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Prof. Dr. habil. Herbert Schubert
Prof. Dr. phil., Dr. rer. hort. habil., Professor für Soziologie und Sozialmanagement an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Köln, Direktor des Instituts für angewandtes Management und Organisation in der Sozialen Arbeit (IMOS) und Leitung des Forschungsschwerpunkts „Sozial Raum Management", Habilitation und apl. Prof. an der Fakultät Architektur und Landschaft der Leibniz Universität Hannover.

Kontakt: herbert.schubert@fh-koeln.de

Dr.-Ing. Katja Veil
Studium der Stadt- und Regionalplanung an der TU Berlin und der Oxford Brookes University, Promotion an der Fakultät für Architektur und Landschaft der Leibniz Universität Hannover. Seit 2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsschwerpunkt „Sozial Raum Management“ der Fachhochschule Köln.

Kontakt: katja.veil@fh-koeln.de

Inhalt

  1. 1. Die Egozentrierte Netzwerkanalyse als Ausgangspunkt
  2. 2. Ableitung des Sozialraumgenerators für die Sozialraumforschung
  3. 3. Netzwerkforschung und Unterstützungspotenziale älterer Menschen
  4. 4. Dokumentation des Instruments des Sozialraumgenerators
  5. 5. Erprobung des Sozialraumgenerators im Projekt ÖFFNA
  6. 6. Fazit
  7. Literatur (Auswahl)


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Claudia Muche, Andreas Oehme, Inga Truschkat: Übergang, Inclusiveness, Region. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-1938-4.
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Michael Noack (Hrsg.): Empirie der Sozialraum­­orientierung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 335 Seiten. ISBN 978-3-7799-3412-7.
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Der „Sozialraumgenerator“ als Ableitung aus der egozentrierten Netzwerkanalyse

Herbert Schubert, Katja Veil

1. Die Egozentrierte Netzwerkanalyse als Ausgangspunkt

Ein Netzwerk wird im Allgemeinen als „eine durch Beziehungen eines bestimmten Typs verbundene Menge von sozialen Einheiten“ definiert (vgl. Pappi 1987: 13). Das Spektrum der Einheiten reicht von Personen über Organisationen bis hin zu Staaten. Die Erhebung von Netzwerkdaten gehört inzwischen zum Standardrepertoire der empirischen Sozialforschung. Verbreitung haben vor allem zwei Ansätze gefunden: die Analyse von Gesamtnetzwerken und die egozentrierte Netzwerkanalyse. In einer der ersten deutschsprachigen Publikationen hat Franz Urban Pappi diese methodische Unterscheidung definiert (ebd.): Bei der Untersuchung eines Gesamtnetzwerkes stehen alle Beziehungen zwischen mehreren Einheiten im Blickpunkt und im zweiten Fall wird das persönliche Netzwerk aus der Perspektive einer Ankerperson (Ego) betrachtet. Jansen versteht unter einem egozentrierten Netzwerk das um Ego als fokale Person herum verankerte Netzwerk (vgl. 1999: 74). Weil nur die direkten Beziehungen einer bestimmten Art, die Ego zu anderen Personen hat, abgebildet, also keine indirekten über andere Netzwerkmitglieder vermittelten Beziehungspfade – wie in der Gesamtnetzwerkanalyse – dargestellt werden können, bleibt die egozentrierte Netzwerkanalyse auf die „first-order-zone“ beschränkt.

Das methodische Instrumentarium der egozentrierten Netzwerkanalyse umfasst zwei Komponenten (vgl. Burt 1984): Um die Nennung von Beziehungspersonen anzuregen und das persönliche Gefüge abzugrenzen, findet der „Name Generator“ (Namensgenerator) Anwendung und zur Erfassung von Merkmalen der genannten Beziehungspartner werden „Name Interpreter Items“ (Namensinterpretoren) eingesetzt. Der klassische Namensgenerator, den Burt für den General Social Survey der USA konzipiert hatte, lautet: „From time to time, most people discuss important personal matters with other people. Looking back the past six month ... who are the people with whom you discuss an important personal matter?“ (ebd.: 314). Ego kann so viele Personen (Alteri) nennen, wie ihm/ihr einfallen. Anschließend werden für die fünf erstgenannten Personen mit den Namensinterpretoren weitere Charakteristika erfragt – wie z.B. Alter, Geschlecht, Rollenbeziehung, ethnischer Hintergrund oder Bildungszertifikate. In einem weiteren Schritt werden sowohl für jede Ego-Alter-Relation als auch für jede Alter-Alter-Relation Beziehungsinformationen wie die affektive Nähe oder die Kontakthäufigkeit erhoben.

