Skater auf einer Treppe
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Dipl.-Soz. Caroline Fritsche
FHS St. Gallen
Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Institut für Soziale Arbeit IFSA
Industriestrasse 35
CH-9401 Rorschach
Kontakt: caroline.fritsche@fhsg.ch

Prof. Dr. Christian Reutlinger
FHS St. Gallen
Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Institut für Soziale Arbeit IFSA
Industriestrasse 35
CH-9401 Rorschach
Kontakt: christian.reutlinger@fhsg.ch

Inhalt

  1. 1. Anlass
  2. 2. Do Research
  3. 3. Operationalisierung
  4. 4. Datenerhebung und standortspezifische Erkenntnisse
  5. 5. Standortübergreifende Erkenntnisse
  6. 6. Fazit und Ausblick
  7. Literatur
  8. Abbildungen


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Claudia Muche, Andreas Oehme, Inga Truschkat: Übergang, Inclusiveness, Region. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-1938-4.
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Michael Noack (Hrsg.): Empirie der Sozialraum­­orientierung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 335 Seiten. ISBN 978-3-7799-3412-7.
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weitere Rezensionen zum Thema Sozialraum

Massnahmen im öffentlichen Raum – Ein Vergleich kommunalpolitischer Strategien

Caroline Fritsche, Christian Reutlinger

1. Anlass

Themen rund um den öffentlichen Raum sind seit einigen Jahren vor allem in Verbindung mit dem Stichwort Sicherheit, und dessen fast beliebige Ergänzungen um Dimensionen wie Ordnung, Sauberkeit oder Wohlbefinden, zu einem festen Bestandteil (auch) der Ostschweizer Kommunalpolitik und Lokalmedien geworden. So gehören auch in diesen eher ländlich geprägten Regionen Schlagzeilen wie „Task Force gegen Bahnhof-Gewalt“, „Kampf für mehr Sauberkeit“ oder „Mehr Kontrolle für mehr Sicherheit“ mittlerweile zum Alltag. Dabei greifen diese Medienberichte häufig Diskussionen und Entscheidungen der Kommunalpolitik auf, bei denen es u.a. um pöbelnde Jugendliche, Alkoholexzesse, Lärm, Vandalismus, Gewaltvorfälle oder Littering geht. Die kommunalpolitischen Diskussionen werden dabei oftmals durch Vorstösse von einzelnen Mitgliedern des jeweiligen Gemeindeparlaments in Form von Interpellationen, Postulaten oder einfachen Anfragen [1] an den Gemeinderat in Gang gesetzt. Dieser ist dann zu Rechtfertigungen, Prüfungen und Stellungnahmen gezwungen, indem er die parlamentarischen Vorstösse offiziell beantworten muss.

Gemeinsam ist diesen kommunalpolitischen Diskussionen und entsprechenden Medienberichten, dass sie Phänomene und Diskussionen aufgreifen, die mehr oder weniger direkt mit öffentlichen Räumen in Verbindung gebracht werden. Nicht nur grössere Städte, sondern auch mittlere und kleine Gemeinden setzen so das Thema öffentlicher Raum zunehmend auf ihre kommunalpolitische Tagesordnung, wobei sich die thematisierten Phänomene zwischen Stadt und Land kaum unterscheiden. Der öffentliche Raum sei – so der Tenor – zu laut, zu dreckig, zu gefährlich und von bestimmten Gruppen zu exklusiv beansprucht.

Neben diesen Diskussionssträngen, die sich quer über die Ebenen von Medien, Kommunalpolitik sowie -verwaltung erstrecken, kann auch die Umsetzung einer Vielzahl von Massnahmen in der Praxis beobachtet werden, mit denen das Ziel verfolgt wird, bestimmte Phänomene im öffentlichen Raum zu bearbeiten. Hierzu gehören z.B. die Anpassung gesetzlicher Richtlinien und deren Auslegung bzw. Anwendung, die Einführung oder Aufstockung der Jugendpolizei und/oder Securitas-Angestellten oder auch die Installierung von Videokameras. Solche Massnahmen werden durch präventive Ansätze wie  Sensibilisierungskampagnen mittels Plakaten oder auch themenspezifische Workshops in Schulen zu Gewalt oder Alkoholkonsum ergänzt.

Im Konkurrenzkampf der Städte, Gemeinden und Regionen ist es notwendig, sich zu positionieren und Stellung zu beziehen. Ein unverwechselbares Image ist entscheidend, zu dem auch Stellungnahmen rund um das Thema öffentlicher Raum beitragen. Wie sicher ist eine spezielle Stadt bzw. Gemeinde? Was unternimmt sie hinsichtlich Sauberkeit im öffentlichen Raum? Welche Strategien und Konzepte bestimmen die Polizeiarbeit? Wie verhalten sich Vertreter und Vertreterinnen von politischen Parteien unterschiedlichster Couleur zu Phänomenen im öffentlichen Raum, die teilweise als störend thematisiert werden? Und welchen Umgang mit diesen Phänomenen schlagen die jeweiligen Stadt- und Gemeinderäte vor? Antworten auf diese Fragen sind entscheidend, um sowohl das Image der Stadt gegenüber ihren Bewohnerinnen und Bewohnern zu verbessern (vgl. Eisner 2000), als auch eine gute Position im Vergleich mit anderen Städten und Gemeinden – und damit potentiellen Konkurrenten um investitionswillige Unternehmen und qualifizierte Arbeitskräfte – zu erreichen (siehe z.B. Städtevergleich in LINK Focus 15).

Unklar bleibt in diesem Zusammenhang oftmals, wann welche Massnahme ergriffen wird bzw. warum in einer Gemeinde bestimmte Massnahmen zum Einsatz kommen und andere wiederum nicht. Wird bspw. Littering als Problem definiert, das nun mittels Massnahmen bearbeitet werden soll, kommen entweder die Einführung eines Bußenkatalogs, spezifische Anti-Littering-Kampagnen im öffentlichen Raum oder die Einführung von „Abfallunterricht“ zum Zuge. Dasselbe als problematisch definierte Phänomen wird mitunter ganz unterschiedlich bewertet und bearbeitet. Gleiches gilt auch, wenn sich bspw. Personen in ihrem subjektiven Sicherheitsempfinden durch eine bestimmte Nutzergruppe am Bahnhof beeinträchtigt fühlen und aufgrund dessen den Ort meiden.

