen werden somit durch andere eigenkonstruierte Erfahrungsräume erweitert.
Deutlich wurde in der Forschung, dass auch Kompetenzerwerb stattfindet, welcher durchaus auch selbstbestimmtes Leben und Kreativität fördern kann.
Somit haben sich die Professionellen der Offenen Jugendarbeit die Frage zu stellen, in welcher Rolle und mit welchen Zielen sie sich in Online Communities bewegen wollen: Sind sie Zuschauer und Beobachter in selbstbestimmten Räumen der Jugendlichen oder werden sie selber zum Akteur, zum Animator oder zum Berater? Wie wichtig ist die Beziehungsarbeit in diesem neuen Handlungskontext und wie kann diese gestaltet werden?
Sind die Professionellen der Offenen Jugendarbeit Experten für jugendliche Lebenswelten und Sozialräume und somit auch bei Fachberatungen zum Thema Online Communities Ansprechpersonen für Eltern, Lehrpersonen oder andere Bezugspersonen?
Wie können die Jugendlichen in ihrem kreativen Umgang mit neuen Medien unterstützt und begleitet werden? Wann setzt sozialarbeiterisches Handeln ein? Ist ein Ansatzpunkt bei kritischem Nutzungsverhalten wie beispielsweise Suchtstruktur notwendig oder ist diese problemfokussierte Herangehensweise nach dem eigenen Selbstverständnis zu verkürzt?
Diese Fragen verweisen nur auf einige potentielle neue Handlungsfelder der Offenen Jugendarbeit und sollten sowohl in einem wissenschaftlichen Diskurs als auch in der Praxis in sozialarbeiterischen Teams kritisch diskutiert werden.
Aus den Ergebnissen wurde deutlich, dass die online Lebenswelt der Online Communities offline lebensweltliche Erlebnisse nicht ersetzten, sondern diese als wichtige Bezugspunkte für raumkonstituierendes Handeln bedingen. Diese Tatsache könnte für die Offene Jugendarbeit einen weiteren Ansatzpunkt für ihr Handeln darstellen, indem offline lebensweltliche Bezugssysteme und Aktivitäten hergestellt werden, welche dann auf www.festzeit.ch reflektiert und rekonstruiert werden können.
Es ist davon auszugehen, dass Bereiche von Neue Medien, wie beispielsweise Online Communities, künftig nicht nur aus einer medienwissenschaftlichen Perspektive betrachtet werden, sondern zunehmend auch pädagogische und freizeitorientierte Kontexte wie die stationäre oder die Offene Jugendarbeit sich mit solchen Themen auseinandersetzen müssen. Um die Medienkompetenz der Jugendlichen zu fördern und kreativen und kompetenten Umgang zu ermöglichen, müssen sich die Professionellen der Offenen Jugendarbeit sowohl mit Chancen als auch mit Risiken in Online Communities auseinander setzen und die Jugendlichen als Experten für ihre Lebenswelt und Raumkonstitutionen betrachten.
Ausgehend von diesem Verständnis muss nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Empirie der Sozialen Arbeit als Disziplin das professionelle Handeln neu reflektiert werden. So müssen beispielsweise Strategien und Verfahren der Lebenswelt- und der Sozialraumanalyse neu überdacht und angepasst werden, damit auch relevante Raumkonstitutionen im Internet erfasst werden können. Erst dann kann professionelles Handeln in der Praxis bedürfnisgerecht und flexibel an den lebensweltlichen Bedingungen der Klientel ausgerichtet werden.

Literatur

Deinet, Ulrich (2005) Sozialräumliche Jugendarbeit. Grundlagen, Methoden und Praxiskonzepte. 2., völlig überarb. Aufl. Wiesbaden.

Döring, Nicola (2003) Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen. Band 2. 2., vollst. Überarb. u. erw. Aufl. Göttingen.

Giddens, Anthony (1997) Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der Strukturierung. 3. Aufl. Frankfurt/Main; New York.

Glaser Barney G./Straus, Anselm L. (1998) Grounded Theory. Stategien qualitativer Forschung. Bern.

Löw, Martina (2001) Raumsoziologie. 1. Aufl. Frankfurt am Main.

Pries, Ludger (2008) Transnationalisierung der sozialen Welt. Sozialräume jenseits von Nationalgesellschaften. Frankfurt am Main.

Renz, Florian (2007) Praktiken des Sozial Networking. Eine kommunikationssoziologische Studie zum online-basierten Netzwerken am Beispiel von openBC (XING). Boizenburg.

Small, Gary/Vorgan, Gigi (2009) iBrain. Wie die neue Medienwelt Gehirn und Seele unserer Kinder verändert. Stuttgart.

Von Kardorff, Ernst (2006) Virtuelle Netzwerke - eine neue Form der Vergesellschaftung? In: Hollstein, Betina/Straus, Florian (Hrsg.) (2006) Qualitative Netzwerkanalyse. Konzepte, Methoden, Anwendungen. Wiesbaden. S. 63 - 97.

Websites

Medienpädagogischer Forschungsbund Südwest www.mpfs.de (2008) JIM-Studie 2008. Jugend, Information, (Multi-) Media. http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf08/JIM-Studie_2008.pdf (Stand: Juli 2009).

www.festzeit.ch (Stand: 15.08. 2009).


Zitiervorschlag

Julia Gerodetti: Sozialraum Online Community. In: sozialraum.de (1) Ausgabe 2/2009. URL: http://www.sozialraum.de/sozialraum-online-community.php, Datum des Zugriffs: 21.09.2017

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