Der Namensgenerator von Burt fand Kritik, weil nur eine Beziehungsrelation abgefragt wird (vgl. Jansen 1999: 76). Wenn die Multiplexität, d.h. Mehrfachbeziehung zu Personen im Netzwerk, erfasst werden soll, muss der Namensgenerator mehrere Relationen ansprechen. Dies leistete der Fischer-Namensgenerator, der Beziehungsoptionen für mehrere Alltagssituationen abfragt. Seit diesem Diskurs sind keine Innovationen in der Instrumentenentwicklung zu verzeichnen. Sowohl der Namensgenerator von Burt als auch der von Fischer haben inzwischen Eingang ins Standardrepertoire der empirischen Forschung gefunden.

2. Ableitung des Sozialraumgenerators für die Sozialraumforschung

Wenn es um die Sozialraumforschung geht, kann die Kritik an dem bestehenden Instrumentarium der egozentrierten Netzwerkanalyse fortgeschrieben werden. Herz (vgl. 2012) hat zwar hervorgehoben, dass der Ansatz ego-zentrierter Netzwerke geeignet sei, die sozialen Beziehungen innerhalb eines sozialen Raumes aus der Perspektive einzelner Akteure zu beschreiben und zu analysieren. Allerdings wird dabei kein tiefenscharfer Blick in den Sozialraum gewonnen, denn die genannten Referenzpersonen bleiben im engeren Feld der „first-order-zone“, d.h. der unmittelbaren Nahbeziehungen. Der Fokus liegt dabei vor allem auf den stärkeren Beziehungen, aber die entfernteren schwachen Beziehungen – im Sinne von Granovetters „weak ties“ (vgl. 1973) – bleiben eher unberücksichtigt. Die Beziehungsanalyse kreist deshalb meistens um die verwandtschaftlichen Potenziale sowie um die Potenziale im Freundeskreis, unter Arbeitskollegen oder in der Nachbarschaft.

Insofern ist zu konstatieren, dass die herkömmlichen Namensgeneratoren der egozentrierten Netzwerkanalyse die Ressourcen von Ego im Sozialraum nicht hinreichend abbilden, weil der Analyseradius nicht tief genug in den Sozialraum hineinreicht. Die Potenziale der Beziehungen zu intermediären Akteuren im Sozialraum – wie etwa das besondere Vertrauensverhältnis zu einem Hausarzt, zum Hausmeister des vermietenden Wohnungsunternehmens, zur Inhaberin des Friseursalons oder zu der langjährig bekannten Verkäuferin in der Bäckerei um die Ecke – werden in der Regel nicht erfasst.

Auch die herkömmlichen Methoden der Sozialraumanalyse enthalten kaum Aussagen zu sozialräumlichen Netzwerkbeziehungen und deren Funktionen (vgl. im Überblick Schubert/Riege 2012). Die Aufstellung bzw. Auflistung von Akteuren und Gelegenheiten vor Ort ist in Bezug auf deren Netzwerkfunktionen zu den Nutzern nur gering aussagefähig. Auch die Erfassung wichtiger Orte und Akteure aus der Nutzerperspektive beispielsweise durch die „Nadelmethode“ kann die individuellen Beziehungen nicht erfassen. Raumbezogene Erhebungsmethoden wie „mental maps“ oder Nutzungstagebücher erfassen die Wahrnehmung und Nutzung von Raum. Es fehlt in dieser Perspektive aber ebenfalls eine quantifizierbare Erfassung der sozialräumlichen Netzwerke. Vor diesem Hintergrund wurde der Bedarf erkannt, einen eigenständigen „Sozialraumgenerator“ zu konzipieren, der diese Reichweite aufweist.