Auf der einen Seite findet sich das Argument, kein Mensch dürfe aus dem öffentlichen Raum vertrieben werden, eben weil er öffentlich sei. Auf der anderen Seite wird wiederum argumentiert, bestimmte Personen müssten aus dem öffentlichen Raum vertrieben werden, damit er öffentlich und für andere zugänglich bleibe (vgl. Belina 2006). Für die Städte und Gemeinden bleibt ein Dilemma bestehen. Auf der einen Seite sollen Unsicherheitsgefühle beseitigt werden damit ohne Furcht am städtischen Leben partizipiert werden kann (siehe z.B. Eisner 2000). Auf der anderen Seite soll die städtische Vielfalt im öffentlichen Raum, die auch das Fremde und Verunsichernde impliziert, nicht geopfert werden (vgl. auch Beyes 2007; 2008; Bauman 2007).

In diesem thematischen Kontext entstand im Jahr 2008 das Forschungsprojekt „Massnahmen im öffentlichen Raum. Eine vergleichende Analyse kommunaler Strategien im Umgang mit aktuellen Formen der Unordnung“. In der Entwicklung des Projektantrages standen folgende Forschungsfragen im Zentrum:

  1. Auf welche Formen von Unordnung zielen ausgewählte Massnahmen im öffentlichen Raum?
  2. Welche Deutungen und Handlungsstrategien können im Kontext dieser Massnahmen entschlüsselt werden?
  3. Inwieweit nehmen die Massnahmen auf diese Muster Bezug?

In der Beantwortung dieser Fragen sollte zum einen eine deskriptive Auslegeordnung von Phänomenen, die als problematisch bezeichnet werden und auf die bestimmte Massnahmen gerichtet sind, formuliert werden. Zum anderen wurde der Blick auf die Rekonstruktion von Deutungen und Handlungsstrategien verschiedener Akteure im Kontext von Massnahmen im öffentlichen Raum gerichtet.

Mit diesen Fragestellungen zielte das Projekt darauf, hinter die Kulissen kommunalpolitischer Entscheidungsstrukturen zu blicken und einige Facetten der Konstruktion von Wirklichkeit (Berger/Luckmann 2007) ein Stück weit offen zu legen.

2. Do Research

Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) ist die wichtigste Anlaufstelle für Fördergesuche der Schweizerischen Universitäten, Fachhochschulen sowie Pädagogischen Hochschulen. Gefördert werden Personen, einzelne oder koordinierte Projekte oder auch langfristige Forschungsschwerpunkte. In der Projektförderung wird u.a. nach „Geistes- und Sozialwissenschaften“, „Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften“ sowie „Biologie und Medizin“ unterschieden. Bis ins Jahr 2012 gab es zudem noch das Förderprogramm „Do Research“ (kurz: DORE), das sich spezifisch an Fachhochschulen richtete. Über dieses Förderprogramm ist auch das Projekt „Massnahmen im öffentlichen Raum“ gefördert worden. Mit der letzten Bewilligung von Projekten im Frühjahr 2012 ist das Förderprogramm DORE eingestellt worden. [2]

Die Besonderheit von DORE lag darin, dass der SNF nur Projekte bewilligte, die zu mindestens 30% von Praxispartnern finanziell mitgetragen werden. Dadurch sollte garantiert werden, dass es sich um Forschungsvorhaben handelt, die Grundlagenforschung in einem Bereich betreiben, der für Akteure aus einem bestimmten Praxisfeld relevant ist. Das bedeutet, dass im Vorfeld der Antragsstellung Praxispartner eingeworben werden mussten, die sich mit mindestens 30% an der beantragten Fördersumme beteiligen. Trotz der Teilfinanzierung durch Drittmittel bleiben DORE-Projekte explizit in der Grundlagenforschung verhaftet und sollen nicht zu versteckten Auftragsforschungen umdefiniert werden. Für das hier beschriebene Projekt konnten schliesslich zwei Praxispartner gefunden werden.

Vor allem in der Anfangsphase des Projekts „Massnahmen im öffentlichen Raum“ musste die Anlage als Grundlagenforschung gegenüber den Praxispartnern nochmals deutlich gemacht werden. Dabei scheint es durchaus legitim, dass Vertreter der kommunalen Verwaltung ihre Interessen vertreten und eine Fokussierung ihrer spezifischen Problematiken im Projekt beanspruchen. Jedoch würde eine Änderung der ursprünglichen Fragestellung zugunsten einer Evaluation bestimmter Massnahmen eine Umdeutung in Richtung Auftragsforschung oder sogar Dienstleistung mit sich bringen. Das hier beschriebene Projekt versteht sich aber trotz finanzieller Beteiligung von Praxispartnern bewusst als Grundlagenforschung.

Die Praktiken der jeweiligen Kommunalverwaltungen flossen insofern ins Projekt ein, als das begriffliche Gerüst bewusst offen gelassen war und in gewisser Weise durch das Feld konkretisiert wurde. Begriffe wie Unordnung, Massnahmen und öffentlicher Raum wurden in der Anfangsphase möglichst wenig vordefiniert. Durch Einsicht in verschiedene Dokumente, Gespräche mit Schlüsselpersonen und Auskünfte einzelner kommunaler Stellen entstand sukzessive ein Bild dessen, was in den jeweiligen Kommunen unter Unordnung, Massnahmen und öffentlichem Raum verstanden wird. Diese Begriffsdefinitionen aus dem Feld sind den Praxispartnern mit Abschluss des Projektes in Form von Thesen rückgespiegelt worden.

Die Offenheit der Begriffe war insofern wichtig, um keine Verengung auf einzelne Phänomene oder Massnahmen zu provozieren. In Gesprächen mit den Praxispartnern sowie in diversen Interviews musste in diesem Zusammenhang immer wieder darauf hingewiesen werden, dass mit „Unordnung“ nicht zwangsläufig Abfall, Müll und Littering im öffentlichen Raum gemeint sind, sondern zunächst alle Phänomene darunter verstanden werden können, die von verschiedenen Akteuren als „störend“ thematisiert und diskutiert werden. Mit Unordnung ist dann ein „Tatbestand [gemeint], der von den Betroffenen als veränderbar und veränderungswürdig – weil negativ bewertet – erlebt wird“ (Sidler, 1999: 12).