3. Netzwerkforschung und Unterstützungspotenziale älterer Menschen

Der Fokus auf die persönlichen Netzwerke hat im Bereich der Forschung über die Situation älterer Menschen erhebliche Erkenntnisgewinne gebracht. Untersuchungen, wie der deutsche Alterssurvey erfassen die Netzwerke älterer Menschen anhand von Netzwerkgeneratoren, um daraus auf die Sozialkontakte und die Hilfepotenziale der älteren Menschen schließen zu können. Der Alterssurvey kam zu dem Ergebnis, dass 90 % der 70- bis 85-jährigen mit erwachsenen Kindern außerhalb des Haushaltes zumindest eines der Kinder in maximal zwei Stunden erreichen können. Bei mehr als 60 % lebt eines der Kinder im gleichen Ort (vgl. Szydlik 2000: 91). Die Wohnentfernung zwischen den Generationen hat für die Frage der familialen Generationenbeziehungen eine zentrale Bedeutung, weil sie die entscheidende Variable für deren Qualität und Dichte ist (vgl. Schilling/Wahl 2002: 314).

Im Projekt SILQUA ÖFFNA wird dieser Blickwinkel auf sozialräumliche Netzwerke im Stadtteil erweitert.[1] Das zentrale Ziel war es nicht, die individuellen „first order“- Unterstützungspotenziale, wie in egozentrierten Auswertungen allgemein üblich, auszuwerten, obwohl dies auch Bestandteil der Untersuchung war. Stattdessen wurden Unterstützungspotenziale im Sozialraum überindividuell, also summarisch ermittelt, um die Schlüsselressourcen zu bestimmen. Dafür wurde der „Sozialraumgenerator“ als Sondervariante des verbreiteten „Namensgenerators“ entwickelt. Mit ihm sollen Kommunikationsbeziehungen im nachräumlichen Umfeld erfasst werden, um strukturelle Löcher in der Versorgung älterer Menschen zu überwinden (vgl. dazu Schubert/ Veil 2013).

Inhaltlich verfolgte das Projekt das zentrale Ziel, im Sozialraum des Wohnviertels und Stadtteils eine „kommunikative Informationsinfrastruktur“ zur Stärkung derjenigen älteren Menschen zu entwickeln, die bisher kaum für Informationen und Angebote der Altenhilfe erreichbar sind. Die entwickelte Infrastruktur soll generell eine Öffnung von Akteuren im Wohnquartier für die Fragen des Alters bewirken, die unter der älteren Bewohnerschaft anerkannt sind und Vertrauen genießen. Diese sozialräumlichen Akteure werden als Ressourcen des Wohnviertels in einer Netzwerkform verknüpft, um über sie als Kontaktpunkte Zugang zu den zurückgezogen lebenden älteren Menschen im Quartier zu gewinnen. Die Erfassung der kommunikativen Beziehungen älterer Menschen zu Akteuren im Stadtteil war damit zentraler Ausgangspunkt der entwickelten Infrastruktur (vgl. Schubert et al. 2014).

4. Dokumentation des Instruments des Sozialraumgenerators

Ziel des Sozialraumgenerators ist die Identifikation von zentralen Kommunikationsgelegenheiten älterer Menschen, die potenziell als Träger der Informationsinfrastruktur genutzt werden können. Im Projekt ÖFFNA wurden hierbei vor allem lokale Angebote des täglichen Bedarfs und der medizinischen Versorgung als Gelegenheiten zum Gespräch und damit auch zur Weiterleitung von Informationen erfasst. Indem häufig frequentierte Gelegenheiten zum Gespräch im Stadtteil erfragt werden, wird sowohl ein individuelles als auch sozialräumliches Bild der wichtigsten Kontaktpunkte – im Sinn von „weak ties“ – im Sozialraum gewonnen. Um diese zu messen, wurde das Instrument des „Sozialraumgenerators“ entwickelt.

Der Sozialraumgenerator erfasst – nach der Logik der egozentrierten Netzwerkanalyse – Elemente und Relationen zu alltäglichen Kontaktpunkten im Sozialraum, die räumlich verankert sind. Funktionen dieser Beziehungen sind – neben der Tauschbeziehung im Rahmen von Versorgungsansprüchen – zum Beispiel der Austausch von Information und der Transfer von Ressourcen, der bis hin zur persönlichen sozialen Unterstützung (materiell, kognitiv, emotional) reichen kann. Analog zum klassischen Namensgenerator von Burt wird mit dem Sozialraumgenerator das Potenzial erfasst, im Rahmen von alltäglichen Gesprächen in Infrastrukturen des Quartiers und Stadtteils einen Informationsaustausch und soziale Unterstützung zu induzieren. Damit diese „natürlichen Kontaktpunkte“ von relativ zurückgezogen lebenden älteren Menschen im Wohnquartier als „Brücke“ genutzt werden können, soll der Sozialraumgenerator egozentriert zwei Dimensionen erfassen: die Orte (Alteri von Ego: infrastrukturelle Gelegenheiten im Sozialraum) und die Relationen (Kommunikation und persönliche Bindung).

Für die Klassifizierung der Kontaktpunkte sind weniger die Häufigkeit der Nennungen von Bedeutung, sondern vor dem Hintergrund des zu entwickelnden Konzepts insbesondere die Gesprächshäufigkeit sowie die Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch mit den Inhabern oder Mitarbeitenden.

SOZIALRAUMGENERATOR

Welche Läden, Angebote, Praxen oder Einrichtungen nutzen Sie in ihrer Wohnumgebung (d.h. Stadtteil Ehrenfeld) mehrmals im Jahr?

  • Erfassen von Namen der Gelegenheiten
  • Wie häufig besuchen Sie (Name Angebot)?

Was für ein Laden oder Angebot ist das?

  • Konkretisierung der Funktion

Unterhalten Sie sich dort mit anderen über persönliche Angelegenheiten?
Wenn ja: Mit wem unterhalten Sie sich dort?

  • Erfassen von Namen der Kontaktpersonen
  • Geschlecht
  • Wie lange kennen Sie die Person?
  • Wie häufig sprechen Sie mit der Person?
  • Wie lange dauern diese Gespräche?
  • Über welche persönlichen Themen und Angelegenheiten sprechen Sie?

Auf die in der egozentrierten Netzwerkanalyse gebräuchliche Frage, ob sich die genannten Personen untereinander kennen, kann verzichtet werden, da die befragte Person das in der Rolle als Kunde oder Patient/in kaum beurteilen kann.

Insgesamt kann mit dem Sozialraumgenerator im Rahmen empirischer Umfragen ein Ranking der genannten Gelegenheiten und Kontaktpersonen im betrachteten Sozialraum – zum Beispiel nach der Nennungshäufigkeit, nach der Besuchsfrequenz und nach der Gesprächsfrequenz sowie Gesprächsdauer – vorgenommen werden. Damit wird es möglich, auf der sozialräumlichen Ebene die wichtigsten alltäglichen Netzwerkpartner im räumlichen Umfeld der Nahbeziehungen aufzulisten. Durch die Auswertung auf der aggregierten sozialräumlichen Ebene werden die zentralen Kontaktpunkte im Raum identifiziert, die für eine Vernetzungsstrategie bzw. für den Aufbau einer Netzwerkinfrastruktur großes Potenzial besitzen.

5. Erprobung des Sozialraumgenerators im Projekt ÖFFNA

Im ersten Schritt der Erhebungen des ÖFFNA Projekts wurden zur Aufklärung der Lebenssituation eine mündlichen Haushaltsbefragung unter älteren Menschen ab 60 Jahren (N = 495) durchgeführt und der „Sozialraumgenerator“ erprobt. Es wurde ermittelt, wie sich Zurückgezogenheit, Information über bestehende Angebote sowie die Nutzung von Angeboten für ältere Menschen empirisch darstellen. Auf der Grundlage der empirischen Ergebnisse wurde eine Typisierung erarbeitet, die Personen, die weder präventiv noch akut an dem Informationsangebot sozialer Dienstleistungen partizipieren, beschreibt (vgl. Schubert/Veil 2013). Weiterhin wurden die alltäglichen Lebensvollzüge im Stadtquartier und Stadtteil nachgezeichnet, um Aktionsräume und Beziehungsgelegenheiten sowie Beziehungsnetze im sozialräumlichen Alltag zu erkennen.