3. Operationalisierung

Das Erkenntnisinteresse des Projektes galt dem Zusammenhang von Problematisierungen, Massnahmen und Phänomenen, welche an den Diskurs über den öffentlichen Raum gekoppelt werden und in kommunalpolitischen Kontexten diskutiert werden. Zur Veranschaulichung des Erkenntnisinteresses diente folgende Heuristik:

Abbildung 1: Heuristik zur Darstellung des Erkenntnisinteresses

Abbildung 1: Heuristik zur Darstellung des Erkenntnisinteresses

Auch wenn diese Darstellung kein lineares Ablaufschema unterstellen soll, wurde dennoch von einem Zusammenhang zwischen den einzelnen Momenten ausgegangen. Im Kontext von Diskussionen um „Unordnung im öffentlichen Raum“ gibt es demnach das Moment der Thematisierung bzw. Problematisierung, d.h. z.B. ein baulicher Zustand, eine Personengruppe, ein bestimmtes Verhalten oder Ähnliches werden von bestimmten Akteuren als problematisch thematisiert und in den politischen Diskurs eingebracht (z.B. mittels Postulat). Aufgrund dieser Problematisierung wird eine oder mehrere Massnahmen ergriffen, die direkt mit dem problematisierten Phänomen in Verbindung gebracht wird bzw. werden. D.h., diese Massnahme wird als passgenaue Lösung für ein bestimmtes Problem (eine bestimmte Form der Unordnung) entworfen und verteidigt. Dies kann z.B. die Massnahme Einsatz von Securitas-Mitarbeitenden beim problematisierten Phänomen laute Jugendliche auf dem Heimweg oder vermehrter Vandalismus an einem bestimmten Ort sein. Dies impliziert bereits, dass sich die jeweilige Massnahme scheinbar gezielt auf ein bestimmtes Phänomen bezieht bzw. der Auftrag auf ein bestimmtes Verhalten oder eine Benutzergruppe zugespitzt wird. Als Phänomen können dann entweder ein Ort, ein bestimmtes Verhalten oder generell eine spezifische Nutzergruppe bezeichnet werden.

Aus der obigen Darstellung der Heuristik wird deutlich, dass im Projekt das Ziel verfolgt wurde, Zusammenhänge zwischen den einzelnen Momenten zu begreifen. Wie hängen diese drei Momente zusammen? Inwiefern nehmen die jeweiligen Akteure aufeinander Bezug? – Ziel war demnach nicht, einzelne Massnahmen zu evaluieren oder darzulegen, inwiefern sie die richtige, logische oder angemessene Reaktion auf ein bestimmtes problematisiertes Phänomen darstellen. [3] Vielmehr ging es darum, Zusammenhänge nachzuvollziehen und die jeweiligen Deutungen und Handlungsstrategien der beteiligten Akteure offen zu legen.

Hierzu wurden drei Standorte bzw. Gemeinden ausgewählt, in denen diese Zusammenhänge rekonstruiert wurden. Die Gemeinden unterscheiden sich in ihrer Einwohnerzahl, sind aber alle dem gleichen regionalen Zusammenhang zuzuordnen. Über diese Auswahl sollte es möglich sein, Unterschiede bzw. Eigenheiten zu identifizieren, aber auch eventuelle Gemeinsamkeiten bzw. gegenseitige Bezugnahmen zu rekonstruieren.

Im Sinne der Operationalisierung war zunächst geplant, drei Massnahmen pro Standort separat zu fokussieren und deren Entstehungsgeschichte zu rekonstruieren. Hierbei sollten auch Akteure der Problematisierung ausfindig gemacht und deren Deutungen nachvollzogen werden. Mit der Betrachtung mehrerer einzelner Massnahmen sollte eine Vergleichbarkeit sowohl innerhalb eines Standortes als auch standortübergreifend hergestellt werden.

In der ersten Phase des Projektes stellte sich jedoch heraus, dass eine isolierte Betrachtung einzelner Massnahmen kaum möglich bzw. wenig zielführend ist. In dieser Phase waren die verschiedenen Departements und Ressorts der jeweiligen Standorte aufgefordert, „Massnahmen im Zusammenhang mit Unordnung im öffentlichen Raum“ aufzulisten und die verantwortlichen Stellen innerhalb der Verwaltung zu benennen. Die Heterogenität der Massnahmen, die im Zusammenhang mit „Unordnung im öffentlichen Raum“ genannt wurden, gab erste Hinweise auf die Spezifika der einzelnen Untersuchungsstandorte. Als Massnahmen wurden u.a. die Vernetzung von Jugendfachpersonen, der „Abfallunterricht“ in Schulen oder auch die Neugestaltung ganzer innenstädtischer Bereiche genannt. Daneben stellte sich jedoch heraus, dass Massnahmen über verschiedene Ressorts hinweg vernetzt sind und nur selten eindeutig einer Verwaltungsabteilung zugeordnet werden können. Zum Teil hat sich diese Kooperation zwischen verschiedenen Ressorts im Verlauf der Massnahmen entwickelt, zum Teil sind die Massnahmen jedoch schon als übergreifende Aktionen, Regelungen oder Projekte entworfen und angelegt worden. Jedoch hat sich an allen Standorten herausgestellt, dass departementübergreifende Arbeitsgruppen (AGs) eine zentrale Stellung einnehmen. So konnte an jedem Standort eine AG benannt werden, die sich explizit mit dem Thema öffentlicher Raum auseinandersetzt, Handlungsbedarfe formuliert und auch konkrete Massnahmen ausarbeitet. Innerhalb dieser AGs laufen in gewisser Weise die Fäden zusammen, wenn es um „Unordnung im öffentlichen Raum“ geht. Dabei zählen die Mitglieder dieser AGs je nach Standort zwischen fünf und zwölf Personen, die sich mal aufgrund politischer Parteizugehörigkeit und mal aufgrund Funktion innerhalb der Kommunalverwaltung zusammensetzen.

Aufgrund dieser Erkenntnis aus der ersten Forschungsphase wurde die Operationalisierung des Projektes angepasst. Anstatt einzelne Massnahmen zu fokussieren, rückten die AGs stärker ins Zentrum (siehe auch Abbildung 1).

4. Datenerhebung und standortspezifische Erkenntnisse

Die Datenerhebung verlief im Wesentlichen über drei Schritte: Dokumentenanalyse, Gruppendiskussion und teilnehmende Beobachtung (siehe Abbildung 2), die jedoch weniger linear sondern eher zirkulär verfolgt wurden. Erkenntnisse und Hypothesen aus einer früheren Phase sind z.B. in die Konstruktion des Leitfadens bzw. der teilnehmenden Beobachtung eingeflossen. Diese späteren Phasen haben wiederum zur Überprüfung und Differenzierung vorangegangener Hypothesen geführt. Da die Datenerhebung zudem parallel an drei Standorten durchgeführt wurde, konnte auch zwischen einer standortinternen und einer standortvergleichenden Perspektive gewechselt werden. Zum Forschungsablauf im Sinne der Grounded-Theory-Methodologie siehe z.B. Strauss/Corbin (1996) und Przyborski/Wohlrab-Sahr (2008, S. 184 ff.).