Nach der Fragebogenauswertung wurden die Gelegenheiten aufgelistet, die über den Sozialraumgenerator ermittelt werden konnten. Die Befragten im Untersuchungsraum Köln-Ehrenfeld nannten insgesamt 403 unterschiedliche Gelegenheiten. Die Bedeutung der Gelegenheiten im alltäglichen Leben wurde durch die Besuchs- sowie Gesprächsfrequenz dargestellt, unabhängig mit welchen Personen innerhalb der Gelegenheiten kommuniziert wird. Die besondere Qualität einer Gelegenheit liegt darin, dass persönliche Gespräche mit Inhabern oder Mitarbeitenden gepflegt werden.

Im ÖFFNA-Projekt wurde die Nennungshäufigkeit spezifischer Infrastrukturen in einer Ranking-Tabelle aufgelistet. Aufgrund der Nennung des Namens von Kontaktpersonen sowie der Adresse der Gelegenheit lassen sich die Infrastrukturen identifizieren. Es wurde den Befragten allerdings freigestellt, auch nur allgemeine Bezeichnungen wie etwa „Bäcker“ zu nennen. Diese Gelegenheiten sind dann nicht mehr genau zu identifizieren, geben im Gesamtbild jedoch Aufschluss über die wichtigsten Infrastrukturtypen im Sozialraum. Im nächsten Schritt wurde die Besuchsfrequenz ermittelt. Sie wurde aus dem Produkt der Nennungen und der durchschnittlichen Besuchshäufigkeit errechnet. Daraus kann darauf geschlossen werden, welche Infrastrukturgelegenheiten besonders häufig von älteren Menschen aufgesucht werden. Die anschließende Berechnung der Gesprächsfrequenz im Allgemeinen bildet ab, ob und wie häufig es die Gelegenheit zu einem Gespräch in dem Laden, dem Angebot, der Arztpraxis oder der Einrichtung gibt. Dabei ist es zunächst nicht relevant, wer der/die Gesprächspartner/in ist. In einem weiteren Schritt wurden die Besuchsfrequenz, die Gesprächsfrequenz mit Kontaktpersonen und die durchschnittliche Nennung eines Gesprächskontakts analysiert. Im Ergebnis konnten die Infrastrukturen ermittelt werden, die häufig besucht werden und in denen häufig Gespräche mit Kontaktpersonen stattfinden. Insgesamt wurden 22 Gelegenheiten ausgewählt, die die größten Potenziale für die intendierte Informationsvermittlung im ÖFFNA-Projekt versprachen.

Zur Überprüfung wurden auch die genannten Kontaktpersonen befragt: Grundsätzlich gaben fast alle von ihnen an, dass es häufig zu Gesprächen mit älteren Menschen kommt, die über die normale Geschäftsabwicklung hinausgehen und persönliche Themen berühren. Häufig stehen nicht der Einkauf oder die Dienstleistung im Vordergrund eines Besuchs, sondern die Möglichkeit sich auszutauschen, sei es mit anderen Kunden oder mit vertrauten Personen der Mitarbeiterschaft. Lediglich ein Unternehmen gab an, dass der Kundenkontakt als reine Geschäftsabwicklung wahrgenommen werde. Aufgrund des hohen Potenzials für die Weitergabe von Informationen und für die Vermittlung zu Stellen der sozialen Infrastruktur, die in Bedarfsfällen schnell weiterhelfen können, waren alle im Projekt ÖFFNA identifizierten Akteure einverstanden, die bestehenden Beziehungen zu einer „kommunikativen Informationsinfrastruktur“ zur Stärkung der älteren Menschen im Sozialraum des Wohnviertels und Stadtteils weiter zu entwickeln. Durch die im Rahmen des Projekts angestoßene strukturierte Vermittlung in diesen Gelegenheiten wurden neue Netzwerkbeziehungen geschaffen, indem die Kontaktpersonen in den Gelegenheiten zwischen den älteren Menschen und den professionellen Diensten der Altenhilfe Verbindungen herstellen.