Dokumentenanalyse

Abbildung 2: Ablauf der Datenerhebung

Abbildung 2: Ablauf der Datenerhebung

In die Dokumentenanalyse sind verschiedene Dokumente der Kommunalverwaltung zur Entstehung, zum offiziellen Auftrag und zu aktuellen Geschäften der AGs eingeflossen. Hierzu zählen bspw. Stadtratsbeschlüsse, parlamentarische Postulate und Anfragen sowie Konzeptpapiere. Daneben wurden aber auch Berichterstattungen der lokalen Tagesmedien gesichtet, die sich mit dem lokalen öffentlichen Raum, problematisierten Phänomenen und/oder der betreffenden Arbeitsgruppe auseinandersetzen. In der Gesamtsicht wurde deutlich, dass sich eine Vielzahl an Sprechern zu den jeweiligen AGs bzw. zu den von der AG behandelten Themen äussert. Neben Berichten in den lokalen Printmedien reicht diese Vielzahl der Sprecher von lokalen Parteiverbänden oder auch Einzelpolitikern über die Pressestelle der Polizei bis hin zu unterschiedlichen Fachstellen/Ressorts der Verwaltung.

Über diese Dokumentenanalyse wurde ebenfalls deutlich, aus welchen lokalen Konstellationen heraus sich die einzelnen AGs entwickelt haben. So ist die AG am Standort 1 über den Vorstoss eines Einzelpolitikers initiiert worden. Aufgrund seines Postulats, in dem er sich auf verschiedene konkrete Gewaltvorfälle (z.B. Schlägereien zwischen Jugendlichen) gestützt hatte, beschloss der Gemeinderat schliesslich die Gründung der Arbeitsgruppe, in der auch der Initiant Mitglied ist. Diese AG ist in ihrer Zusammensetzung am politischen Spektrum orientiert, indem sich die AG-Mitglieder über alle Parteien verteilen. Die Leitung der AG wird vom Gemeindepräsidenten übernommen. Mit dieser Zusammensetzung ist der AG schon ein Charakteristikum bzw. eine Leitidee gegeben, nämlich die Orientierung an der Konkordanz. Hiermit ist die Orientierung an einem Gleichgewicht der unterschiedlichen Positionen (hier: Parteien) in der Zusammensetzung und die Suche nach einem für alle Beteiligten akzeptablen Kompromiss unter Beteiligung der verschiedenen Positionen gemeint. Diese dominierende Leitidee hat sich im weiteren Projektverlauf auch anhand der Gruppendiskussion hinsichtlich der Handlungsstrategien der AG bestätigt.

Im Gegensatz dazu weist die AG am Standort 2 eine ganz andere Entstehungsgeschichte und Prägung auf. Aufgrund verschiedener Postulate aus dem kommunalen Parlament war der Gemeinderat aufgefordert, zum Thema öffentlicher Raum generell Stellung zu nehmen und über einige gängige Praktiken Rechenschaft abzulegen bzw. seine Strategien hinsichtlich des Umgangs mit Alkoholkonsum, Littering, Gewaltvorfällen, Vandalismus und der Bewilligung von Veranstaltungen darzulegen. Neben diesen parlamentarischen Aufforderungen war der Gemeinderat mit den Ergebnissen einer Bevölkerungsbefragung konfrontiert, in der auch Meinungen zu den Themen Sicherheit und Sauberkeit im öffentlichen Raum abgefragt worden sind. In diesem Zusammenhang hat der Gemeinderat einen Handlungsbedarf im Interesse der Lebens- und Standortqualität des betreffenden Standortes festgestellt. Aus dieser Konstellation heraus wurde der Einsatz einer Arbeitsgruppe beschlossen, deren Mitglieder sich aus den höheren Verwaltungsetagen zusammensetzen. Hierbei sind alle Abteilungen der Verwaltung vertreten, die jedoch durch externe Fachstellen (vor allem aus dem Jugendbereich) ergänzt werden. Diese Entstehungsgeschichte und die damit verbundene Konstellation der Mitglieder macht die Arbeitsgruppe zu einer Art Subabteilung der kommunalen Verwaltung, welche eine interne Koordinationsfunktion zwischen den verschiedenen Massnahmen übernimmt und eine Aussenwirkung (gegenüber Bevölkerung und Gemeindeparlament) erzeugen muss.

Die am dritten Standort untersuchte Arbeitsgruppe ist schliesslich aus einer Reorganisation der Verwaltungsstrukturen und einer damit verbundenen Professionalisierung der kommunalen Dienste entstanden. Im Zuge dieser Reorganisation wurde ein Gremium zur Etablierung und Steuerung der Jugendarbeit geschaffen, das sich neben den Mitarbeitenden der Jugendarbeit auch aus Vertretern der Kirchen und des Gemeindeparlaments zusammensetzt. Die Funktionen der inhaltlichen Weiterentwicklung, der Budgetierung und des Controllings der Jugendarbeit haben sich im Laufe der Jahre dahingehend verändert, dass generell Jugendthemen behandelt werden und auch in entsprechende Aktionen, Projekte oder Massnahmen münden. Daraus ist bspw. eine gemeindeübergreifende Präventionskampagne gegen Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen entstanden. Im Verlauf dieser Entwicklung ist auch das Thema öffentlicher Raum (hauptsächlich in Verbindung mit Jugend) Thema des Gremiums geworden, so dass dort mittlerweile nicht nur das Budget der Jugendarbeit erarbeitet wird, sondern auch der angemessene Umgang mit Jugendlichen im öffentlichen Raum besprochen wird. Ein aus seiner Entstehungsgeschichte heraus ursprünglich professionsbezogenes Steuerungsorgan hat sich hier zu einem Gremium entwickelt, das öffentlichen Raum mit Fokus auf eine bestimmte Nutzergruppe thematisiert.

Gruppendiskussion

Auf Grundlage dieser Rekonstruktion der jeweiligen Entstehungsgeschichten sind mit den Arbeitsgruppen ca. zweistündige, leitfadenbasierte Gruppendiskussionen durchgeführt worden. Dass es sich bei den Teilnehmenden um Realgruppen gehandelt hat, die gemeinsame Diskussionen in dieser Zusammensetzung gewohnt sind, war für diesen Schritt der Datenerhebung von grossem Vorteil. (vgl. Przyborski/Wohlrab-Sahr 2008: 101 ff.; Flick 2011: 248 ff.). Über den Leitfaden wurden drei thematische Blöcke thematisiert, die jeweils mit einer offenen Einstiegsfrage eingeleitet wurden. An allen drei Standorten folgten auf diese Einstiegsfragen längere selbständig weitergeführte Diskussionssequenzen unter den Gruppenmitgliedern ohne Unterbrechung durch die Interviewenden. Ergänzende Vergewisserungsfragen hielten den Diskussionsfluss im weiteren Verlauf aufrecht und gaben Hinweise auf interessierende Aspekte, die im Falle einer Nicht-Erwähnung explizit angesprochen werden sollten.

Zu Beginn war die Gruppe nochmals aufgefordert worden, ihre Entstehungsgeschichte in eigenen Worten zu erklären und die Entwicklung bis zum aktuellen Zeitpunkt darzustellen. Anschliessend wurde nach der konkreten Arbeitsweise der AG und ihrer internen Arbeitsorganisation gefragt. Hier kam unter anderem zur Sprache, wie die AG zu den behandelten Themen kommt und inwiefern sich diese Themen im Verlauf der AG-Geschichte verändert haben. Bis zu diesem Zeitpunkt war in allen Gruppendiskussionen der Begriff öffentlicher Raum von den Teilnehmern selbst verwendet worden und explizit Gegenstand der verschiedenen Voten und Diskussionen, so dass in einem dritten Block auch explizit der Begriff des öffentlichen Raumes aufgegriffen wurde. Jedoch waren hierbei die AGs sehr offen und allgemein aufgefordert, vom öffentlichen Raum ihrer jeweiligen Gemeinde zu berichten. Während dieser Sequenzen wurden verschiedene Vorstellungen und Definitionen von öffentlichem Raum, zugeschriebene Funktionen und eventuell wahrgenommene Veränderungen in der Nutzung sowie beim Stellenwert von öffentlichem Raum erwähnt.

In Gruppendiskussionen können „kollektive Wissensbestände und kollektive Strukturen – die sich auf der Basis von existenziellen, erlebnismässigen Gemeinsamkeiten in konjunktiven Erfahrungsräumen bereits gebildet haben – zur Artikulation kommen“ (Przyborski/Wohlrab-Sahr: 105). In Bezug auf den hier interessierenden Gegenstand sollte über die Gruppendiskussionen das Charakteristische der AGs herausgearbeitet werden. Damit einhergehen z.B. Fragen danach, welches Selbstbild in der AG kursiert? Welche Funktion hat die AG für die Mitglieder? Welche Handlungsstrategien werden verfolgt? Welche äusseren Umstände werden von der AG als relevant erlebt? Dahinter steht die Vorstellung, dass die jeweiligen Arbeitsgruppen ihren Auftrag spezifisch auslegen, interpretieren und/oder umdefinieren, so dass sie als AG eine Art gemeinsame „kollektive Orientierung“ (Bohnsack 1989: 2000, zitiert nach Przyborski/Wohlrab-Sahr: 105) und Handlungsfähigkeit ausbilden.

Die Auswertung erfolgte im Sinne der Grounded Theory unter Rückgriff auf das Kodierparadigma in Anlehnung an Strauss/Corbin (1996) (siehe Abbildung 3).

Abbildung 3: Kodierparadigma in Anlehnung an Strauss/Corbin (1996)

Abbildung 3: Kodierparadigma in Anlehnung an Strauss/Corbin (1996)

Für jede Gruppendiskussion sind die Bestandteile des Kodierparadigmas über die Schritte des offenen, axialen und selektiven Kodierens erarbeitet und in Beziehung zueinander gesetzt worden. Die mittels Memos festgehaltenen Einzelbestandteile resultierten schliesslich in einer detaillierten Gesamtbeschreibung der Charakteristika der jeweiligen AGs.

Zu den Charakteristika der AGs gehören auch benannte Ziel- und (implizit bleibende) Anspruchsgruppen. Als Zielgruppen gelten hier Gruppen, die Ziel der jeweils initiierten Massnahmen sind und deren Handeln mittels bestimmter Massnahmen beeinflusst werden soll. Daneben sind jedoch noch Gruppen thematisiert worden, denen gegenüber eine Art Rechenschaftspflicht zu bestehen scheint. Diese Gruppen scheinen Ansprüche an die AG stellen zu können, welche durch die Arbeit der AG auch tendenziell befriedigt werden. Obwohl diese Anspruchsgruppen in keiner der AGs explizit thematisiert werden (und somit auch keine Auseinandersetzung mit deren Ansprüchen stattfindet), stehen sie in engem Zusammenhang mit der Entstehungsgeschichte sowie den Deutungen und Handlungsstrategien der Arbeitsgruppen.

Abbildung 4: Charakteristika der Arbeitsgruppen 1-3

Abbildung 4: Charakteristika der Arbeitsgruppen 1-3

In Abbildung 4 sind die Charakteristika der drei untersuchten Arbeitsgruppen zusammenfassend dargestellt.

Die linke Säule bezieht sich auf den Standort 1 und die dort aufgrund eines politischen Vorstosses installierte AG, welche sich stark an der Konkordanz orientiert und Massnahmen aufgrund ihrer politischen Realisierungschancen bewertet und initiiert. Diese Bewertung äussert sich z.B. als „aufwändiges Aushandeln des politisch Umsetzbaren“ in den Sitzungen der AG. Ihre Anspruchsgruppe ist eine diffus bleibende Wählerschaft. Dementsprechend liegt u.a. eine Motivation für die Mitglieder darin, als politische Vertreter an der Arbeitsgruppe teilzunehmen und somit Interesse für das Thema öffentlicher Raum und die Anliegen der Wählerschaft auszudrücken.

Demgegenüber sind die Charakteristika der Arbeitsgruppe am Standort 2 etwas anders gelagert. Hierbei handelt es sich um eine verwaltungsinterne Gruppe, die sich aus verschiedenen Funktionsträgern (Abteilungen) zusammensetzt und vom Gemeinderat aufgrund einer Bevölkerungsbefragung eingesetzt worden ist. Die AG wird von den Mitgliedern als schützender Rahmen geschätzt, der einzelne Funktionsträger und Abteilungen vor einer Sündenbock-Rolle schützt. D.h., wahrgenommene Probleme im Zusammenhang mit öffentlichem Raum können nicht mehr ohne weiteres einzelnen Abteilungen oder Personen angelastet werden, sondern nur noch an eine übergreifende Gruppe adressiert werden. Diese verwaltungsinterne Gruppe setzt sich jedoch aus Personen zusammen, die der Exekutive angehören und damit auch Beschlüsse aus der Arbeitsgruppe in konkrete Praktiken (Massnahmen) überführen. Aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte ist die AG sehr aussenwirkungsorientiert und thematisiert „die Bevölkerung“ als Anspruchsgruppe, in deren Interesse gehandelt wird.

In der rechten Säule ist schliesslich die AG des Standorts 3 dargestellt. Sie ist als Entwicklungs- und Controllinggremium für die lokale Jugendarbeit verankert und hat demzufolge zunächst einen Professionsfokus. In ihren Praktiken orientiert sich die Arbeitsgruppe jedoch weniger an fachlich-professionsbezogenen Standards oder Referenzgruppen. Vielmehr stehen das Etablieren der Jugendarbeit innerhalb der Gemeindestrukturen und eine positive Wahrnehmung durch die Gemeindebevölkerung im Vordergrund. Dies wird durch Vernetzen, Kommunizieren und Verständigen mit Eltern, Anwohnerinnen und Anwohnern des Jugendtreffs sowie der Gemeindebevölkerung insgesamt angestrebt.