6. Fazit

Kontakte in den infrastrukturellen Gelegenheiten des Sozialraums bieten ein hohes Potenzial der Informationsübermittlung im öffentlichen Alltagsleben. Es ist daher wichtig, die Gelegenheiten zu finden, die über eine besondere Qualität des Kunden- und Patientenkontakts verfügen. Der „Sozialraumgenerator“ ist hierfür ein zielführendes Instrument, das wissenschaftlich gesehen weniger eine „Innovation“, sondern den Transfer eines bewährten Instruments auf das Gebiet der Sozialraumforschung repräsentiert. Die Ergebnisse des ÖFFNA-Projekts (vgl. Schubert et al. 2014) haben veranschaulicht, dass der Sozialraumgenerator hilft, verdeckte Ressourcen im Sozialraum aufzufinden und für lokale Netzwerkstrategien nutzbar zu machen.

Literatur (Auswahl)

Burt, R.S. (1984): Network Items and the General Social Survey. Social Networks, 6. Jg., S. 293-339.

Fischer, C. (1982): To Dwell Among Friends. Chicago, Chicago University Press.

Granovetter, M.S. (1973): The Strength of Weak Ties. American Journal of Sociology, 78. Jg., S. 1360-1380.

Herz, A. (2012): Ego-zentrierte Netzwerkanalysen zur Erforschung von Sozialräumen. In: sozialraum.de (4) 2/2012. URL: http://www.sozialraum.de/ego-zentrierte-netzwerkanalysen-zur-erforschung-von-sozialraeumen.php, Datum des Zugriffs: 27.03.2014.

Jansen, D. (1999): Einführung in die Netzwerkanalyse. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Leske + Budrich, Opladen.

Pappi, F.U. (1987): Die Netzwerkanalyse aus soziologischer Perspektive. In: ders. (Hrsg.): Methoden der Netzwerkanalyse. Oldenbourg, München, S. 11-38.

Riege, M./Schubert, H.(Hrsg.) (2012): Sozialraumanalyse: Grundlagen, Methoden, Praxis. 3. Auflage, Verlag Sozial • Raum • Management: Köln.

Schilling, O./Wahl, H.-W. (2002) Familiäre Netzwerke und Lebenszufriedenheit alter Menschen in ländlichen und urbanen Regionen. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 54. Jg., S. 304-317.

Schubert, H./Leitner, S./Veil, K. & Vukoman, M. (2014): Öffnung des Wohnquartiers für das Alter. Entwicklung einer kommunikativen Informationsinfrastruktur zur Überbrückung struktureller Löcher im Sozialraum. Verlag Sozial • Raum • Management, Köln.

Schubert, H. / Veil, K. (2013): Beziehungsbrücken zwischen Lebenswelten und Systemwelt im urbanen Sozialraum. In: sozialraum.de (5) 1/2013. URL: http://www.sozialraum.de/beziehungsbruecken-zwischen-lebenswelten-und-systemwelt-im-urbanen-sozialraum.php, Datum des Zugriffs: 27.03.2014.

Szydlik, M. (2000): Lebenslange Solidarität? Generationenbeziehungen zwischen erwachsenen Kindern und Eltern. Leske und BUdrich: Opladen.



[1] Das Projekt Öffnung des Wohnquartiers für das Alter – Entwicklung einer integrierten Kommunikationsinfrastruktur zur Förderung zurückgezogen lebender älterer Menschen in Köln wurde im Rahmen des Programms SILQUA-FH des BMBF von 2010-2013 gefördert. Das praxisbezogene Forschungsprojekt wurde in Kooperation zwischen dem Forschungsschwerpunkt Sozial • Raum • Management der Fachhochschule Köln und der Stadt Köln, Amt für Soziales und Senioren durchgeführt.


Zitiervorschlag

Schubert, Herbert; Veil, Katja (2014): Der „Sozialraumgenerator“ als Ableitung aus der egozentrierten Netzwerkanalyse. In: sozialraum.de (6) Ausgabe 1/2014. URL: http://m.sozialraum.de/der-sozialraumgenerator-als-ableitung-aus-der-egozentrierten-netzwerkanalyse.php, Datum des Zugriffs: 27.04.2017

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