Aufgrund der Kleinräumigkeit der Gemeinde und der dörflich-gemeinschaftlichen Strukturen erhält die Arbeit an der Akzeptanz (persönlich und professionell) der Jugendarbeit besonderes Gewicht. Diese Akzeptanz wird über die Anspruchsgruppe der Eltern (zum Teil auch ergänzt durch die Nachbarschaft des lokalen Jugendtreffs) wahrgenommen und bewertet. D.h., positive Rückmeldungen durch Eltern und Nachbarschaft zur Arbeit der Jugendarbeit werden als positive Rückmeldung auf die Arbeit der AG wahrgenommen. Auf der anderen Seite bedeuten Beschwerden von Anwohnern tendenziell eine Kritik an der Jugendarbeit und damit an der Arbeit der Arbeitsgruppe.

Über den ersten und zweiten Erhebungsschritt (Dokumentenanalyse und Gruppendiskussion) sind zusätzlich Informationen zu Orten und Personengruppen gesammelt worden, die für die AG von besonderem Interesse sind, bzw. an denen die von ihr initiierten Massnahmen ansetzen. Die für die AGs jeweils relevanten Orte konnten relativ schnell identifiziert und je nach Standort auf ca. fünf bis acht eingegrenzt werden (der örtliche Bahnhof ist bspw. für alle drei AGs ein zentraler Ort). Die Zielgruppen der AGs sind zum Teil in offiziellen Dokumenten benannt oder aber im Verlauf der Gruppendiskussion erwähnt worden. Dabei stellte sich heraus, dass Jugendliche und junge Erwachsene (ca. zwischen 14 und 25 Jahren) zur Zielgruppe aller drei AGs gehören. Am Standort 3 ist dies sogar die ausschliessliche Zielgruppe, was jedoch durch die Entstehungsgeschichte und Funktion der AG mitbestimmt ist.

Teilnehmende Beobachtung

Den Abschluss der dreiteiligen Datenerhebung bildeten Phasen teilnehmender Beobachtung an den jeweiligen Standorten. Hierfür wurden die Aussagen der AG-Mitglieder und Informationen aus der Dokumentenanalyse zu relevanten Orten und Zielgruppen verwendet. Die Begehungen konzentrierten sich hier auf die genannten Orte, an denen mit den von der AG genannten Zielgruppen vor Ort kurze spontane Interviews geführt wurden. Mit diesem Vorgehen ist ein Einlassen auf die Perspektive der AG verbunden, indem ihre Definitionen von relevanten Orten und Zielgruppen aufgenommen werden. Ausserdem ist damit verbunden, dass keine repräsentative Befragung von Nutzergruppen bestimmter Orte stattgefunden hat.

Die Interviews fanden sowohl an Wochentagen als auch am Wochenende zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten statt. Dabei sind meist kleine Gruppen von zwei bis vier Jugendlichen befragt worden. In den verschiedenen Phasen der Gespräche wurde zunächst der aktuelle Aufenthaltsort der Gruppe angesprochen und nach Handlungen sowie Gründen für die Wahl des Ortes gefragt. In diesen Sequenzen legten die Jugendlichen dar, welche Bedeutungen und Funktionen die Orte des öffentlichen Raums für sie jeweils haben. Die entsprechenden Orte sind Treffpunkte, Kommunikationsorte, Bühnen oder auch bewusst aufgesuchte Rückzugsorte, denen eine hohe Bedeutung zugemessen wird, die z.B. auch durch den fehlenden Konsumzwang bestärkt wird.

Zudem wurden die Jugendlichen nach ihren Erfahrungen mit bestimmten Massnahmen (z.B. Jugendpolizei, Wegweisung, Alkoholverbot) gefragt. Von ihren persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen ausgehend, stellten die befragten Jugendlichen auch ihre Wahrnehmung von bestimmten kommunalen Präventionskampagnen (z.B. Plakate im öffentlichen Raum sowie in öffentlichen Verkehrsmitteln) dar. Hierbei wurde vor allem der hohe Bekanntheitsgrad der betreffenden Kampagnen deutlich. Den ersten Kontakt mit diesen Kampagnen erfahren einige Jugendliche in der Schule; sei es auf dem Pausenhof oder in Workshops bzw. spezifischen Unterrichtseinheiten. Demgegenüber gaben einige Jugendliche auch an, Präventionskampagnen im öffentlichen Raum kaum noch wahrzunehmen bzw. sich durch diese nicht angesprochen zu fühlen. In diesem Zusammenhang wurde öffentlicher Raum als Freiraum thematisiert, der im Unterschied zur Schule nicht durch normative Appelle oder erzieherische Zugriffe beeinflusst werden sollte.

5. Standortübergreifende Erkenntnisse

Die Erkenntnisse des Forschungsprojektes sind auf unterschiedlichen Ebenen anzusiedeln. Zum einen lassen sich standortspezifische Aussagen treffen, die Deutungen und Handlungsstrategien der jeweiligen AGs sowie die lokalen Verflechtungen ansprechen (siehe hierzu auch Kapitel Datenerhebung und standortspezifische Erkenntnisse). Zum anderen können standortübergreifende Ergebnisse formuliert werden, die z.B. Gemeinsamkeiten über die drei Standorte hinweg aufgreifen.

Die Erkenntnisse beider Ebenen sind den Standortvertretern in Form von Thesen zurückgespiegelt worden. An einem gemeinsamen Workshop waren diese aufgefordert zu diskutieren, inwiefern sie sich in den Thesen wiederfinden oder inwiefern ihr Standort von den Thesen abweicht bzw. die Thesen hinsichtlich des Standortes differenziert werden müssen. Im Folgenden werden die Thesen vorgestellt und knapp umrissen:

  • AGs sind keine Instrumente, sondern Akteure

Die Arbeitsgruppen sind alle in Kontexten entstanden, in denen sie die Reaktion oder Antwort auf ein definiertes Problem oder einen Handlungsanlass darstellen. In diesem Sinn sind sie als Steuerungsinstrumente etabliert worden. Im Verlauf der Zeit haben sich die AGs jedoch von ihrem Entstehungskontext emanzipiert und definieren ihre Themen weitgehend selbst. Sie sind in gewisser Weise als Massnahmen geboren und zu proaktiven Thematisierungsakteuren herangewachsen.

  • Stille Regieanweisungen: die Verpflichtung gegenüber bestimmten Gruppen wird nicht thematisiert.

Alle drei AGs orientieren sich an den Interessen bestimmter Anspruchsgruppen (stakeholder). Dass den Interessen dieser Gruppen hohes Gewicht innerhalb der AG-Arbeit zugesprochen wird, ist jedoch nicht Gegenstand der Auseinandersetzung bzw. Reflektion. Wählerschaft, Bevölkerung und Eltern/Nachbarschaft bleiben eher diffus im Hintergrund.

  • Sprechen und Entscheiden über, und nicht mit den Zielgruppen.

Jede AG hat explizit oder implizit Zielgruppen der von ihr initiierten Massnahmen bestimmt. Diese Zielgruppen werden jedoch nicht direkt in die AG-Arbeit eingebunden, sondern ihre Perspektive scheint über zielgruppennahe AG-Mitglieder vertreten zu sein. Eine direkte Beteiligung der Zielgruppe Jugendliche ist in den untersuchten AGs nicht gewollt, sie wird nicht thematisiert oder die AG tut sich schwer damit (z.B. nach einem ersten negativ erlebten Versuch). Eine direkte Kommunikation zwischen AGs und Zielgruppen findet somit nicht statt.

  • Die Arbeitsgruppen entlasten und machen (wieder) handlungsfähig.

Die Arbeitsgruppen erfüllen unter anderem die Funktion einzelne Personen und Berufsgruppen (wie z.B. Polizei, Reinigungsbetriebe oder Sozialarbeit) zu entlasten und vor einer Sündenbock-Rolle zu bewahren. Die Zusammensetzung der AG über verschiedene Departements und Funktionsbereiche hinweg löst die Thematik öffentlicher Raum von einer alleinigen Zuständigkeit und Verantwortung. Diese Funktion wurde in den Gruppendiskussionen als grosser Gewinn und Entlastung für Einzelpersonen thematisiert. Im gemeinsamen Handeln kann ein Konsens zwischen den verschiedenen Mitgliedern gefunden werden, der auch als Verhandlungsergebnis nach aussen vertreten und kommuniziert werden kann. Auf diese Weise ermöglicht die Organisation als Arbeitsgruppe über ihre breite Abstützung eine (neue) Handlungsfähigkeit.

  • Öffentlicher Raum ist Verhandlungs- und Aushandlungssache.

An allen Standorten haben die Arbeitsgruppen je eigene Deutungsmuster von öffentlichem Raum formuliert. Öffentlicher Raum wird als Standortfaktor, als Abbild städtischer Gesellschaft oder als territorial gedachtes Gemeindegebiet (für das die Gemeindeverwaltung zuständig ist) entworfen. Diese Deutungen sind jedoch keine im Vorfeld bestimmten Definitionen, sondern richten sich wiederum nach dem Entstehungskontext der Arbeitsgruppe und dem Stellenwert ihres Standortes innerhalb der Region. Diese Deutungen werden jedoch kaum thematisiert und kommuniziert, sondern bleiben eher implizit. Es gibt über die Standorte hinweg demnach keinen übergreifenden Konsens in Bezug auf öffentlichen Raum, sondern lokalspezifische Definitionen, Funktionen und Bedeutungszuschreibungen, die wiederum die Handlungsstrategien und Art der initiierten Massnahmen beeinflussen.

6. Fazit und Ausblick

Das Forschungsprojekt hat unter anderem danach gefragt, welche Formen der Unordnung über kommunalpolitische Massnahmen bearbeitet werden sollen. Der Begriff Unordnung wird innerhalb der AGs sehr breit ausgelegt und umfasst je nach Standort a) diffus bleibende Phänomene („das Littering“, „die Jugendgewalt“), b) konzentriert sich auf konkrete Zielgruppen oder c) beinhaltet bestimmtes Verhalten jenseits konkreter Gruppen oder Phänomene (z.B. „Alkoholkonsum“, „Rücksichtslosigkeit“). Z.T. wird zwar unter Unordnung lediglich Littering verstanden, vor allem in den Gruppendiskussionen wurde jedoch klar, dass Unordnung auch mit allgemeineren gesellschaftlichen Zusammenhängen (z.B. wahrgenommene Folgeerscheinungen einer „24Std.-Gesellschaft“) in Verbindung gebracht wird. Begreift man Unordnung allgemein als abweichendes Verhalten, so wird in den Arbeitsgruppen abweichendes Verhalten sowohl mit Verstoss gegen straf- und ordnungsrechtliche Normen behandelt als auch so genannte incivilities. Diese Ungezogenheiten oder Anstoss erregende Verhaltensweisen, welche zunächst keinen gesetzlichen Verstoss darstellen, werden durch Massnahmen als abweichendes Verhalten qualifiziert. Diese Qualifizierung ist abhängig von der jeweiligen Interpretation innerhalb der AGs.

In der doppelten Thematisierung von abweichendem Verhalten – sowohl auf Basis gesetzlich verankerter Definitionen als auch in Form von incivilities – besteht eine besondere Herausforderung für die untersuchten Arbeitsgruppen, da sie Gefahr laufen, sich von einer implizit bleibenden Normativität leiten zu lassen.

Anspruch des Forschungsprojektes war in diesem Zusammenhang auch, den Praxispartnerinnen und Standortvertretern eine Art reflexiven Spiegel und Raum zur Diskussion der Forschungsergebnisse anzubieten. Dieser Anspruch geht einher mit einer Haltung, die sich an einer kooperativen Wissensbildung orientiert (vgl. Gredig/Sommerfeld 2007) und weniger einen einseitigen „‘transfer of knowledge‘ from science to practice“ (ebd.: 1) anstrebt.

Gredig/Sommerfeld (2007) schlagen hierfür das model of cooperative knowledge production (siehe Abbildung 5) vor, das sie jedoch zunächst explizit auf sozialarbeiterische Kontexte anwenden. Hierbei werden „sciene“ und „practice“ als eigenständige Prozesse entworfen, die sich zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung bzw. Innovation und Routine bewegen. Mit „Cooperation“ wird die Phase bezeichnet, in der professionelle Praxis ihre Routinen durch Innovation verändert, indem sie u.a. wissenschaftsbasiertes Wissen, Forschungsergebnisse, Irritationen und/oder theoretische Ansätze aufnimmt bzw. diese in ihre Routinen einbindet oder überführt. Dies ist gleichzeitig die Phase, in der Wissenschaft den Bereich der Grundlagenforschung verlässt und als angewandte Wissenschaft Elemente für eine Praxis erarbeitet und zur Verfügung stellt.

Abbildung 5: Model of cooperative knowledge production nach Gredig/Sommerfeld (2007)

Abbildung 5: Model of cooperative knowledge production nach Gredig/Sommerfeld (2007)

Im Zuge des hier beschriebenen Forschungsprojektes wurde diese Phase in Form eines Abschlussworkshops initiiert. Dort sind die standortspezifischen und standortübergreifenden Thesen vorgestellt und innerhalb der einzelnen Arbeitsgruppen diskutiert worden. Dieses Vorgehen hat sich als fruchtbar erwiesen, da die Thesen zu einem intensiven Austausch angeregt haben und zum Teil sehr kontrovers diskutiert worden sind.

Auf diese Weise konnten die über Dokumentenanalyse, Gruppendiskussion und teilnehmende Beobachtung erarbeiteten Erkenntnisse wieder in die Prozesse der Praxis zurückfliessen und von den Arbeitsgruppen für ihre spezifischen Kontexte reflektiert werden.

Das zu Beginn formulierte Erkenntnisinteresse, kommunale Prozesse und Zusammenhänge im Kontext von Massnahmen im öffentlichen Raum nachvollziehen zu wollen, ist vor allem auf den grossen Einfluss der lokalen Spezifik gestossen.

Innerhalb der zu Beginn aufgezeigten Heuristik (Abbildung 1) gibt es keine zwingende Linearität. D.h., an den Standorten gibt es keine zwingenden Verbindungen zwischen Thematisierung, Massnahme und Phänomen. Es existiert jedoch ein Fächer von möglichen Reaktionen, Massnahmen bzw. Diskussionsverläufen. Dieser Fächer spiegelt das Denk- und Sagbare im Diskurs um Massnahmen im öffentlichen Raum, indem alle Massnahmen die jeweiligen politischen Entscheidungsverfahren durchlaufen müssen oder vor den parlamentarischen Gremien gerechtfertigt werden müssen. 

Wie aufgezeigt werden konnte, spielen die Art der ursprünglichen Thematisierung, die Entstehungsgeschichte und Zusammensetzung der AG sowie ihre Deutungen und Handlungsstrategien eine massgebliche Rolle für die Formulierung bestimmter Massnahmen, Ziel- und Anspruchsgruppen. Es sind viele Wege möglich – aber der lokale Kontext entscheidet über die Richtung!

Die Anlage als DORE-Projekt, welche eine enge Zusammenarbeit mit den beteiligten Akteuren vor Ort voraussetzt, hat diesen Blick hinter die Kulissen sehr begünstigt. Gemäss einer Grundhaltung, die von einer gegenseitigen Wertschätzung geprägt ist, hat sich auch die Form des gemeinsamen Workshops als Projektabschluss bewährt. Als kritisch-reflexiver Spiegel verstanden und hinsichtlich der lokalen Kontexte diskutiert, stellen die Erkenntnisse somit neue Impulse ausserhalb der Routine dar.

Literatur

Albus, Stefanie/Micheel, Heinz-Günter/Polutta, Andreas (2011): Wirksamkeit. In: Otto, H.-U./Thiersch, H. (2011): Handbuch Soziale Arbeit. München: Ernst Reinhardt. S. 1727-1734.

Bauman, Zygmunt (2007, orig. 1995): Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen. Hamburg: Hamburger Edition.

Belina, Bernd (2006): Raum, Überwachung, Kontrolle. Vom staatlichen Zugriff auf städtische Bevölkerung. Münster: Westfälisches Dampfboot.

Berger, Peter L./Luckmann, Thomas (2007, orig. 1966): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. 21. Auflage. Frankfurt am Main: Fischer.

Beyes, Timon (2007): Was macht die Stadt zur Stadt? Gespräch zwischen Marcel Elsener und Timon Beyes. In: St. Galler Tagblatt vom 17.11.2007. http://www.tagblatt.ch/tagblatt-alt/tagblattheute/hb/kultur/tb-ku/art855,159346, Stand 27.11.2012.

Beyes, Timon (2008): Ordnung, Unordnung und Emergency Design. In: Blechinger, Gerhard/Milev, Yana (2008): Emergency Design. Designstrategien im Arbeitsfeld der Krise. Wien: Springer, S. 137-146.

Bohnsack, Ralf (1989): Generation, Milieu und Geschlecht – Ergebnisse aus Gruppendiskussionen mit Jugendlichen. Opladen: Leske+Budrich.

Eisner, Manuel (2000): Lebensqualität und Sicherheit im Wohnquartier. Chur: Rüegger.

Flick, Uwe (2011): Qualitative Sozialforschung. Eine Einführung. Reinbek: rowohlt

Gredig, Daniel/Sommerfeld, Peter (2007): New Proposals for generating and exploiting solution-oriented knowledge. In: Research on Social Work Practice. Online veröffentlicht 12. Juni 2007, http://rsw.sagepub.com/content/early/2007/06/12/1049731507302265.full.pdf+html, Stand 26.11.2012

LINK Focus 15: Städtevergleich. http://www4.link.ch/fileadmin/user_upload/LINK_Focus/LINK_Focus_15.pdf; Stand 28.11.2012

Otto, Hans-Uwe/Polutta, Andreas/Ziegler, Holger (2010): What Works – Welches Wissen braucht die Soziale Arbeit? Zum Konzept evidenzbasierter Praxis. Opladen & Farmington Hills: Barbara Budrich.

Przyborski, Aglaja/Wohlrab-Sahr, Monika (2008): Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch. München: Oldenbourg

Sidler, Nikolaus (1999): Problemsoziologie. Eine Einführung. Freiburg i. Br.: Lambertus.

Strauss, Anselm/Corbin, Juliet (1996): Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Abbildungen

Abbildung 1: Heuristik zur Darstellung des Erkenntnisinteresses

Abbildung 2: Ablauf der Datenerhebung

Abbildung 3: Kodierparadigma in Anlehnung an Strauss/Corbin (1996).

Abbildung 4: Charakteristika der Arbeitsgruppen 1-3

Abbildung 5: Model of cooperative knowledge production nach Gredig/Sommerfeld (2007)


Fussnoten

[1] Mit Interpellation, Postulat und einfacher Anfrage stehen den Schweizerischen Parlamentsmitgliedern auf Gemeinde-, Kantons- und Bundesebene Kontrollmechanismen zur Verfügung, mittels derer die jeweilige Regierung (z.B. Stadtrat) zu unterschiedlichen Formen der Rechenschaftslegung (Auskunft und Diskussion, Prüfung, Beantwortung) über einen bestimmten Gegenstand aufgefordert wird.

[2] Weitere Informationen zum Förderprogramm DORE unter http://www.snf.ch/d/aktuell/snfinfo/foerderungspolitik/seiten/default.aspx?NEWSID=1438&WEBID=705D0BF9-BC95-43E6-BF65-F8B316A4D74E

[3] Zum Diskurs um „what works“ bzw. evidenzbasierter Praxis und Wirkungsorientierung in der Sozialen Arbeit siehe z.B. Otto/Polutta/Ziegler (2010); Albus/Micheel/Polutta (2011).


Zitiervorschlag

Caroline Fritsche, Christian Reutlinger: Massnahmen im öffentlichen Raum. In: sozialraum.de (4) Ausgabe 2/2012. URL: http://lise.sozialraum.de/massnahmen-im-oeffentlichen-raum.php, Datum des Zugriffs: 27.04.2017

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